Der historische Nato-Beitritt Schwedens katapultiert die Auftragsbücher des Saab-Konzerns in nie gekannte Rekordhöhen
Wer die schwedische Autobahn E4 an der Abfahrt Linköping Östra verlässt, wird unmittelbar mit der industriellen Realität der Region konfrontiert. Das unübersehbare Logo des größten schwedischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns an der lokalen Eishockeyarena markiert das Territorium einer ganzen Branche. Linköping ist nicht nur eine renommierte Universitätsstadt, sondern das unangefochtene Zentrum der schwedischen Kampfflugzeugproduktion. Seit den 1930er-Jahren fungiert die Stadt als technologische Wiege der schwedischen Luftwaffe, wo bereits während des Zweiten Weltkriegs in massiven unterirdischen Anlagen Sturzkampfbomber vom Band liefen.
Heute hat der maßgeblich von der einflussreichen Wallenberg-Familie kontrollierte Konzern das Erbe der Vergangenheit in ein hochmodernes Rüstungsimperium transformiert. Mit der endgültigen Abkehr von der defizitären Automobilsparte vor einem Vierteljahrhundert fokussiert sich Saab heute zu einhundert Prozent auf militärische Hochtechnologie. Diese strategische Bereinigung zahlt sich im aktuellen geopolitischen Klima massiv aus. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine im Jahr 2022 und der darauffolgende Nato-Beitritt Schwedens fungierten als beispielloser Katalysator für das Geschäftsvolumen.

Die nackten Zahlen belegen eine fundamentale Marktverschiebung: Der Auftragseingang des Unternehmens explodierte im vergangenen Jahr um 74 Prozent auf den Rekordwert von rund 16 Milliarden Euro. Flankiert wird diese Bilanz von internationalen Großaufträgen, darunter 17 Gripen-Kampfjets für Kolumbien sowie zwei GlobalEye-Luftüberwachungssysteme für die französische Armee. Dennoch machte das strategisch wichtige Geschäft mit dem deutschen Bund im Jahr 2025 lediglich sechs Prozent des Gesamtumsatzes aus – eine Diskrepanz, die das Management nun aggressiv korrigieren will.
„Deutschland ist für uns ein absolutes Schlüsselland“, so Micael Johansson, CEO von Saab.
Das deutsch-französische Kampfflugzeugprojekt FCAS steht auf der Kippe und zwingt Berlin zur Suche nach technologischen Alternativen
Während die Auftragsbücher in Linköping überquellen, blickt die europäische Verteidigungsindustrie nervös auf das politische Ringen um das Future Combat Air System (FCAS). Das multinationale Milliardenprojekt, das die Luftwaffe der Zukunft definieren soll, leidet unter massiven innereuropäischen Friktionen zwischen Berlin und Paris. Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron haben die Frist für eine finale Entscheidung über die Fortführung des Projekts auf Mitte April 2026 terminiert. Hinter den Kulissen bereiten sich Konzerne wie Airbus bereits auf ein potenzielles Scheitern vor und eruieren Alleingänge.
Genau in dieses strategische Vakuum stößt Saab. Der schwedische Konzern verfügt über ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal: Neben der französischen Dassault ist Saab der einzige europäische Hersteller, der die umfassende technologische Kapazität besitzt, ein modernes Kampfflugzeug vollständig in Eigenregie zu entwerfen, zu entwickeln und zu fertigen. Diese industrielle Autarkie macht die Schweden zum logischen Back-up für die deutsche Bundeswehr, falls die Kooperation mit Frankreich endgültig kollabiert.

Die politische Flankierung für dieses Szenario wird in Berlin bereits in Stellung gebracht. Führende Verteidigungspolitiker erkennen die Dringlichkeit, technologische Abhängigkeiten zu diversifizieren und nicht blind auf den Erfolg von FCAS zu vertrauen. Eine schwedisch-deutsche Allianz könnte nicht nur die technologische Basis Europas stärken, sondern auch die festgefahrenen politischen Blockaden umgehen.
„Statt mit Frankreich sollten Deutschland und Spanien lieber mit dem schwedischen Saab-Konzern ein neues Kampfflugzeug entwickeln“, so Volker Mayer-Lay, Berichterstatter für die Luftwaffe im Verteidigungsausschuss des Bundestags.
Der gezielte Technologietransfer nach Nürnberg manifestiert die strategische Unterwanderung des deutschen Rüstungsmarktes durch Saab
Um bei künftigen Vergabeverfahren in Deutschland nicht als außenstehender Profiteur, sondern als integrierter Partner wahrgenommen zu werden, setzt Saab massiv auf lokale Wertschöpfung. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Standort Nürnberg. Mittlerweile arbeiten dort mehr als 300 hochspezialisierte Fachkräfte an der Anpassung der hauseigenen Arexis-Software. Diese elektronische Kampfführungsarchitektur ist von kritischer Bedeutung, um die deutschen Eurofighter-Bestände für die Anforderungen moderner asymmetrischer Konflikte und der elektronischen Kriegsführung nachzurüsten.

Die personelle Expansion am fränkischen Standort verläuft rasant. Monatlich erweitert der Konzern die lokale Belegschaft um rund zehn neue Ingenieure, wobei massiv in Forschung und Entwicklung investiert wird. Dieser strategische Kompetenzaufbau vor Ort signalisiert dem deutschen Verteidigungsministerium, dass Saab bereit ist, technologisches Know-how dauerhaft in Deutschland zu verankern, anstatt es in Schweden zu monopolisieren.
Die Bemühungen um eine tiefe Verwurzelung in der deutschen Gesellschaft beschränken sich dabei nicht nur auf militärische Hardware. Das Management verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, um die Markenbekanntheit zu steigern und Vertrauen in der Bevölkerung aufzubauen. Sichtbarstes Zeichen dieser Charmeoffensive ist das jüngste Sponsoring-Engagement: Seit vergangenem Sommer fungiert der Rüstungskonzern als Premiumpartner des Traditionsvereins 1. FC Nürnberg.
„Das ist ein Technologietransfer von dem, was wir auf der Fighterseite in Schweden gemacht haben, hin zu deutschen Arbeitsplätzen“, so Micael Johansson, CEO von Saab.
Die Munitions- und Lenkwaffensparte in Karlskoga entwickelt sich durch Automatisierung zum profitabelsten Wachstumssegment des Rüstungsgiganten
Während die Kampfflugzeuge das prestigeträchtige Aushängeschild bilden, liegt der wahre finanzielle Wachstumsmotor des Konzerns im mittelschwedischen Karlskoga. Die historische Produktionsstätte, deren Wurzeln auf den Dynamiterfinder Alfred Nobel zurückgehen, fungiert heute als zentraler Ankerpunkt für die hochprofitable Bodenkampfsparte. Hier bündelt Saab die Fertigung von präzisionsgelenkter Munition und hochentwickelten Waffensystemen auf einem der größten privaten Testgelände Europas.
Die personelle Skalierung in Karlskoga verdeutlicht die drängende Nachfrage der europäischen Armeen: Seit Beginn des Ukraine-Krieges stellt Saab hier jeden Monat 100 neue Fachkräfte ein. Um die enormen Produktionsziele zu erreichen, investiert der Konzern parallel massiv in Automatisierung und Robotik. Zünder und komplexe Lenkflugkörpersysteme werden in hochspezialisierten Schichtbetrieben montiert, wobei Roboter zunehmend die Endmontage der unter dem Mikroskop gefertigten Präzisionsbauteile übernehmen.
Diese Fertigungskapazitäten sind für Deutschland von immanenter Bedeutung. Saab kooperiert bereits intensiv mit dem bayerischen Unternehmen MBDA Deutschland bei der Produktion und Modernisierung des Marschflugkörpers Taurus KEPD 350. Ende 2025 folgte folgerichtig der Auftrag zur Entwicklung des Nachfolgers Taurus neo. Auch mit dem Nürnberger Konzern Diehl Defence existieren tiefe Verflechtungen, etwa bei der Luft-Luft-Rakete IRIS-T und dem hochkomplexen Seezielflugkörper RBS15. Saab drängt in diesem Segment vehement auf eine tiefere europäische Integration, um die exorbitanten Stückzahlen wirtschaftlich darstellen zu können.
„Wir gehen von einer fünf- bis zehnfachen Steigerung in bestimmten Produktbereichen aus“, so Micael Johansson, CEO von Saab.
Anstatt auf aggressive Verdrängung setzt das Management auf diplomatische Kooperationen zur Festigung der europäischen Marktmacht
Der strategische Ansatz des schwedischen Konzerns unterscheidet sich elementar vom Vorgehen US-amerikanischer Rüstungsgiganten. Saab versteht es meisterhaft, sich über Joint Ventures und gezielte Zulieferverträge in bestehende europäische Ökosysteme einzunisten. Ein exemplarisches Beispiel ist das etablierte Verhältnis zum europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus. Bereits heute liefert Saab essenzielle Systeme zur elektronischen Kampfführung für den deutschen Eurofighter und plant tiefgreifende Joint Ventures für unbemannte Begleitflugzeuge.

Diese diplomatische Expansion wird von Branchenexperten als äußerst smart bewertet. Durch den Verzicht auf feindliche Übernahmen und die stattdessen favorisierte Nischenbesetzung entzieht sich Saab den klassischen nationalen Abwehrreflexen protektionistischer Regierungen. Auch bei den lukrativen Radar- und Frühwarnsystemen zeigt sich diese Taktik: Das auf Bombardier-Jets basierende GlobalEye-System gilt bei Verteidigungsminister Boris Pistorius bereits als absoluter Favorit für die Ergänzung der Nato-Aufklärungsflotte, was weitere Milliarden in die schwedischen Kassen spülen dürfte.
Letztlich demonstriert Saab, wie ein ehemals mittelgroßer nationaler Champion durch geopolitische Verwerfungen und kluge Allianzen in die absolute Champions League der Rüstungsindustrie aufsteigen kann. Sollte die deutsch-französische Kampfjet-Achse im April 2026 tatsächlich zerbrechen, stünden die Schweden nicht nur bereit – sie wären schlichtweg die einzige technologisch potente Option, die Europa noch bliebe.
„Wir versuchen, nicht auf zu viele Zehen zu treten, sondern vielmehr unsere Nischen und Partnerschaften da zu finden, wo es Sinn ergibt, sich zu etablieren“, so Micael Johansson, CEO von Saab.



