Der geplante 7-Milliarden-Deal hebelt die Machtverhältnisse im globalen Halbleitermarkt aus
Der japanische Autozulieferer Denso, weltweit die Nummer zwei hinter Bosch, plant einen massiven strategischen Angriff. Mit einem Angebot von über sieben Milliarden Euro prüft der Toyota-Lieferant die Übernahme des Chipkonzerns Rohm. Dieser Schritt würde nicht nur die innerjapanische Lieferkette konsolidieren, sondern den Wettbewerbsdruck auf die deutschen Platzhirsche Infineon und Bosch drastisch erhöhen.

Die Märkte reagierten prompt auf die Berichte des „Nikkei“ und Bestätigungen seitens Rohm. Der Aktienkurs des Chipherstellers schoss um fast 20 Prozent in die Höhe – der stärkste Anstieg seit 26 Jahren. Denso hingegen verzeichnete leichte Kursverluste, signalisiert jedoch die Bereitschaft, die eigenen strategischen Optionen inklusive eines Anteilskaufs voll auszuschöpfen.
„Nun, da ein Akteur aus einer höheren Ebene hinzugekommen ist, ist es möglich, dass es zu einer Umstrukturierung der Leistungshalbleiterindustrie kommt, die effektiv von den Kunden vorangetrieben wird.“, so Hideki Yasuda, Analyst bei Toyo Securities Co.
Für die deutschen Marktführer Bosch und Infineon wächst das Risiko von Marktanteilsverlusten signifikant
Die Übernahme trifft die deutsche Industrie an einer empfindlichen Stelle. Bosch und Denso sind direkte Konkurrenten und gehören zu den wenigen Tier-1-Zulieferern mit eigener Halbleiterfertigung. Während Wettbewerber wie ZF oder Continental auf Zukäufe angewiesen sind, stärkt Denso mit Rohm seine vertikale Integration massiv.
Besonders delikat ist die Lage für den DAX-Konzern Infineon. Als weltweit größter Hersteller von Autochips generiert das Unternehmen rund die Hälfte seines Umsatzes in diesem Sektor. Denso ist nicht nur einer der wichtigsten Kunden von Infineon, sondern hält auch eine direkte Beteiligung am Münchener Konzern. Eine Verschiebung der Einkaufspolitik von Denso zugunsten von Rohm hätte spürbare bilanzielle Konsequenzen.
„2025 war ein schwieriges, teils auch schmerzhaftes Jahr für Bosch.“, so Bosch-Chef Stefan Hartung.
Durch die Rohm-Tochter Sicrystal gerät der Standort Nürnberg in den strategischen Fokus der Japaner
Die Auswirkungen des Deals reichen bis nach Franken. In Nürnberg betreibt die Rohm-Tochter Sicrystal eine spezialisierte Fertigung für Siliziumkarbid (SiC). Dieses Material ist der essenzielle Grundstoff für moderne Stromsparchips, die in Elektrofahrzeugen und Rechenzentren zum Einsatz kommen.
Sicrystal fungiert als Zulieferer für Schwergewichte wie Infineon und STMicroelectronics. Sollte Denso die Kontrolle über Rohm und damit über Sicrystal übernehmen, könnte dies den Zugriff europäischer Chiphersteller auf kritische Vormaterialien komplizieren. Rohm hatte das Werk in den vergangenen Jahren bereits signifikant erweitert, um global eine bedeutende Rolle zu spielen.
Der aggressive Vorstoß Chinas zwingt die japanische Industrie zur schnellen nationalen Allianzbildung
Hintergrund der Fusion ist der wachsende Druck durch chinesische Konkurrenten. Unternehmen wie der Autohersteller BYD drängen aggressiv in den Markt für Leistungshalbleiter und sind mittlerweile zur weltweiten Nummer sieben aufgestiegen. Westliche Anbieter verlieren im wichtigen chinesischen Markt zunehmend an Boden.

Japan reagiert hierauf mit der Schaffung eines starken lokalen Ökosystems, eine Strategie, die in Europa bisher weniger konsequent verfolgt wird. Europäische Gegenübernahmen sind aufgrund der hohen Börsenbewertungen von Infineon (ca. 50 Mrd. Euro) oder STMicroelectronics (ca. 25 Mrd. Euro) für Zulieferer derzeit kaum finanzierbar.
„Die westlichen Player müssen sich neu formatieren und ihre Claims in ihren Regionen abstecken.“, so ein Industrieinsider.

