In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Vor einigen Monaten sprach ich mit einem europäischen Venture-Capital-Investor. Sein Fonds investiert in Deep-Tech-Start-ups – Halbleiterdesign, industrielle KI, Robotik. Er erzählte mir, dass viele der talentiertesten Gründer seiner Portfoliounternehmen nach wenigen Jahren in die USA gingen. Nicht wegen des Wetters. Sondern wegen des Kapitals, der Skalierungsmöglichkeiten und der regulatorischen Geschwindigkeit.
„Wir sind stark in der Forschung“, sagte er. „Aber wir sind schwach im Gewinnen.“
Dieser Satz beschreibt das strategische Dilemma Europas präziser als jede Statistik.
Die große These: Europa verliert nicht an Talent – sondern an technologischer Durchsetzungskraft
Europa verfügt über exzellente Universitäten, starke Ingenieurskulturen und jahrzehntelange industrielle Erfahrung. Das Problem liegt nicht im Humankapital.
Das Problem liegt in der systemischen Fähigkeit, aus Innovation globale Plattformen und dominante Technologieunternehmen zu formen.
Technologische Führerschaft entsteht nicht allein durch Erfindung. Sie entsteht durch Skalierung, Kapitalintensität, politische Priorisierung und die Fähigkeit, Märkte schnell zu dominieren.
In diesem Zusammenspiel gerät Europa ins Hintertreffen – gegenüber den USA und zunehmend auch gegenüber China.

Beobachtbare Realität: Die Plattform-Ökonomie ist nicht europäisch
Die größten Technologieplattformen der Welt stammen aus den USA oder China. Cloud-Infrastruktur, soziale Netzwerke, KI-Modelle, Halbleiterdesign, E-Commerce-Ökosysteme – die dominanten Akteure sitzen außerhalb Europas.
Europa reguliert diese Plattformen intensiv. Aber es besitzt kaum eigene.
Diese Diskrepanz ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck struktureller Unterschiede in Kapitalmärkten, Risikokultur und industriepolitischer Ausrichtung.
Strategische Ursache 1: Kapitalallokation ist zu defensiv
Technologische Durchbrüche sind kapitalintensiv.
Die USA verfügen über tiefe, liquide Kapitalmärkte, die hohe Risiken finanzieren. Venture Capital, Growth Equity, private Märkte – sie stellen Milliarden bereit, bevor Profitabilität sichtbar ist.
Europa ist stärker bankbasiert. Kreditvergabe dominiert. Eigenkapitalfinanzierung ist fragmentiert. Pensionsfonds und institutionelle Investoren agieren zurückhaltender in Hochrisikosegmenten.
Das führt zu einem strukturellen Nachteil:
Europäische Start-ups verkaufen sich früh – häufig an amerikanische Konzerne – oder stagnieren in der Wachstumsphase.
Kapital ist nicht nur Finanzierung. Es ist strategischer Treibstoff.
Strategische Ursache 2: Regulierung priorisiert Stabilität über Skalierung
Europa ist regulatorisch präzise. Datenschutz, Wettbewerb, Verbraucherschutz – die Standards sind hoch.
Doch Regulierung hat Opportunitätskosten.
Während US-Technologieunternehmen in relativ offenen Märkten skalierten, entwickelte Europa komplexe regulatorische Rahmenwerke. Diese sind oft reaktiv – sie regulieren bestehende Modelle, statt neue zu fördern.
Regulatorische Sicherheit ist wertvoll. Aber in Hochtechnologiefeldern wie KI, Biotechnologie oder Plattformökonomie kann Geschwindigkeit entscheidend sein.
Technologie ist ein Winner-takes-most-Spiel. Wer zuerst skaliert, setzt Standards.

Strategische Ursache 3: Industriepolitik ist fragmentiert
Die USA agieren zunehmend industriepolitisch koordiniert – etwa durch Programme wie den CHIPS Act oder massive Förderungen für Halbleiter, Energie und KI-Infrastruktur.
China verfolgt eine staatskapitalistische Strategie mit klar definierten Prioritäten: Halbleiterautarkie, KI-Führung, Elektromobilität.
Europa hingegen ist institutionell komplex. Nationale Interessen, EU-Kompetenzen, unterschiedliche fiskalische Spielräume – das führt zu Verzögerungen.
Industriepolitik ist in strategischen Sektoren kein Relikt. Sie ist Realität. Wer sie nicht koordiniert betreibt, wird von denen überholt, die es tun.
Strategische Ursache 4: Kultur der Risikoaversion
Unternehmerische Kultur ist ein schwer messbarer, aber entscheidender Faktor.
In den USA ist Scheitern Teil des Systems. Insolvenz ist ein Zwischenzustand. Kapital kehrt zurück. Gründer starten neu.
In Europa ist Scheitern häufig mit Stigma verbunden. Insolvenzverfahren sind komplexer, gesellschaftliche Akzeptanz geringer.
Technologische Dominanz entsteht nicht durch Fehlervermeidung, sondern durch Risikobereitschaft.

Beispiel: Künstliche Intelligenz und Halbleiter
Die Entwicklung großer Sprachmodelle erfordert enorme Rechenleistung, spezialisierte Chips und massive Kapitalinvestitionen. Die führenden KI-Modelle stammen aus den USA oder China.
Die führenden Chipdesigner ebenfalls.
Europa besitzt zwar Schlüsselunternehmen in Nischen – beispielsweise in der Lithografie – doch es fehlt an globalen Plattformen für Software, Cloud und KI-Ökosysteme.
Das bedeutet: Europa ist Teil der Wertschöpfungskette, aber selten deren Taktgeber.
In einer Welt, in der Technologie Macht definiert, ist diese Position strategisch fragil.
Makroökonomische Dimension: Produktivitätslücke
Technologie ist der zentrale Treiber langfristiger Produktivitätssteigerung.
Die USA verzeichnen seit Jahren eine höhere Wachstumsdynamik in technologiegetriebenen Sektoren. Digitale Plattformen, KI, Cloud-Dienste – sie erhöhen Skaleneffekte und Kapitalrenditen.
Europa hingegen ist stärker von traditionellen Industrien geprägt: Automobil, Maschinenbau, Chemie. Diese Sektoren sind leistungsfähig – aber weniger skalierbar als digitale Plattformen.
Die Folge ist eine wachsende Produktivitätslücke.
Produktivität ist letztlich die Grundlage von Wohlstand.
Kapitalströme folgen Macht
Internationale Kapitalströme orientieren sich an Rendite und Dominanz.
Wenn die größten Technologieunternehmen in den USA entstehen, fließt globales Kapital dorthin. Börsenbewertungen verstärken diesen Effekt. Aktienmärkte reflektieren Innovationsführerschaft.
Europäische Indizes sind stärker von traditionellen Sektoren geprägt. Technologieanteile sind geringer.
Kapital ist rational. Es folgt strukturellem Wachstum.
Geopolitische Konsequenzen
Technologische Abhängigkeit bedeutet strategische Abhängigkeit.
Wer keine eigenen Cloud-Infrastrukturen, KI-Modelle oder Halbleiterfertigungen kontrolliert, ist in Krisenzeiten verwundbar.
Europa erkennt dieses Risiko zunehmend. Initiativen zur digitalen Souveränität entstehen. Doch Souveränität erfordert mehr als Programme. Sie erfordert langfristige, konsistente Kapitalallokation.

Ausblick: Die nächsten 10–20 Jahre
Europa wird technologisch nicht kollabieren. Aber ohne strukturelle Anpassungen droht relative Marginalisierung.
Drei Entwicklungen sind wahrscheinlich:
- Stärkere Industriepolitik auf EU-Ebene.
Gemeinsame Investitionsprogramme in Schlüsseltechnologien. - Vertiefung der Kapitalmärkte.
Eine echte europäische Kapitalmarktunion könnte Risikokapital mobilisieren. - Strategische Partnerschaften statt Autarkie.
Europa wird stärker zwischen den Machtblöcken navigieren müssen.
Die entscheidende Frage lautet:
Wird Europa vom Regelsetzer zum Mitgestalter technologischer Standards – oder bleibt es primär Regulator fremder Plattformen?
Die Lektion für Investoren
Für den rationalen Investor bedeutet diese Entwicklung zweierlei:
Erstens: Technologische Führerschaft ist kein abstraktes Konzept. Sie bestimmt Kapitalrenditen.
Zweitens: Geografische Diversifikation ist strategisch relevant.
Wer Vermögen aufbaut, sollte verstehen, wo Innovationscluster entstehen, wo Kapital aggregiert wird und wo politische Prioritäten gesetzt werden.
Europa verfügt über Talent, Infrastruktur und industrielle Tiefe. Aber ohne Anpassung von Kapitalallokation, Regulierung und Risikokultur wird es technologisch weiter zurückfallen.
Technologie ist kein Nebenbereich der Ökonomie. Sie ist ihr Kern.
Und in einer Welt, in der Macht zunehmend digital definiert wird, entscheidet technologische Durchsetzungskraft über Wohlstand.
Der rationale Investor beobachtet diese Entwicklung nicht emotional. Er analysiert sie strukturell.
Denn Kapital folgt nicht Hoffnung.
Es folgt Produktivität.




