In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Eine Beobachtung aus der realen Welt
Wenn man die Kapitalströme der letzten Jahre nüchtern betrachtet, fällt ein Muster auf: Während klassische Industrien mit Margendruck, Regulierung und Sättigung kämpfen, fließt strategisches Kapital – staatlich wie privat – zunehmend in drei Bereiche: Raumfahrt, künstliche Intelligenz und Biotechnologie.
Die Budgets großer Volkswirtschaften erzählen dieselbe Geschichte. Verteidigungs- und Raumfahrtprogramme werden ausgebaut. Nationale KI-Strategien entstehen im Wochentakt. Biotechnologische Forschung wird als Frage der Souveränität diskutiert.
Diese Entwicklungen sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck einer strukturellen Verschiebung globaler Machtarchitektur.
Die große These
Space, AI und Biotech sind nicht nur Wachstumsbranchen.
Sie sind Infrastrukturen zukünftiger Macht.
Wer diese Industrien kontrolliert, kontrolliert:
- Daten
- Produktionskapazität
- medizinische Resilienz
- militärische Überlegenheit
- strategische Autonomie
Im 20. Jahrhundert definierten Energie, Stahl und Öl geopolitische Stärke.
Im 21. Jahrhundert sind es Rechenleistung, Orbitalinfrastruktur und genetische Manipulationsfähigkeit.
Wir erleben keine technologische Welle.
Wir erleben eine tektonische Verschiebung.
Strategische Konsequenzen
1. Kapital wird politischer
Investitionen in Space, AI und Biotech sind keine rein marktwirtschaftlichen Entscheidungen mehr. Sie sind geopolitische Prioritäten.
Staaten subventionieren Chipfabriken.
Regierungen investieren direkt in KI-Forschung.
Raumfahrtprogramme werden als nationale Sicherheitsprojekte behandelt.
Private Investoren agieren in einem Umfeld, in dem politische Unterstützung ein struktureller Wettbewerbsvorteil ist.
Kapital folgt nicht nur Rendite.
Es folgt strategischer Relevanz.

2. Netzwerkeffekte werden geopolitisch
Künstliche Intelligenz ist ein Paradebeispiel. Modelle verbessern sich mit Daten. Daten entstehen durch Nutzung. Nutzung wird durch Infrastruktur ermöglicht.
Das führt zu Skaleneffekten, die ganze Nationen begünstigen oder benachteiligen.
Wer frühzeitig:
- Halbleiterkapazitäten sichert
- Rechenzentren ausbaut
- Talente anzieht
- regulatorische Rahmenbedingungen optimiert
kann exponentielle Vorteile erzielen.
Die Dynamik ähnelt Plattformökonomie – nur auf staatlicher Ebene.
3. Raumfahrt wird zur strategischen Infrastruktur
Satelliten sind heute essenziell für:
- Navigation
- Kommunikation
- Finanztransaktionen
- militärische Aufklärung
- globale Lieferketten
Private Raumfahrtunternehmen senken Kosten drastisch. Wiederverwendbare Raketen sind kein technisches Detail – sie sind ein ökonomischer Durchbruch.
Orbitalinfrastruktur wird zur neuen Seehandelsroute.
Wer den Orbit kontrolliert, kontrolliert Datenströme.
4. Biotechnologie verändert die Definition von Sicherheit
Pandemien haben gezeigt, dass biologische Risiken ökonomische Risiken sind.
Staaten investieren daher massiv in:
- mRNA-Plattformen
- Gen-Editing-Technologien
- personalisierte Medizin
- synthetische Biologie
Biotechnologie wird zum Pfeiler nationaler Resilienz. Gleichzeitig entstehen ethische und regulatorische Spannungsfelder.
Die Kontrolle über biologische Innovation ist nicht nur ein Gesundheits-, sondern ein Machtfaktor.

Beispiele aus Unternehmen und Staaten
Die Vereinigten Staaten investieren Milliarden in Halbleiterproduktion, um Abhängigkeiten zu reduzieren. China verfolgt eine langfristige KI-Strategie mit klarer staatlicher Koordination. Europa versucht, regulatorische Führungsrollen einzunehmen – oft mit dem Risiko technologischer Verzögerung.
Im privaten Sektor beobachten wir:
- Raumfahrtunternehmen, die staatliche und kommerzielle Aufträge kombinieren.
- KI-Firmen, deren Marktbewertung auf zukünftiger Infrastrukturdominanz basiert.
- Biotech-Unternehmen, die Plattformmodelle entwickeln statt einzelner Medikamente.
Bemerkenswert ist, dass sich die Grenzen zwischen privat und staatlich zunehmend verwischen. Strategische Industrien sind selten rein privatwirtschaftlich.
Diese Industrien sind „Dual-Use“: Sie dienen zivilen und militärischen Zwecken.

Kapitalmärkte und Bewertung
Die Bewertung dieser Industrien folgt nicht klassischen Maßstäben.
Space-Unternehmen sind oft noch nicht profitabel, werden aber als Infrastruktur-Assets bewertet. KI-Unternehmen erzielen hohe Multiples aufgrund erwarteter Netzwerkeffekte. Biotech-Firmen bewegen sich zwischen binärem Risiko und exponentiellem Upside.
Für Investoren bedeutet das:
- Volatilität ist strukturell.
- Regulatorische Risiken sind hoch.
- Wettbewerb ist geopolitisch eingebettet.
Doch die langfristige Kapitalallokation folgt einer klaren Logik: Wer in strukturell dominante Industrien investiert, positioniert sich entlang makroökonomischer Machtverschiebungen.
Die nächsten 10–20 Jahre
Was ist realistisch zu erwarten?
1. KI wird Basisinfrastruktur
Ähnlich wie Elektrizität oder Internet wird KI in nahezu jede Industrie integriert. Produktivitätsgewinne entstehen nicht spektakulär, sondern inkrementell – aber breit.
Nationen mit Zugang zu Rechenleistung und Halbleitern werden strukturelle Vorteile genießen.
2. Raumfahrt wird kommerzialisiert
Satellitenkonstellationen, Weltraumlogistik und möglicherweise Rohstoffexploration verändern die Ökonomie des Orbits.
Die Kosten pro Kilogramm in den Weltraum werden weiter sinken.
Dadurch entstehen neue Geschäftsmodelle.
3. Biotech wird präventiv
Medizin verschiebt sich von Reaktion zu Prävention.
Genomsequenzierung wird Standard.
Therapien werden personalisiert.
Gesundheit wird datengetrieben.
4. Machtblöcke verfestigen sich
Technologische Souveränität wird zur politischen Priorität. Globale Lieferketten könnten fragmentierter werden. Technologische Standards könnten geopolitisch getrennt sein.
Die Welt wird weniger global, aber technologisch intensiver.

Strategische Implikation für Investoren
Investoren müssen drei Fragen stellen:
- Welche dieser Industrien besitzen strukturelle Eintrittsbarrieren?
- Welche Unternehmen verfügen über Plattform-Charakter?
- Welche Staaten unterstützen diese Industrien nachhaltig?
Es geht weniger um kurzfristige Bewertungsschwankungen.
Es geht um langfristige Positionierung entlang makroökonomischer Trends.
Ray Dalio spricht von großen Zyklen.
Peter Thiel spricht von Null-zu-Eins-Innovationen.
Space, AI und Biotech vereinen beides: zyklische Machtverschiebung und strukturelle Disruption.
Schlussgedanke
Die kommenden Dekaden werden nicht primär durch Konsum-Apps oder marginale Effizienzsteigerungen geprägt sein. Sie werden durch grundlegende Infrastrukturtechnologien definiert.
Space erweitert den physischen Raum.
AI erweitert kognitive Kapazität.
Biotech erweitert biologische Möglichkeiten.
Diese drei Industrien formen die nächste ökonomische Ordnung.
Nicht laut.
Nicht kurzfristig.
Aber mit strategischer Konsequenz.
Wer Vermögen aufbauen will, sollte verstehen, wo Macht entsteht.
Und Macht entsteht dort, wo Technologie, Kapital und Staat zusammenfinden.




