27. Januar, 2026

Wirtschaft

Milliardenrisiko: Wie der hohe Krankenstand 40 Mrd. Euro verbrennt

Eine VFA-Analyse beziffert den enormen volkswirtschaftlichen Schaden durch Fehlzeiten. Während die Politik über Telefon-Atteste streitet, identifizieren Ökonomen andere Ursachen für den Einbruch der Wertschöpfung.

Milliardenrisiko: Wie der hohe Krankenstand 40 Mrd. Euro verbrennt
Ökonomen warnen: Fehlzeiten entsprechen 300.000 fehlenden Arbeitskräften. Politik diskutiert Telefon-Attest, Daten zeigen andere Ursachen.

Der volkswirtschaftliche Schaden beläuft sich auf jährlich 40 Milliarden Euro

Die deutsche Wirtschaft verzeichnet massive Wertschöpfungsverluste durch anhaltend hohe Krankenstände. Nach Berechnungen des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) summieren sich die Einbußen der letzten vier Jahre auf bis zu 160 Milliarden Euro. Dies entspricht einem jährlichen Verlust von durchschnittlich 40 Milliarden Euro, der die ohnehin fragile konjunkturelle Erholung zusätzlich belastet.

VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen beziffert den Verlust in der Bruttowertschöpfung auf konservativ geschätzt 0,3 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In pessimistischeren Szenarien nähert sich dieser Wert sogar der Ein-Prozent-Marke. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Fehlzeiten längst kein rein betriebswirtschaftliches Problem mehr sind, sondern makroökonomische Dimensionen erreicht haben.

Besonders alarmierend ist die Diskrepanz zum langjährigen Mittel. Im vergangenen Jahr lag der Krankenstand mit 5,7 Prozent rund zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2019. Die hierbei entstehenden Kosten für die Sozialversicherungssysteme sind in der VFA-Schätzung noch nicht einmal inkludiert.

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Atemwegserkrankungen treiben die Fehlzeiten massiv in die Höhe

Die Analyse der Daten zeigt eine klare Korrelation zwischen Infektionswellen und Wirtschaftseinbußen. Ein signifikanter Anstieg des Krankenstands war von 2021 auf 2022 zu verzeichnen. Laut VFA ist dieser Sprung primär auf Atemwegserkrankungen wie Grippe, RSV und Covid-Infektionen zurückzuführen. Auch wenn sich die Werte seitdem leicht konsolidiert haben, verharren sie auf einem überdurchschnittlichen Plateau.

Im internationalen Vergleich sind Arbeitnehmer in Deutschland häufiger krankgemeldet. Dies wird durch weltweit stärkere Grippewellen in den letzten vier Jahren sowie eine ungewöhnlich schwere RSV-Welle im Jahr 2023 in Deutschland flankiert. Die Datenlage deutet darauf hin, dass medizinische Faktoren die Haupttreiber der Entwicklung sind, nicht eine generelle Veränderung der Arbeitsmoral.

Die telefonische Krankschreibung hat keinen statistisch messbaren Negativeffekt

Trotz der eindeutigen medizinischen Datenlage fokussiert sich die politische Debatte auf regulatorische Maßnahmen. Bundeskanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) stellen die Praxis der telefonischen Krankschreibung infrage, um Missbrauch einzudämmen. Merz kritisierte jüngst den Schnitt von 14,5 Krankentagen pro Beschäftigtem.

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Der VFA widerspricht dieser Kausalität deutlich. Die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung existiert bereits seit 2020, während der signifikante Anstieg der Fehlzeiten erst 2022 erfolgte. Ein direkter Zusammenhang ist somit analytisch kaum haltbar. Zudem verzeichnen Ärzte seit 2022 anhaltend mehr physische Praxisbesuche, was für eine tatsächliche Zunahme der Morbidität spricht.

Unternehmen können auf 300.000 Arbeitskräfte dauerhaft nicht verzichten

Angesichts des demografischen Wandels warnt Chefvolkswirt Michelsen vor strukturellen Engpässen. Der aktuelle Krankenstand entspreche dem rechnerischen Ausfall von 300.000 Erwerbstätigen. In einer Phase sinkenden Erwerbstätigenpotenzials ist dieser Ressourcenverlust für den Standort Deutschland kaum kompensierbar.

Ökonomen und der Pharmaverband plädieren daher für eine Stärkung der Prävention statt einer Verschärfung der Bürokratie. Investitionen in die Gesundheitsvorsorge, wie etwa breit angelegte Grippe-Impfkampagnen, werden als effektiver Hebel gesehen, um die Wertschöpfung zu stabilisieren und die Produktionsausfälle in einem schwachen Wachstumsumfeld zu minimieren.