Der D-Day in der Provinz markiert das Ende der Goldgräberstimmung
In der Welt der glitzernden Messestände und vollmundigen Ausbauversprechen herrscht plötzlich eisige Stille. Wo im Vorjahr auf der Branchenmesse Fiberdays noch Freibier und Cappuccino flossen, klaffte dieses Jahr eine Lücke, die symbolischer nicht sein könnte. Die Deutsche Glasfaser, einst das Flaggschiff des privaten Breitbandausbaus, glänzte durch Abwesenheit. Brancheninsider sprechen hinter vorgehaltener Hand vom „D-Day“ für das Unternehmen. Es ist der Moment der Wahrheit für ein Geschäftsmodell, das auf billigem Geld und grenzenlosem Optimismus gebaut war.
Seit Monaten wartet die gesamte Telekommunikationsbranche auf ein Lebenszeichen, einen verlässlichen Plan, wie der massive Schuldenberg von rund sieben Milliarden Euro abgetragen werden soll. Die Pressestelle des Unternehmens wiegelt zwar ab und erklärt das Fehlen auf der Messe damit, dass man „nicht auf allen Hochzeiten tanzen“ könne, doch die Realität in den Verhandlungszimmern sieht weitaus düsterer aus. Dort ringen die Eigentümer – der schwedische Investor EQT und der kanadische Pensionsfonds Omers – mit einem Heer von Gläubigern um das nackte Überleben.
Der Wind hat sich gedreht. Während der deutsche Staat händeringend nach Partnern für die Digitalisierung sucht, sitzen die privaten Geldgeber auf glühenden Kohlen. Die Kombination aus rasant gestiegenen Zinsen, explodierenden Baukosten und einer enttäuschenden Nachfrage hat das Unternehmen in eine Zwickmühle manövriert. „Es ist der Moment der Wahrheit da“, konstatiert ein Messebesucher trocken. Das Vertrauen der Banken ist erschöpft, und die Geduld der Investoren neigt sich dem Ende zu.
Banken planen den Putsch gegen die bisherigen Eigentümer
Hinter verschlossenen Türen geht es laut Beteiligten derzeit „hart zur Sache“. Die Fronten zwischen den finanzstarken Eigentümern und den kreditgebenden Banken sind verhärtet. Ein erster Refinanzierungsvorschlag von EQT und Omers wurde von den Gläubigern kurzerhand vom Tisch gewischt. Stattdessen kursieren Gerüchte über einen radikalen Gegenplan: Die Banken könnten die Kontrolle über die Deutsche Glasfaser komplett übernehmen. Es wäre ein wirtschaftlicher Putsch, der die bisherigen Anteilseigner entmachten würde.
In Finanzkreisen wird dieses Szenario offen als „Drohkulisse“ bezeichnet. Es geht um die Frage, wer das Risiko für das frische Kapital trägt, das dringend benötigt wird, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Ein diskutiertes Modell ist der sogenannte „hive-up“. Dabei würde ein Teil der Schuldenlast in eine Holdinggesellschaft ausgelagert, um den operativen Töchtern wieder eine „stabile Fortführungsprognose“ zu ermöglichen. Es ist ein bilanzieller Kraftakt, um das Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren.

Die Zeit der freundlichen Übernahmen ist vorbei. Dass die Banken nun selbst die Zügel in die Hand nehmen wollen, zeigt, wie kritisch die Lage eingeschätzt wird. Die Deutsche Glasfaser hat zwar rund 500.000 aktive Anschlüsse vermarktet, doch das reicht bei weitem nicht aus, um die Zinslast der Milliardenkredite zu bedienen. Wenn die Gläubiger das Vertrauen in das Management und die Strategie der Eigentümer verlieren, ist der Weg frei für eine radikale Restrukturierung unter ihrer Ägide.
Die Justiz entzieht dem Geschäftsmodell die kalkulatorische Basis
Als wäre die finanzielle Schieflage nicht schon belastend genug, hat der Bundesgerichtshof (BGH) der Branche einen schweren Schlag versetzt. Nach einem aktuellen Urteil beginnen Glasfaserverträge bereits mit der Vertragsbestätigung und nicht erst – wie bisher praktiziert – mit der tatsächlichen Aktivierung des Anschlusses. Für die Deutsche Glasfaser und ihre Wettbewerber ist das eine Katastrophe. Viele Vorverträge, die den Banken als Sicherheit für künftige Cashflows dienten, laufen nun einfach ab, ohne dass jemals ein Bit durch die Leitung geflossen ist.
Diese rechtliche Neubewertung zerstört die Planungssicherheit der Banken. Wenn Anschlüsse jahrelang nicht fertiggestellt werden, erlöschen die Zahlungsverpflichtungen der Kunden, bevor der Anbieter überhaupt Einnahmen generieren konnte. Die Lust der Kreditinstitute auf neue Engagements in der Branche ist dementsprechend auf dem Nullpunkt. Insgesamt stehen im deutschen Markt Schätzungen zufolge über 50 Milliarden Euro auf dem Spiel – eine Summe, die das gesamte digitale Rückgrat Deutschlands zum Einsturz bringen könnte.
„Zum aktuellen Stand des Verhandlungsprozesses zur Re-Finanzierung können wir uns naturgemäß nicht äußern“, lässt das Unternehmen verlauten. Doch man gibt sich nach außen hin kämpferisch: „In der Summe aber sind wir unverändert zuversichtlich, dass es zu einem für alle Seiten tragfähigen Ergebnis kommt.“ Diese Zuversicht wirkt angesichts der harten Fakten fast schon wie Zweckoptimismus. Die Branche beobachtet den Fall genau, denn die Deutsche Glasfaser ist kein Einzelfall. Auch Konkurrenten wie DNS.Net oder Tele Columbus kämpfen mit ähnlichen Dämonen.
Investoren aus der Autobranche lauern auf die Reste des Netzausbaus
Trotz der düsteren Wolken gibt es Stimmen, die das Ende des Glasfaser-Booms noch nicht gekommen sehen. Sandra Thomas, Professorin an der Provadis Hochschule, beobachtet ein wachsendes Interesse von fachfremden Investoren. „Der Wetterbericht lautet nicht Nebel und Sturm, sondern wechselhaft“, so ihre Einschätzung. Vor allem Finanziers aus dem Automobilsektor schielen angeblich auf die Infrastruktur. Sie suchen nach sicheren Renditen und sehen in der langfristig steigenden Datennachfrage ein stabiles Geschäftsfeld.
Für diese neuen Player könnte die Krise der Deutschen Glasfaser eine einmalige Einstiegschance sein. „Wer jetzt zu einem realistischen Preis kauft, kann einen guten Deal machen“, meint Thomas. Es ist das klassische Geier-Szenario: Wenn die alten Eigner unter dem Druck der Banken zusammenbrechen, schlagen neue Investoren zu den Trümmerpreisen zu. Die Deutsche Glasfaser wird so zum Testfall für die gesamte deutsche Infrastrukturpolitik: Kann der Markt den Ausbau allein stemmen, oder kollabiert das System unter seiner eigenen Schuldenlast?
Die Deutsche Glasfaser plant derweil ihre Rückkehr ins Rampenlicht. Auf der Medienmesse Anga.com im Mai will man wieder als Aussteller vertreten sein. Ob man bis dahin eine Lösung für das Milliarden-Problem gefunden hat oder ob es der letzte Auftritt vor der Zerschlagung sein wird, bleibt das spannendste Rätsel der deutschen Wirtschaft. Eines ist sicher: Der Traum vom schnellen, flächendeckenden Glasfaserausbau durch private Milliarden hat Risse bekommen, die sich kaum noch kitten lassen.
Am Ende wird wohl nicht die Technik über die digitale Zukunft Deutschlands entscheiden, sondern die harte Arithmetik der Bankbilanzen.


