Das größte Missverständnis am Aktienmarkt
„Aktienkurse entstehen durch Angebot und Nachfrage."
Diese Antwort bekommt man in jedem Einführungskurs zur Börse zu hören. Sie klingt plausibel. Sie ist eingängig. Und sie ist – falsch.
Das ist die Kernthese eines neuen YouTube-Videos von Michael C. Jakob, Gründer von AlleAktien, in dem er erklärt, wie Aktienkurse tatsächlich entstehen. Nicht durch romantische Vorstellungen von „dem Markt", sondern durch Algorithmen, Market Maker, Orderbücher und Broker-Dealer-Strukturen, die 90% der Privatanleger noch nie verstanden haben.
Das Video trägt den sperrigen Titel „Market Microstructure Theory" – ein Thema, das laut Jakob „noch nie im deutschsprachigen Raum besprochen wurde". Warum? Weil es technisch ist. Weil es unbequem ist. Und weil es die Illusion zerstört, dass Retail-Investoren auf Augenhöhe mit institutionellen Akteuren handeln.
Der Preis ist nicht der Markt – der Preis ist der letzte Trade
Erste zentrale Erkenntnis: Der Aktienkurs ist nicht das Aggregat von Angebot und Nachfrage. Der Kurs ist einfach der letzte ausgeführte Trade.
Ein Beispiel: Wenn Microsoft aktuell bei 400 Dollar notiert und jemand bereit ist, dir eine Aktie für 10.000 Dollar abzukaufen, springt der Kurs sofort auf 10.000 Dollar – obwohl sich fundamental nichts geändert hat. Der Kurs spiegelt nicht wider, was „der Markt denkt", sondern nur, was der letzte Käufer bezahlt hat.
Das erklärt auch, warum Meme-Coins plötzlich „Milliardenbewertungen" haben können, obwohl keine Liquidität existiert, um diese Bewertung tatsächlich einzulösen. Der Kurs ist eine Momentaufnahme, keine Wahrheit.
Warum es fast nie einen „anderen Investor" auf der Gegenseite gibt
Zweite Erkenntnis: Wenn du bei Trade Republic auf „Kaufen" klickst, gibt es in den allerseltensten Fällen einen anderen Privatanleger, der genau in dieser Millisekunde zum exakt gleichen Preis verkaufen will.
Das ist statistisch extrem unwahrscheinlich. Trotzdem wird deine Order sofort ausgeführt. Wie?

Durch Market Maker – meist Hedgefonds wie Citadel, Jane Street oder in Deutschland Lang & Schwarz –, die auf der anderen Seite stehen. Sie kaufen und verkaufen ständig, halten Inventar und stellen dir jederzeit Kurse. Du tradest fast nie mit anderen Retail-Investoren. Du tradest mit einem Algorithmus, der darauf optimiert ist, an dir zu verdienen.
Das Geschäftsmodell: Spread statt Provision
Hier wird es interessant – und unangenehm für viele Neo-Broker.
Trade Republic wirbt mit „kommissionsfreiem Handel" und einer „1 Euro Fremdkostenpauschale". Jakob nennt das offen „Anlegerbetrug" – nicht im juristischen Sinne, aber im Sinne von bewusst irreführendem Marketing.
Warum? Weil die wahren Kosten im Spread versteckt sind.
Der Spread ist die Differenz zwischen Kaufkurs (Ask) und Verkaufskurs (Bid). Bei liquiden Aktien wie Microsoft sind das vielleicht 4 Cent. Bei illiquiden deutschen Midcaps können es 1-3% sein. Und diese Kosten zahlst du – unsichtbar.
Laut Jakob liegen Trade Republic interne Zahlen vor, die zeigen: Der durchschnittliche Spread pro Trade beträgt 4 Euro. Plus 1 Euro Gebühr macht 5 Euro Gesamtkosten pro Trade – nicht viel günstiger als klassische Broker, nur besser verpackt.
Das Geschäftsmodell funktioniert so: Trade Republic leitet Orders an Market Maker wie Lang & Schwarz weiter. Diese verdienen am Spread. Ein Teil (30-50%) fließt als „Payment for Order Flow" zurück an Trade Republic. Beide Seiten profitieren – der Anleger zahlt.
Warum Trade Republic genau die Order Flow will, die du bist
Market Maker haben ein Problem: Sie wollen keine „informierten" Trader. Sie wollen keine Goldman Sachs, keine Citadel, keine Peter Thiels dieser Welt auf der anderen Seite. Warum? Weil diese zu intelligent sind.
Wenn ein Hedgefund plötzlich für 5 Milliarden Dollar Palantir kauft, ist das ein Signal: Diese Leute wissen etwas, das der Market Maker nicht weiß. Solche „toxic orders" – Jakobs Begriff – sind gefährlich. Sie kosten Geld.
Was Market Maker wollen: Kleine, uninformierte, emotionale Retail-Trader. Leute, die mit 1.000 Euro Microsoft kaufen, weil sie einen YouTube-Tipp gesehen haben. Leute, die keine Ahnung haben. Leute, die Market Orders stellen statt Limit Orders.
Trade Republic liefert genau das. Und das ist kein Zufall – das ist das Geschäftsmodell.

Der GameStop-Moment: Als das Inventar leer war
Jakob erinnert an den GameStop-Short-Squeeze 2021. Plötzlich konnte man die Aktie nicht mehr kaufen oder shorten. Warum?
Weil die Market Maker kein Inventar mehr hatten. Sie konnten nichts mehr verkaufen. Also wurde der Handel ausgesetzt – nicht wegen böswilliger Absicht von Trade Republic, sondern weil Citadel (der Market Maker hinter Robin Hood) schlicht keine Aktien mehr hatte.
Das zeigt: Liquidität ist keine Selbstverständlichkeit. Sie hängt davon ab, dass jemand bereit ist, die Gegenseite einzunehmen. Und wenn das Inventar leer ist, bricht das System zusammen.

High Frequency Trading: Fluch oder Segen?
Jakob widerspricht der üblichen politischen Rhetorik gegen Hochfrequenzhandel (HFT). Linke Politiker fordern Finanztransaktionssteuern, um HFT zu bekämpfen. Jakob sagt: Das ist ökonomischer Unsinn.
HFT hat zwei große Vorteile:
- Liquidität: HFT sorgt dafür, dass du jederzeit kaufen und verkaufen kannst
- Enge Spreads: HFT arbitragiert Preisunterschiede zwischen Börsen weg – du zahlst in New York, Singapur und Frankfurt denselben Preis für Microsoft
Ohne HFT wären die Märkte ineffizienter, illiquider und teurer für Retail-Investoren. Die Finanztransaktionssteuer würde genau das Gegenteil bewirken: höhere Kosten für alle.
Große Orders bewegen den Markt – und werden anders behandelt
Wenn du für 100 Euro Microsoft kaufst, passiert nichts. Wenn du für 1 Million Euro kaufst, bewegst du den Markt. Warum?
Weil Market Maker ihr Inventar managen müssen. Wenn sie viel verkaufen (weil du viel kaufst), sinkt ihr Bestand. Also erhöhen sie automatisch die Preise. Das ist rational: Sie wollen nicht komplett ausverkauft sein.
Deshalb teilen institutionelle Investoren große Orders auf:
- Iceberg Orders: Man stellt Fake-Orders, um die Marktreaktion zu testen (semi-legal)
- VWAP (Volume-Weighted Average Price): Man kauft verteilt über den Tag, um den Durchschnittspreis zu bekommen
- TWAP (Time-Weighted Average Price): Man kauft in gleichmäßigen Zeitabständen
Ziel: Den Markt nicht bewegen, bessere Preise bekommen.
Auf der anderen Seite sitzen Algorithmen bei Citadel, die versuchen, diese aufgeteilten Orders wieder zusammenzuführen – um zu erkennen, wer gerade massiv kauft. Denn das ist ein Signal: Jemand Informiertes glaubt, die Aktie steigt.
Was Privatanleger daraus lernen können
Jakob gibt konkrete Handlungsempfehlungen:
1. Immer Limit Orders verwenden
Market Orders zahlen den vollen Spread. Limit Orders nicht. Selbst bei kleinen Beträgen lohnt sich das.
2. Nur zu Haupthandelszeiten traden
Zwischen 9:00 und 17:30 Uhr (Xetra-Zeiten) sind die Spreads am engsten. Nachts oder am Wochenende explodieren sie.
3. Große Orders aufteilen
Ab 1 Million Euro sollte man nicht mehr als Block kaufen. Aufteilung in kleinere Tranchen spart Geld.
4. Liquidität ist wichtiger als Fundamentaldaten
Eine deutsche Midcap-Aktie müsste 60% Renditeerwartung haben, um das Liquiditätsrisiko (hohe Spreads, wenig Handelsvolumen) zu kompensieren. Das haben die wenigsten.

5. Broker-Vergleich neu denken
„Kostenlos" ist nie kostenlos. Die Frage ist nicht, was die Gebühr kostet, sondern was der Spread kostet. Und der ist bei Neo-Brokern oft höher als bei klassischen Brokern mit direktem Börsenzugang.
Der Eulerpool Fair Value – und warum er funktioniert
Jakob erwähnt beiläufig, warum der „Eulerpool Fair Value" (ein Bewertungstool, das er entwickelt hat) so gut funktioniert: Weil er exakt den gleichen Algorithmus nutzt, den Market Maker verwenden.
Market Maker haben intern Fair-Value-Modelle, um zu bestimmen, welche Preise sie stellen. Der Eulerpool Fair Value „schießt mit Röntgenstrahlen durch den Markt" und rekonstruiert genau diese Logik.
Deshalb kehren Aktienkurse oft zum Fair Value zurück – nicht, weil „der Markt es so will", sondern weil Market Maker ihre Preise an genau diesen Modellen ausrichten.
Fazit: Der Markt ist kein freier Markt – er ist ein konstruierter Markt
Jakobs Video zerstört eine Illusion: Die Börse ist kein romantischer Ort, an dem sich Angebot und Nachfrage „natürlich" treffen. Sie ist ein hochgradig technisches, algorithmisches System, in dem Market Maker die Preise setzen und Retail-Investoren strukturell im Nachteil sind.
Das heißt nicht, dass man als Privatanleger verlieren muss. Aber es heißt, dass man die Spielregeln verstehen sollte. Wer glaubt, bei Trade Republic „kostenlos" zu handeln, hat das Spiel nicht verstanden.
Die wahren Kosten sind unsichtbar. Die wahre Macht liegt bei denen, die das Orderbuch kontrollieren. Und die wahre Frage ist nicht „Was kostet die Aktie?", sondern „Wer verdient daran, dass ich glaube, sie kostet das?"
Wer das verstanden hat, tradet anders. Besser. Rationaler.
Der Rest zahlt weiter den Spread – ohne es zu merken.