In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Eine Beobachtung aus der realen Welt
Wer die letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, erkennt ein paradoxes Bild: Globalisierung hat die Welt enger vernetzt als je zuvor – und gleichzeitig erleben wir eine Renaissance nationaler Souveränität.
Lieferketten werden regionalisiert. Halbleiterproduktion wird als Sicherheitsfrage behandelt. Digitale Infrastruktur wird strategisch geschützt. Staaten investieren massiv in Verteidigung, Energieunabhängigkeit und technologische Eigenständigkeit.
Gleichzeitig entstehen supranationale Plattformen, digitale Währungen, globale Kapitalströme und transnationale Unternehmen, deren Einfluss oft größer ist als der mancher Staaten.
Die zentrale Frage lautet daher:
Sind Nationalstaaten im digitalen Zeitalter ein Auslaufmodell – oder werden sie stärker als je zuvor?

Die große These
Nationalstaaten verschwinden nicht.
Sie transformieren sich.
Der Nationalstaat des 21. Jahrhunderts wird weniger territorial definiert sein – und stärker technologisch.
Macht entsteht nicht mehr primär durch geografische Größe oder natürliche Ressourcen, sondern durch:
- technologische Infrastruktur
- Datenhoheit
- militärisch-digitale Kapazität
- Kapitalattraktivität
- regulatorische Gestaltungsmacht
Die Zukunft gehört Staaten, die sich als Plattform verstehen – nicht nur als Verwaltungseinheit.

Strategische Konsequenzen
1. Souveränität wird technologisch
Im 20. Jahrhundert war Energie der Schlüssel zur Souveränität. Heute sind es Halbleiter, Cloud-Infrastruktur, KI-Modelle und Kommunikationsnetze.
Ein Staat, der keine eigene digitale Infrastruktur besitzt, ist abhängig – selbst wenn er politisch unabhängig erscheint.
Technologische Autonomie wird zur Kernfrage nationaler Sicherheit.
Deshalb beobachten wir:
- Subventionen für Chipproduktion
- strategische Beteiligungen an Tech-Unternehmen
- restriktive Exportkontrollen
- nationale KI-Programme
Der Staat wird aktiver – nicht passiver.
2. Kapital wird geopolitisch instrumentalisiert
Kapitalströme waren lange primär renditegetrieben. Heute werden sie zunehmend politisch gerahmt.
Sanktionen, Investitionsbeschränkungen und strategische Beteiligungen zeigen: Kapital ist ein Machtinstrument.
Staaten konkurrieren um:
- Talente
- Unternehmenssitze
- Forschungszentren
- Rechenzentren
- Produktionskapazitäten
Steuersysteme, Regulierung und Rechtssicherheit werden zu Wettbewerbsfaktoren im globalen Standortwettbewerb.
Der Nationalstaat wird zum Akteur im Markt um Kapital.
3. Plattformstaaten entstehen
Digitale Identitäten, staatliche Datenbanken, zentrale Zahlungssysteme und digitale Verwaltungsprozesse schaffen neue Formen staatlicher Effizienz – aber auch Kontrolle.
Ein moderner Staat ist zunehmend eine Infrastrukturplattform:
- Steuererhebung digitalisiert
- Gesundheitsdaten integriert
- Bildungssysteme technologisch vernetzt
- Bürgerdienste automatisiert
Je effizienter diese Systeme, desto attraktiver der Standort.
Gleichzeitig entstehen neue Spannungsfelder zwischen Datenschutz, Effizienz und Machtkonzentration.
4. Militärische Macht wird digitalisiert
Konflikte verschieben sich zunehmend in digitale Räume:
- Cyberangriffe
- Satellitenmanipulation
- Informationsoperationen
- KI-gestützte Entscheidungsprozesse
Der Nationalstaat bleibt Träger militärischer Gewalt – aber die Instrumente verändern sich.
Weltrauminfrastruktur, Halbleiterproduktion und KI-Systeme sind heute ebenso strategisch wie Panzer oder Flugzeuge.

Beispiele aus der Praxis
Die Vereinigten Staaten investieren massiv in Halbleiterproduktion und KI-Forschung, um ihre technologische Dominanz zu sichern. China verfolgt eine langfristige Strategie technologischer Eigenständigkeit mit starker staatlicher Koordination. Europa ringt um strategische Autonomie, balanciert jedoch zwischen Regulierung und Innovationsgeschwindigkeit.
Gleichzeitig sehen wir neue Formen staatlicher Souveränität:
- Digitale Zentralbankwährungen
- nationale Cloud-Infrastrukturen
- gezielte Industriepolitik
Bemerkenswert ist, dass viele dieser Initiativen staatlich-privat organisiert sind. Der klassische Gegensatz zwischen Markt und Staat wird durch hybride Modelle ersetzt.
Nationalstaaten kooperieren mit Konzernen – und konkurrieren zugleich mit ihnen.
Die strukturelle Verschiebung
Die nächsten Jahrzehnte werden von drei großen Spannungsfeldern geprägt sein:
1. Globalisierung vs. Fragmentierung
Handel bleibt global – doch Lieferketten werden resilienter gestaltet. Strategische Industrien werden national abgesichert.
Wir erleben keine vollständige Deglobalisierung, sondern eine selektive.
2. Freiheit vs. Kontrolle
Technologische Effizienz ermöglicht umfassende Datenerfassung und -auswertung. Staaten stehen vor der Frage, wie sie zwischen Sicherheit und individueller Freiheit balancieren.
Digitale Infrastruktur kann Bürger befähigen – oder überwachen.
3. Wachstum vs. Stabilität
Hohe Staatsverschuldung in vielen Industrieländern erhöht den Druck auf Produktivitätssteigerung. Technologie wird zum Hebel, um Wachstum zu generieren und fiskalische Stabilität zu sichern.
Der Nationalstaat muss innovativer werden, um finanzierbar zu bleiben.
Ausblick: Die nächsten 10–20 Jahre
Wie könnte die Welt in zwei Jahrzehnten aussehen?
1. Technologische Blöcke
Es ist wahrscheinlich, dass sich technologische Ökosysteme stärker regionalisieren. Standards, Plattformen und Lieferketten könnten sich entlang geopolitischer Linien entwickeln.
Nicht vollständige Isolation – aber partielle Entkopplung.
2. Wettbewerb um Talente
Humankapital wird entscheidender als Rohstoffe. Staaten mit attraktiven Lebensbedingungen, stabilen Institutionen und technologischer Infrastruktur werden Talente anziehen.
Migration wird ökonomisch noch strategischer.

3. Daten als Staatsressource
Daten werden ähnlich behandelt wie natürliche Ressourcen. Regulierung, Zugang und Nutzung werden politisch definiert.
Digitale Souveränität wird zur Voraussetzung wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit.
4. Der Staat als strategischer Investor
Wir werden mehr staatliche Beteiligungen an Schlüsselindustrien sehen. Souveräne Fonds und Staatsbeteiligungen werden als geopolitische Werkzeuge eingesetzt.
Der Nationalstaat wird nicht kleiner – sondern selektiv stärker.
Fazit: Evolution statt Erosion
Der Nationalstaat ist kein Relikt der Vergangenheit. Er ist eine adaptive Struktur.
Seine Legitimität wird künftig nicht nur an territorialer Integrität gemessen, sondern an:
- technologischer Kompetenz
- wirtschaftlicher Attraktivität
- institutioneller Stabilität
- strategischer Weitsicht
In einer Welt wachsender Komplexität bleibt der Staat Koordinationszentrum von Macht, Kapital und Infrastruktur.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Nationalstaaten überleben.
Sondern welche von ihnen sich strategisch neu erfinden.
Die kommenden Dekaden werden nicht vom Verschwinden des Staates geprägt sein – sondern von seiner Transformation.
Und wie jede Transformation schafft sie Gewinner und Verlierer.
Für Investoren, Unternehmer und Entscheidungsträger bedeutet das:
Verstehen Sie nicht nur Märkte. Verstehen Sie Staaten.
Denn im 21. Jahrhundert ist geopolitische Intelligenz ein ökonomischer Wettbewerbsvorteil.




