In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Eine Beobachtung aus der realen Welt
In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zusammensetzung der globalen Vermögenselite fundamental verändert. Während im 20. Jahrhundert Energie, Rohstoffe, Immobilien und Finanzinstitute die Vermögenskonzentration bestimmten, stammen heute viele der wertvollsten Unternehmen der Welt aus dem Technologiesektor.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Branche, sondern das Profil ihrer Gründer und Führungskräfte: Informatiker, Mathematiker, Softwarearchitekten. Menschen, die Code schreiben konnten – oder zumindest verstanden, wie Code als Hebel für Skalierung funktioniert.
Gleichzeitig beobachten wir, dass geopolitische Spannungen zunehmend um Halbleiter, KI-Modelle und Rechenleistung kreisen. Staaten investieren Milliarden in digitale Infrastruktur. Unternehmen konkurrieren um Entwickler wie einst um Rohstoffquellen.
Diese Entwicklungen sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck einer strukturellen Verschiebung von Macht.

Die große These
Programmierer sind die neue Elite, weil sie die produktivste Ressource des 21. Jahrhunderts kontrollieren: Software.
Software ist universell skalierbar. Ein einmal entwickelter Code kann weltweit repliziert werden – mit minimalen Grenzkosten. Sie ist zugleich Infrastruktur, Produkt und Machtinstrument.
Im 20. Jahrhundert war Kapital dominant.
Im 21. Jahrhundert ist es kombinierte Rechenleistung und Softwarekompetenz.
Programmierer schaffen Systeme, die:
- Märkte dominieren
- Daten aggregieren
- Kapitalströme lenken
- militärische Strategien unterstützen
- gesellschaftliche Kommunikation formen
Wer Code kontrolliert, kontrolliert Prozesse.
Wer Prozesse kontrolliert, kontrolliert Macht.

Strategische Konsequenzen
1. Humankapital schlägt physisches Kapital
In klassischen Industrien war Skalierung kapitalintensiv. Fabriken, Maschinen, Logistik.
Software verschiebt die Wertschöpfung hin zu intellektuellem Kapital. Ein kleines Entwicklerteam kann Plattformen schaffen, die Milliarden Nutzer bedienen.
Das bedeutet: Staaten und Unternehmen konkurrieren primär um Talente.
Migrationspolitik, Bildungsinvestitionen und Standortattraktivität werden zu strategischen Machtfaktoren. Ein Land mit exzellenten Programmierern besitzt eine asymmetrische Wachstumsoption.
2. Netzwerkeffekte verstärken Machtkonzentration
Software-Plattformen profitieren von exponentiellen Skaleneffekten. Je mehr Nutzer, desto mehr Daten. Je mehr Daten, desto bessere Produkte. Je bessere Produkte, desto mehr Nutzer.
Programmierer stehen im Zentrum dieses Kreislaufs. Sie entwickeln die Architektur, die Netzwerkeffekte ermöglicht.
Diese Dynamik führt zu Marktkonzentration. Wenige Unternehmen dominieren globale Märkte.
In geopolitischer Perspektive bedeutet das: Staaten mit starken Softwareunternehmen gewinnen strukturellen Einfluss.

3. Programmierer gestalten Regulierung indirekt
Technologie entwickelt sich schneller als Gesetzgebung. Softwarearchitektur definiert oft de facto Regeln, bevor politische Institutionen reagieren.
Algorithmen bestimmen Informationsflüsse, Kreditvergabe, Preisbildung, Kommunikation.
Programmierer schreiben nicht nur Code.
Sie schreiben Rahmenbedingungen.
In vielen Bereichen ist Software heute die operative Verfassung.
4. Militärische und sicherheitspolitische Dimension
Moderne Konflikte werden zunehmend digital ausgetragen. Cyberoperationen, KI-gestützte Analyse, autonome Systeme.
Software ist integraler Bestandteil militärischer Infrastruktur.
Nationen mit überlegener Softwarekompetenz besitzen strategische Vorteile – nicht nur ökonomisch, sondern sicherheitspolitisch.
Beispiele aus Unternehmen und Staaten
Die wertvollsten Unternehmen der Welt sind heute softwaregetrieben. Plattformunternehmen generieren Margen, die in traditionellen Industrien undenkbar waren.
Gründer mit technischem Hintergrund prägen die globale Wirtschaft. Sie kombinieren:
- technisches Verständnis
- Kapitalzugang
- strategische Vision
Auf staatlicher Ebene investieren Länder massiv in digitale Bildung. Nationale KI-Programme entstehen, Halbleiterproduktion wird subventioniert.
Die Rivalität zwischen großen Wirtschaftsräumen manifestiert sich zunehmend im Bereich Rechenleistung und Softwareökosysteme.
Programmierer sind nicht nur Arbeitskräfte.
Sie sind strategische Assets.

Kapitalströme und Bewertung
Kapitalmärkte bewerten Softwareunternehmen mit Multiples, die traditionelle Industrien nicht erreichen.
Warum? Weil Software:
- skalierbar
- kapitalarm
- global einsetzbar
- datengetrieben optimierbar
ist.
Investoren erkennen, dass Softwareunternehmen strukturelle Wettbewerbsvorteile besitzen. Ihre Margen sind hoch, ihre Skalierung exponentiell.
Programmierer stehen im Zentrum dieser Wertschöpfung.
Die geopolitische Perspektive
Die nächsten Jahrzehnte werden durch technologischen Wettbewerb geprägt sein.
Halbleiter, KI-Modelle und Cloud-Infrastruktur sind strategische Güter.
Programmierer sind die Architekten dieser Systeme.
Staaten, die:
- Bildung im MINT-Bereich priorisieren
- Talente anziehen
- unternehmerisches Umfeld fördern
- regulatorische Stabilität gewährleisten
werden strukturelle Vorteile erlangen.
Technologische Souveränität beginnt mit Humankapital.
Risiken und Gegenkräfte
Elitenstatus erzeugt Spannungen. Automatisierung ersetzt Arbeitsplätze. Einkommensungleichheit wächst.
Die Machtkonzentration in digitalen Plattformen führt zu regulatorischen Gegenbewegungen.
Programmierer operieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind eingebettet in politische Systeme.
Doch selbst regulatorische Eingriffe bestätigen indirekt ihre Bedeutung.
Niemand reguliert irrelevante Industrien.

Ausblick: Die nächsten 10–20 Jahre
Wie könnte sich diese Dynamik entwickeln?
1. KI als Produktivitätsmultiplikator
Programmierer werden zunehmend durch KI unterstützt. Das erhöht ihre Produktivität weiter.
Ein einzelner Entwickler kann in Zukunft Systeme bauen, die heute Teams erfordern.
Das verstärkt die Asymmetrie zwischen Hochqualifizierten und dem Rest.
2. Globale Talentmigration
Digitale Arbeit ist ortsunabhängig. Talente werden Standorte wählen, die:
- steuerlich attraktiv
- politisch stabil
- technologisch führend
sind.
Nationen konkurrieren um Individuen – nicht nur um Unternehmen.
3. Bildung als strategischer Kern
Staaten, die Programmierkompetenz breit fördern, werden langfristig ökonomische Vorteile erzielen.
Nicht jede Gesellschaft wird diesen Wandel gleich schnell vollziehen.
4. Neue Formen von Macht
Programmierer werden nicht nur Unternehmer, sondern auch politische Akteure. Digitale Plattformen beeinflussen Diskurse, Märkte und Institutionen.
Macht wird hybrider – eine Kombination aus Staat, Kapital und Code.
Schlussgedanke
Eliten definieren sich historisch durch die Kontrolle knapper Ressourcen.
Im 19. Jahrhundert war es Land.
Im 20. Jahrhundert Kapital und Energie.
Im 21. Jahrhundert ist es Software.
Programmierer sind die neue Elite, weil sie die Sprache der digitalen Infrastruktur beherrschen.
Sie schreiben nicht nur Anwendungen.
Sie schreiben Systeme.
Für Investoren, Unternehmer und Staaten bedeutet das: Wer langfristig Macht und Vermögen verstehen will, muss verstehen, wo Code entsteht – und wer ihn kontrolliert.
Denn in einer Welt, in der alles digitalisiert wird, ist die Fähigkeit zu programmieren nicht nur eine Fertigkeit.
Sie ist strategische Souveränität.



