In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
I. Beobachtung: Die Konzentration, die niemand bemerkt
Im April 2024 hielt BlackRock über 10% der Anteile an Apple, Microsoft, Amazon, Google, Meta – den fünf wertvollsten Unternehmen der Welt. Vanguard hielt ähnliche Positionen. State Street ebenfalls.
Drei Firmen. Über 25 Billionen Dollar Assets under Management. Größte Aktionäre in 90% der S&P 500-Unternehmen.
Im gleichen Monat stimmten BlackRock, Vanguard und State Street bei 95% aller Proxy Votes identisch ab. Nicht, weil sie koordinieren (das wäre illegal) – sondern weil sie dieselben Algorithmen nutzen, dieselben ISS/Glass Lewis-Empfehlungen befolgen, dieselbe passive Philosophie verfolgen.

Gleichzeitig meldete die SEC: Passive Fonds kontrollieren mittlerweile 52% des US-Aktienmarktes. Vor 20 Jahren: 15%. Der Trend ist eindeutig – und beschleunigt sich.
Was diese Datenpunkte verbinden: Sie zeigen, dass Kapitalmärkte fundamental anders funktionieren als vor einer Generation. Nicht mehr durch dezentrale Preisfindung, sondern durch zentralisierte, algorithmische Allokation.
Das hat Konsequenzen. Massive Konsequenzen. Die meisten verstehen sie nicht.
II. These: Indexfonds zerstören Preisfindung – und niemand will es zugeben
Kapitalmärkte haben historisch eine zentrale Funktion: Preisfindung. Investoren analysieren Unternehmen, bewerten Risiken, treffen Allokationsentscheidungen. Gute Unternehmen erhalten Kapital. Schlechte nicht. Der Preis reflektiert aggregierte Information.
Dieses Modell bricht zusammen.
Indexfonds allokieren nicht nach Qualität. Sie allokieren nach Marktkapitalisierung. Je größer ein Unternehmen bereits ist, desto mehr Kapital bekommt es – unabhängig von Fundamentaldaten.
Apple ist überteuert? Egal – der Index kauft trotzdem. Tesla macht operative Verluste? Irrelevant – solange es im S&P 500 ist, fließt Kapital rein.
Das ist keine Preisfindung. Das ist Momentum-Verstärkung. Große Unternehmen werden größer, weil sie groß sind. Kleine Unternehmen bleiben klein, weil sie klein sind.
Die fundamentale Frage: Wenn 52% des Marktes nicht nach Qualität allokiert – wer macht dann noch Preisfindung?
Antwort: Die verbleibenden 48% aktive Investoren. Aber deren Einfluss schwindet. Und mit ihnen schwindet die Effizienz des Marktes.
Das ist keine theoretische Sorge. Das ist strukturelle Realität.
III. Strategische Konsequenzen
1. Marktkonzentration wird selbstverstärkend
Früher: Ein Unternehmen wächst durch operative Exzellenz → Kurs steigt → zieht Kapital an.
Heute: Ein Unternehmen ist groß → wird im Index übergewichtet → erhält passives Kapital → wird noch größer.
Das ist selbstverstärkender Loop.
Beispiel: Die "Magnificent Seven" (Apple, Microsoft, Google, Amazon, Meta, Tesla, NVIDIA) repräsentieren mittlerweile 30% des S&P 500. Vor 10 Jahren: 15%.
Warum? Nicht nur, weil sie besser performen – sondern weil passive Fonds mechanisch mehr Kapital in sie allokieren, je größer sie werden.
Das führt zu extremer Konzentration. Der S&P 500 ist de facto nicht mehr diversifiziert – er ist ein Magnificent-Seven-Index mit 493 Satelliten.
Die Implikation: Wenn diese sieben Unternehmen korrigieren, korrigiert der gesamte Markt – unabhängig davon, wie es den anderen 493 geht.
Das ist systemisches Risiko durch strukturelle Konzentration.
2. Aktives Management wird strukturell benachteiligt
Passive Fonds haben einen inhärenten Vorteil: Kosten. TER von 0,05-0,20%. Aktive Fonds: 1-2%. Über Jahrzehnte: massiver Performanceunterschied allein durch Kosten.
Aber: Das gilt nur, solange Märkte effizient sind.
Wenn passive Fonds dominieren, werden Märkte ineffizienter – weil niemand mehr Preisfindung macht. Das sollte aktiven Investoren Opportunitäten bieten.
Tut es aber nicht – weil passive Zuflüsse so dominant sind, dass sie jede Mispricing überlagern.

Beispiel: Ein aktiver Investor identifiziert, dass Unternehmen X fundamental unterbewertet ist. Er kauft. Aber: Passive Zuflüsse gehen primär in den Index (und damit überproportional in große Unternehmen). Unternehmen X ist klein → bekommt kaum passive Zuflüsse → Kurs bleibt unterbewertet.
Der aktive Investor hat recht – aber der Markt belohnt ihn nicht. Weil der Markt nicht mehr durch Fundamentaldaten bewegt wird, sondern durch passive Flows.
Das ist strukturelle Benachteiligung aktiven Managements – nicht durch schlechte Performance, sondern durch Marktstruktur.
3. Corporate Governance wird homogenisiert
BlackRock, Vanguard, State Street sind die größten Aktionäre fast aller Unternehmen. Sie haben enormen Einfluss auf Corporate Governance.
Das Problem: Sie stimmen fast immer gleich ab. Warum?
Weil sie dieselben Proxy-Advisory-Firmen nutzen (ISS, Glass Lewis). Weil sie passive Philosophie verfolgen (keine Zeit für individuelle Analysen). Weil regulatorische Risiken sie zu Konformität zwingen.
Das Resultat: Corporate Governance konvergiert. Alle Unternehmen haben ähnliche ESG-Policies, ähnliche Compensation-Strukturen, ähnliche Board-Zusammensetzungen.
Ist das gut? Vielleicht – wenn die Standards richtig sind.
Ist das gefährlich? Absolut – weil es Monokultur erzeugt. Keine Diversität in Ansätzen. Keine Experimente. Keine Abweichung vom Konsens.
Und Monokultur ist fragil. Wenn der Konsens falsch ist, scheitern alle gleichzeitig.
4. Liquidität wird zur Illusion
Indexfonds versprechen Liquidität: Du kannst jederzeit kaufen und verkaufen. Korrekt – solange alle das nicht gleichzeitig tun.
Aber was passiert in einer Krise?
Alle verkaufen gleichzeitig. Indexfonds müssen verkaufen (weil sie Redemptions bedienen müssen). Sie verkaufen mechanisch – nach Index-Gewichtung. Das bedeutet: Sie verkaufen die größten, liquidesten Positionen zuerst (Apple, Microsoft).
Das führt zu Flash Crashes. Nicht, weil Fundamentaldaten schlecht sind – sondern weil passive Verkäufe indiskriminierend sind.
Beispiel: März 2020 (COVID-Crash). Passive Fonds verkauften mechanisch. Selbst fundamentale starke Unternehmen fielen 40-50% – nicht wegen operativer Risiken, sondern wegen Liquidationsdruck.
Das ist strukturelle Fragilität. Liquidität existiert – bis sie nicht mehr existiert. Dann kollabiert sie schlagartig.

IV. Beispiel: Die stille Macht von BlackRock
BlackRock ist nicht nur ein Asset Manager. BlackRock ist eine systemrelevante Institution – mit mehr Einfluss als die meisten Zentralbanken.
Assets under Management: 10 Billionen Dollar. Größer als das BIP Japans. Größter Aktionär in Microsoft, Apple, Amazon, ExxonMobil, JPMorgan – und hunderten anderen Unternehmen.
Aber BlackRocks Macht liegt nicht nur in Assets. Sie liegt in Aladdin.
Aladdin ist BlackRocks Risikomanagement-Software. Sie wird nicht nur von BlackRock genutzt – sondern von Pensionsfonds, Versicherungen, Banken weltweit. Über 21 Billionen Dollar werden auf Aladdin verwaltet.
Was bedeutet das?
Aladdin analysiert Risiken. Aladdin empfiehlt Allokationen. Aladdin beeinflusst, wohin Kapital fließt.
Wenn Aladdin sagt "Risiko in Sektor X ist zu hoch" – verkaufen tausende Institutionen. Wenn Aladdin sagt "Sektor Y ist attraktiv" – kaufen sie.
Das ist nicht Verschwörung. Das ist Netzwerkeffekt. Alle nutzen dieselbe Software → alle treffen ähnliche Entscheidungen → Märkte bewegen sich synchron.
BlackRock kontrolliert nicht direkt – aber es setzt Standards, die alle anderen befolgen.
Das ist unsichtbare Macht. Und sie wächst.
V. Ausblick: Die nächsten 10–20 Jahre
Passive Fonds werden weiter wachsen – nicht, weil sie besser sind, sondern weil sie billiger sind und Trägheit eine mächtige Kraft ist.
Was wahrscheinlich passiert:
Passive Fonds kontrollieren bis 2035 über 70% des US-Aktienmarktes. Europa folgt mit Verzögerung (aktuell ~35%, Trend zu 50%+).
Marktkonzentration verschärft sich weiter. Die größten 10 Unternehmen könnten 50% der Marktkapitalisierung ausmachen (aktuell: 35%). Das macht Märkte fragiler.
Regulierung greift ein – aber langsam. Diskussionen über "common ownership" (drei Fonds besitzen alle Konkurrenten → reduziert Wettbewerb) werden lauter. Aber strukturelle Veränderungen dauern Jahrzehnte.
Aktive Manager konzentrieren sich auf Nischen: Small Caps, Emerging Markets, Private Markets – alles Bereiche, wo passive Fonds schwach sind.
Alternative Indexierungs-Strategien entstehen: Equal-Weight-Indizes (statt Market-Cap-Gewichtung), Fundamental-Indizes (Gewichtung nach Gewinn, Cashflow), Themen-ETFs. Diese fragmentieren den Markt – aber ändern das Grundproblem nicht.
Was unwahrscheinlich ist:
Eine Rückkehr zu aktiv-dominiertem Markt. Ein Verbot von Indexfonds (politisch undurchsetzbar, ökonomisch fragwürdig). Ein Ende der Konzentration (Netzwerkeffekte verstärken sich selbst).

Implikationen für Kapitalallokation:
Verstehe, dass "der Markt" nicht mehr dezentral ist. Er ist konzentriert, algorithmisch, selbstverstärkend.
Nutze passive Fonds für Core-Exposure (billig, effizient) – aber erkenne die Risiken (Konzentration, Liquiditätsillusion).
Suche Alpha außerhalb passiv-dominierter Märkte: Small Caps (wo passive Fonds schwach sind), internationale Märkte (wo Indexierung weniger dominant ist), Private Markets (wo keine Indexfonds existieren).
Diversifiziere nicht nur geografisch/sektoral – sondern auch strukturell: Kombination aus passiv (billig), aktiv (Preisfindung), privat (unkorrelliert).
Bereite dich auf strukturelle Volatilität vor: Wenn 70% des Marktes passiv ist und gleichzeitig verkauft, fallen alle Assets – unabhängig von Qualität. Das sind Buying Opportunities – aber nur, wenn du Liquidität hast.
Schluss: Indexfonds sind Fortschritt – und systemisches Risiko
Indexfonds haben Investieren demokratisiert. Jeder kann heute günstig, diversifiziert, einfach investieren. Das ist Fortschritt.
Aber: Indexfonds haben auch Märkte fundamental verändert. Preisfindung erodiert. Konzentration steigt. Governance homogenisiert sich. Liquidität wird fragiler.
Das ist kein Bug. Das ist Feature – wenn man versteht, wie Indexfonds funktionieren.
Das Problem: Die meisten verstehen es nicht. Sie glauben, sie investieren in "den Markt". Tatsächlich investieren sie in einen selbstverstärkenden Loop von Marktkapitalisierungs-gewichteten, passiven Kapitalflüssen.
Das funktioniert – bis es nicht mehr funktioniert.
Für Investoren bedeutet das: Nutze Indexfonds. Aber verstehe ihre Limitationen. Und diversifiziere strukturell – nicht nur nominal.
Die unsichtbare Macht der Indexfonds ist real. Sie wächst. Und sie formt Kapitalmärkte auf Weisen, die wir erst in der nächsten Krise vollständig verstehen werden.
Wer vorbereitet ist, überlebt. Wer blind investiert, wird überrascht.
