Die Diskrepanz zwischen Marketingbudget und Sicherheitslücken ist alarmierend
Die Deutsche Bahn AG sieht sich mit massiver Kritik an ihrer Allokation von Finanzmitteln konfrontiert. Im Zentrum des Eklats steht die Webserie „Boah, Bahn!“, für die der Staatskonzern nach Recherchen der „Bild am Sonntag“ rund sieben Millionen Euro aufgewendet hat. In der Hauptrolle ist Entertainerin Anke Engelke zu sehen.

Diese Investition in Humor wirkt angesichts der realen Bedrohungslage im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zynisch. Analysten und Politiker rechnen vor: Das Budget der Werbekampagne entspricht den Jahresgehältern von circa 100 Sicherheitskräften. Diese hätten dringend benötigt werden können, um die Sicherheit in Zügen und an Bahnhöfen zu erhöhen.
Besonders brisant ist der zeitliche Kontext der Ausgaben. Kurz vor Bekanntwerden der Millionen-Summe hatte die Bahn die beliebte und kostengünstige Familienreservierung gestrichen, bei der Familien für 5,50 Euro Sitzplätze reservieren konnten. Sparmaßnahmen treffen somit direkt den Endkunden, während das Marketingbudget unangetastet blieb.
Politische Empörung entzündet sich an der Geheimhaltungspraxis
Das Verkehrsministerium und der Bahn-Vorstand versuchten offenbar, die exakten Kosten der Kampagne unter Verschluss zu halten. Informationen hierzu wurden als Betriebsgeheimnisse eingestuft. Bundestagsabgeordnete erhielten lediglich Einsicht in der Geheimschutzstelle des Parlaments und unterlagen einer Schweigepflicht.
Diese Intransparenz führte zu erheblichem Unmut im Bundestag. Der innenpolitische Sprecher der SPD, Sebastian Fiedler, kündigte ein Nachspiel im Innen- und Verkehrsausschuss an. Die politische Bewertung ist eindeutig: In Zeiten steigender Gewalt gegen Bahnpersonal sind derartige Ausgaben kaum zu rechtfertigen.
„Für dieses Geld hätten mindestens 100 zusätzliche Sicherheitskräfte ein Jahr lang bezahlt werden können“
So kommentierte Sebastian Fiedler (SPD) die Budgetallokation gegenüber der „Bild am Sonntag“.

Gewerkschaftskritik entlarvt die interne Stimmungslage als fatal
Michael Peterson, DB-Vorstand für den Personenfernverkehr, hatte die Serie ursprünglich als „humorvolle Liebeserklärung an die Mitarbeitenden“ bezeichnet. Diese Rhetorik stößt bei Arbeitnehmervertretern auf Unverständnis, insbesondere vor dem Hintergrund tragischer Vorfälle wie der Tötung des Zugbegleiters Serkan C. nach einem Angriff durch einen Fahrgast.
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) verweist seit Jahren auf die zunehmende Verrohung und die steigende Zahl von Übergriffen auf das Personal. Statt PR-Kampagnen fordert die Interessensvertretung materielle Investitionen in den Arbeitsschutz.
„Ob nicht die Sanierung aller Pausenräume oder eine flächendeckende Ausstattung mit Bodycams die bessere Liebeserklärung gewesen wäre?“
Dies fragte Martin Burkert, Vorsitzender der EVG, rhetorisch im Hinblick auf die sieben Millionen Euro.
Der Konzern zieht die Notbremse für künftige Projekte
Als Reaktion auf die politisch und gesellschaftlich angespannte Lage hat die Deutsche Bahn Konsequenzen gezogen. Eine Fortsetzung der Serie im Jahr 2026 ist offiziell abgesagt. Während der Konzern betont, das Budget bewege sich im branchenüblichen Rahmen, wird intern eingeräumt, dass das Format „nicht in die Zeit passe“.
Offiziell verweigert die Bahn weiterhin detaillierte Angaben zu den Kosten und beruft sich auf Geschäftsgeheimnisse. Die politische Aufarbeitung im Bundestag dürfte jedoch dafür sorgen, dass der Druck auf den Vorstand hinsichtlich der Mittelverwendung hoch bleibt.



