In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

1. Beobachtung aus der realen Welt
In nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften lassen sich derzeit ähnliche Muster erkennen: hohe Bewertungen, massive Liquidität im System, eine neue technologische Erzählung und ein wachsendes Gefühl, dass „diesmal alles anders ist“.
Private Märkte wachsen schneller als öffentliche. Bewertungsniveaus im Technologiesektor entkoppeln sich teilweise von klassischen Cashflow-Metriken. Staaten verschulden sich strukturell höher als in früheren Zyklen – bei gleichzeitig steigender geopolitischer Fragmentierung.
Gleichzeitig erleben wir eine enorme Kapitalmobilisierung rund um Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Energieinfrastruktur und digitale Plattformökonomien. Venture Capital fließt in gigantischen Volumina. Staatsfonds beteiligen sich an strategischen Industrien. Private Equity kauft ganze Sektoren von den öffentlichen Märkten auf.
Blasen entstehen nicht aus Irrationalität allein. Sie entstehen aus strukturellen Übertreibungen in Phasen tiefgreifender Transformation.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob sich eine neue Vermögensblase bildet – sondern wo sie sich materialisiert.
2. Die große These
Meine These lautet: Die nächste große Vermögensblase wird nicht primär im klassischen Aktienmarkt entstehen, sondern im Zusammenspiel von Technologie-Infrastruktur, privaten Kapitalmärkten und staatlich subventionierten Zukunftsindustrien.
Sie wird nicht als spekulativer Exzess erscheinen, sondern als strategische Notwendigkeit.
Blasen sind oft Spiegel realer Innovation. Die Eisenbahnblase des 19. Jahrhunderts war überzogen – aber sie schuf Infrastruktur. Die Dotcom-Blase war exzessiv – aber sie legte das Fundament des Internets.

Die aktuelle Welle rund um KI, Halbleiter, Energie-Transformation und digitale Plattformen hat reale Substanz. Doch gerade deshalb ist sie anfällig für Überkapitalisierung.
Wenn Kapital strukturell im Überfluss vorhanden ist, sinkt die Preissensibilität. Und wenn geopolitische Rivalität strategische Industrien fördert, wird Effizienz zweitrangig gegenüber Geschwindigkeit.
3. Strategische Konsequenzen
1. Die Blase wird politisch legitimiert sein
Im Gegensatz zu spekulativen Episoden der Vergangenheit wird die nächste Übertreibung stark politisch flankiert.
Subventionen für Halbleiterproduktion, Milliardenprogramme für erneuerbare Energien, staatlich geförderte KI-Infrastruktur – all das schafft einen Eindruck strategischer Unvermeidbarkeit.
Kapital folgt politischen Signalen.
Wenn Staaten signalisieren, dass bestimmte Industrien „systemrelevant“ oder „strategisch“ sind, sinkt das wahrgenommene Risiko. Investoren interpretieren politische Unterstützung als implizite Garantie.
Doch politische Förderung ersetzt keine wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Subventionierte Industrien neigen langfristig zu Überkapazitäten – ein klassisches Merkmal von Blasen.

2. Private Märkte als Epizentrum
Ein struktureller Wandel der letzten 20 Jahre ist die Verlagerung von Kapital in private Märkte.
Unicorn-Bewertungen, Mega-Fonds, sekundäre Beteiligungsstrukturen – der Großteil des Wertzuwachses vieler Unternehmen findet heute vor dem Börsengang statt.
Transparenz ist geringer. Liquidität ist eingeschränkt. Bewertungsmaßstäbe sind flexibler.

Private Märkte können Überbewertungen länger aufrechterhalten als öffentliche Märkte, da Preisbildung nicht täglich stattfindet.
Das reduziert Volatilität – aber nicht Risiko.
Die nächste große Blase könnte sich deshalb außerhalb des öffentlichen Blickfelds aufbauen.
3. Kapital wird in Infrastruktur „geparkt“
Eine Besonderheit der aktuellen Phase ist die gigantische Kapitalintensität neuer Technologien.
KI erfordert Rechenzentren, Energie, Halbleiterfertigung, Glasfaser-Infrastruktur. Energiewende benötigt Netze, Speicher, Produktionskapazitäten.
In Zeiten niedriger Realzinsen wurde Infrastruktur zu einer Art Ersatz-Anleihe: stabil, langfristig, vermeintlich sicher.
Doch wenn Kapital im Übermaß in ähnliche Projekte fließt, entstehen Überkapazitäten – besonders wenn technologische Effizienz schneller steigt als Nachfrage.
Die Blase wird daher weniger spekulativ aussehen, sondern wie ein rationaler, langfristiger Infrastrukturboom.
Gerade das macht sie gefährlich.

4. Narrative verdrängen Cashflows
Jede Blase hat ein dominantes Narrativ. In den 1990er Jahren war es das Internet. In den 2000er Jahren Immobilien als „sichere“ Anlage. Heute ist es Künstliche Intelligenz und digitale Souveränität.
Narrative reduzieren Komplexität. Sie ermöglichen Kapitalallokation ohne tiefgehende Analyse.
Wenn Bewertungen primär auf zukünftiger Disruption basieren und weniger auf gegenwärtigen Cashflows, verschiebt sich der Bewertungsmaßstab.
Das ist nicht irrational – es ist spekulativ.
Die Grenze zwischen Vision und Übertreibung ist fließend.
4. Beispiele aus Staaten und Unternehmen
Die massiven Investitionen in Halbleiterproduktion in den USA, Europa und Asien sind ein gutes Beispiel. Milliardenprogramme schaffen parallele Produktionskapazitäten in geopolitisch getrennten Blöcken.
Strategisch ist das nachvollziehbar. Wirtschaftlich kann es jedoch zu Überangebot führen.
Ähnliches gilt für KI-Rechenzentren. Große Technologieunternehmen investieren zweistellige Milliardenbeträge jährlich in Infrastruktur, deren langfristige Monetarisierung noch nicht vollständig bewiesen ist.
Staatliche Förderprogramme beschleunigen diese Entwicklung.
Historisch betrachtet führten ähnliche Phasen – etwa im Telekommunikationssektor der 1990er – zu massiven Überkapazitäten und anschließender Konsolidierung.
Die Glasfaserblase der Dotcom-Ära hinterließ tausende Kilometer ungenutzter Leitungen.
Heute könnte sich ein ähnliches Muster in Rechenzentren, Batterieproduktion oder grüner Energie wiederholen.
5. Ausblick auf die nächsten 10–20 Jahre
In den kommenden zwei Jahrzehnten werden wir wahrscheinlich zwei Phasen erleben:
- Eine Phase massiver Kapitalakkumulation in strategischen Zukunftsindustrien.
- Eine Phase der Konsolidierung, in der nur wenige dominante Akteure überleben.
Die Blase wird nicht plötzlich platzen wie ein spekulativer Exzess an einer einzelnen Börse. Sie wird sich graduell entladen – durch Margendruck, Überkapazitäten und sinkende Kapitalrenditen.
Langfristig werden aus jeder Blase Gewinner hervorgehen.
Die Eisenbahn überlebte. Das Internet überlebte. Auch KI und Energieinfrastruktur werden überleben.

Doch Investoren, die in der Hochphase der Kapitalübertreibung einsteigen, tragen das Risiko der Bewertungsnormalisierung.
Die entscheidende Fähigkeit wird nicht sein, Innovation zu identifizieren – sondern Preis und Narrativ voneinander zu trennen.
Blasen sind strukturell, nicht emotional
Die nächste große Vermögensblase wird nicht aus Euphorie allein entstehen. Sie wird aus geopolitischem Wettbewerb, technologischer Transformation und überschüssigem Kapital gespeist.
Sie wird rational erscheinen. Strategisch notwendig. Politisch gewollt.
Genau deshalb wird sie schwer zu erkennen sein.
Für langfristige Investoren bedeutet das:
- Innovation nicht mit Bewertung verwechseln.
- Politische Förderung nicht als Garantie interpretieren.
- Infrastrukturprojekte auf Kapitalrendite prüfen, nicht auf Narrativ.
- Liquidität als strategischen Vorteil begreifen.
Blasen sind Teil kapitalistischer Dynamik. Sie zerstören Kapital – und schaffen Infrastruktur.
Die Kunst liegt nicht darin, sie vollständig zu vermeiden.
Sondern darin, nicht blind Teil von ihnen zu werden.



