24. Februar, 2026

Märkte

Milliarden-Beben im Kleiderschrank: Warum Second-Hand den Neuwaren-Markt zertrümmert

Second-Hand-Mode ist in Deutschland zum 6,8-Milliarden-Euro-Markt explodiert. Während die Inflation den klassischen Einzelhandel lähmt, feiern Recommerce-Giganten Rekordumsätze – und zwingen sogar Luxusmarken zum radikalen Umdenken.

Milliarden-Beben im Kleiderschrank: Warum Second-Hand den Neuwaren-Markt zertrümmert
Der Second-Hand-Markt erreicht 6,8 Milliarden Euro Umsatz. Erfahren Sie, warum 64% der Kunden wegen des Preises und nicht wegen der Umwelt gebraucht kaufen.

In einem schicken Vintage-Laden in der Münchner Innenstadt wird das neue Gesetz der Straße sichtbar: Eine Designer-Winterjacke, Neupreis über 2.000 Euro, wechselt für 380 Euro den Besitzer. Was früher als „Notlösung für Arme“ galt, ist heute der Inbegriff von Lifestyle und cleverem Konsum.

Zwei Drittel der Deutschen haben laut aktuellen Studien bereits gebraucht gekauft. Second-Hand ist kein Nischenphänomen mehr, sondern ein ökonomisches Beben, das die Fundamente der Fast-Fashion-Industrie erschüttert. Hinter dem Boom steckt eine eiskalte Mischung aus digitaler Professionalisierung und dem harten Zwang zum Sparen.

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Die Professionalisierung des Gebrauchten hebelt den klassischen Handel aus

Der eigentliche Wendepunkt zum Milliardenmarkt war die radikale Digitalisierung. Recommerce-Plattformen wie Momox oder Rebuy haben das „Muff-Image“ durch Hochglanz-Logistik ersetzt. Heute funktioniert der Kauf von Gebrauchtem wie bei Amazon: 14-tägiges Rückgaberecht, kostenlose Retouren und eine Qualitätssicherung, die keine Fehler verzeiht. Bevor ein Kleidungsstück online geht, durchläuft es einen strengen Marken-Check. „Wir discounten so lange, bis wir den richtigen Preis gefunden haben“, erklärt Lenia Karallus von Momox-Fashion.

Dieser algorithmusgesteuerte Handel sorgt dafür, dass die Umschlaggeschwindigkeit massiv steigt. Das Ergebnis: Allein in Deutschland wurden 2025 mit gebrauchter Kleidung rund 6,8 Milliarden Euro umgesetzt. Traditionelle Modeketten und Online-Händler können diesen Trend nicht mehr ignorieren und integrieren zunehmend eigene Gebraucht-Sektionen in ihre Shops, um nicht den Anschluss an eine Generation zu verlieren, die „neu“ nicht mehr mit „besser“ gleichsetzt.

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Sparen schlägt Klima: Die wahre Triebfeder hinter dem Gebraucht-Boom

Obwohl Nachhaltigkeit oft als Hauptargument für Second-Hand angeführt wird, sprechen die harten Fakten eine andere Sprache. Eine aktuelle Civey-Befragung enthüllt die nackte Wahrheit: Für 64 Prozent der Kunden ist die Ersparnis die primäre Motivation. Das ökologische Gewissen folgt mit 49 Prozent erst auf Rang zwei. Angesichts stagnierender Reallöhne und steigender Lebenshaltungskosten ist der Gebrauchtmarkt für viele zum Rettungsanker geworden, um den gewohnten Lebensstandard zu halten.

Besonders deutlich wird dieser Trend bei Luxusgütern. Wer sich ein 2.000-Euro-Stück für einen Bruchteil des Preises sichert, betreibt keinen Klimaschutz, sondern Status-Optimierung zum Schnäppchenpreis. Second-Hand hat sich von der moralischen Pflicht zur ökonomischen Chance gewandelt – ein Paradigmenwechsel, der zeigt, dass der „Grüne Konsum“ vor allem dann funktioniert, wenn er den Geldbeutel schont.

Der Refurbished-Turbo: EU-Gesetze zwingen Elektronik-Riesen zum Umdenken

Während Mode den Markt anführt, zieht die Elektronikbranche mit gewaltiger Dynamik nach. Plattformen wie Rebuy betreiben inzwischen regelrechte High-Tech-Werke, in denen Smartphones mehr als 60 Funktionstests durchlaufen. „Refurbished“ ist das neue Zauberwort. Hier entscheiden oft nur minimale optische Mängel über Preisnachlässe von bis zu 30 Prozent. Doch der Markt wächst nicht nur durch Nachfrage: Seit Mitte 2025 zwingt eine EU-Verordnung die Hersteller dazu, die Lebensdauer ihrer Produkte aktiv zu verlängern.

Dies hat zur Folge, dass der Markt für generalüberholte Ware mit Wachstumsraten von bis zu 14 Prozent pro Jahr prognostiziert wird – während Neuware bei mageren vier Prozent stagniert. Elektronik-Riesen, die früher auf geplante Obsoleszenz setzten, müssen nun eigene Refurbished-Programme auflegen. CEO Philipp Gattner von Rebuy beobachtet: „Die Leute schauen krisenbedingt wieder viel stärker auf ihr Geld.“ Die Kreislaufwirtschaft ist somit keine rein ökologische Idee mehr, sondern eine regulatorische und ökonomische Notwendigkeit.

Am Ende bleibt eine klare Beobachtung: Second-Hand hat die Scham verloren. Wer heute gebraucht kauft, gilt nicht mehr als bedürftig, sondern als informiert. Der Milliardenmarkt Second-Hand ist das erste echte Anzeichen für ein Ende der Wegwerfgesellschaft – getrieben nicht nur von Idealen, sondern von der harten Währung der Vernunft.

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