Die deutsche Stabilitätsfestung wackelt – zumindest finanziell. In den prunkvollen Büros der Bundesbank-Zentrale in Frankfurt herrscht Katerstimmung, auch wenn man sich bemüht, Zuversicht auszustrahlen. Mit einem Jahresfehlbetrag von 8,6 Milliarden Euro verbucht die Notenbank das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Zwar wirkt die Zahl im Vergleich zum Rekordminus von über 19 Milliarden Euro aus dem Vorjahr fast wie ein Fortschritt, doch die nackte Wahrheit ist: Die Bundesbank schleppt inzwischen einen gigantischen Schuldenberg von 27,8 Milliarden Euro vor sich her.

Für den Bundeshaushalt ist diese Nachricht ein schwerer Schlag. Wo früher verlässlich Milliarden in die Staatskasse flossen, herrscht nun gähnende Leere. Die Hoffnung, dass die Notenbank als „Sparkasse der Nation“ einspringt, hat sich endgültig zerschlagen. Die Zeche für die jahrelange Billiggeldpolitik der EZB wird nun präsentiert – und sie fällt schmerzhafter aus, als viele wahrhaben wollten.
Die Zinsfalle der EZB schnappt mit voller Wucht zu und pulverisiert die Gewinne
Das aktuelle Desaster ist kein Zufall, sondern das bittere Ergebnis einer geldpolitischen Sackgasse. Jahrelang kauften die Notenbanken des Eurosystems im großen Stil Staats- und Unternehmensanleihen auf, die heute kaum Zinsen abwerfen. Doch mit der rasanten Zinswende ab 2022 drehte sich der Wind: Während die Einnahmen aus den alten Papieren mickrig bleiben, müssen die Notenbanken den Geschäftsbanken nun hohe Zinsen für deren Einlagen zahlen.
Dieses massive Zins-Mismatch frisst das Eigenkapital der Bundesbank auf. „Wir haben zwar weiter finanzielle Belastungen zu tragen, sie lassen aber nach“, versuchte Präsident Joachim Nagel bei der Bilanzvorlage zu beruhigen. Doch die Realität ist, dass die Bundesbank ihre Aufgaben zwar noch erfüllen kann, ökonomisch aber an der kurzen Leine geführt wird. Der aufgelaufene Bilanzverlust muss erst mühsam aus künftigen Überschüssen abgetragen werden, bevor jemals wieder ein Euro in Richtung Berlin fließt.

Das Bundesfinanzministerium muss sich endgültig von der gewohnten Milliarden-Ausschüttung verabschieden
Noch vor wenigen Jahren war die Gewinnüberweisung aus Frankfurt eine fest eingeplante Größe im Bundeshaushalt. Legendär ist der Geldregen von 2019, als der damalige Finanzminister fast sechs Milliarden Euro einstreichen konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Das Finanzministerium, das lange Zeit routinemäßig mit 2,5 Milliarden Euro pro Jahr kalkulierte, steht vor einem Scherbenhaufen.
Die Bundesbank hat unmissverständlich klargemacht, dass eine Ausschüttung an den Bund auf „längere Sicht“ nicht zur Debatte steht. Das bedeutet für die aktuelle Regierung: Die Haushaltslöcher müssen anderweitig gestopft werden. In einer Zeit, in der jeder Euro für Verteidigung, Infrastruktur und Soziales gebraucht wird, ist das Ausbleiben des Bundesbank-Gewinns eine politische Hypothek, die den Spielraum für Reformen massiv einschränkt.
Die Rückkehr in die Gewinnzone wird für die EZB und ihre Ableger zum mühsamen Marathon
Nicht nur in Frankfurt, auch in Frankfurt-Ostend – dem Sitz der EZB – sieht es düster aus. Die europäische Mutterbehörde verbuchte für 2025 ebenfalls ein Minus von 1,25 Milliarden Euro. Zwar hofft man dort, 2026 oder 2027 wieder schwarze Zahlen zu schreiben, doch der Weg dahin ist steinig. Die EZB muss erst ihren eigenen Verlustvortrag von rund 10,5 Milliarden Euro tilgen, bevor die nationalen Zentralbanken wieder mit Profiten rechnen können.
Dieser Prozess wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Die Notenbanken zahlen den Preis für ihre Rolle als Krisenfeuerwehr der letzten Dekade. Der Fokus liegt nun zwangsläufig auf der Sanierung der eigenen Bilanz und dem Wiederaufbau der Risikovorsorge. Für die Politik bedeutet das: Die Unabhängigkeit der Notenbank wird nun auch durch ihre finanzielle Schwäche zementiert – wer kein Geld zum Verteilen hat, kann auch nicht als politisches Instrument missbraucht werden.
Die Pointe dieser Bilanz ist so ernüchternd wie klar: Die Institution, die über die Stabilität unseres Geldes wacht, muss nun erst einmal ihre eigene Stabilität retten. Der Staat wird lernen müssen, ohne das „Gratis-Geld“ aus Frankfurt auszukommen.
