In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
Vor zwanzig Jahren galt der Börsengang als Ritterschlag eines Unternehmens. Der Weg war klar definiert: Gründung, Wachstum, Skalierung – dann IPO. Die öffentliche Börse war der zentrale Ort der Kapitalallokation. Sie war nicht nur Finanzierungsinstrument, sondern auch Symbol für Reife und Transparenz.
Heute verschiebt sich dieses Paradigma.
Die wertvollsten Technologieunternehmen bleiben länger privat. Einige erreichen zweistellige Milliardenbewertungen, ohne je eine öffentliche Notierung angestrebt zu haben. Sekundärmärkte für nicht börsennotierte Anteile wachsen. Family Offices, Staatsfonds und Private-Equity-Gesellschaften übernehmen Funktionen, die früher klassischen Aktienmärkten vorbehalten waren.
Wir erleben den Aufstieg der privaten Börsen.

Die große These: Kapital verlagert sich von öffentlichen Märkten in geschlossene Ökosysteme
Öffentliche Börsen verlieren nicht an Bedeutung – aber sie verlieren Exklusivität.
Ein immer größerer Anteil des globalen Unternehmenswertes entsteht, wächst und wird gehandelt, ohne jemals die klassischen Aktienmärkte zu durchlaufen. Kapital fließt zunehmend in private Strukturen, in denen Liquidität selektiv, Zugang begrenzt und Information asymmetrischer verteilt ist.
Dieser Wandel ist kein Zufall. Er ist das Resultat dreier struktureller Entwicklungen:
- Massive Kapitalakkumulation in institutionellen Händen
- Technologische Infrastruktur für private Sekundärmärkte
- Regulatorische und strategische Vorteile des Privaten
Private Märkte sind nicht länger Nischenprodukte für Eliten. Sie werden zu parallelen Kapitalplattformen.
Makroökonomischer Hintergrund: Liquidität ohne Zwang zur Öffentlichkeit
Die Nullzinsphase der letzten Dekade hat enorme Kapitalmengen erzeugt. Pensionsfonds, Staatsfonds, Family Offices und institutionelle Investoren suchten Rendite. Private Märkte boten sie – mit Illiquiditätsprämien, direkter Einflussnahme und weniger kurzfristigem Bewertungsdruck.
Unternehmen wiederum erkannten:
Sie benötigen öffentliche Märkte nicht zwingend, um zu wachsen.
Private Kapitalgeber sind bereit, Milliarden bereitzustellen – ohne Quartalsberichte, ohne kurzfristige Marktreaktionen, ohne öffentliche Volatilität.
Kapital war lange Zeit an Börsen gebunden. Heute ist es mobil, global und privat.

Strategische Konsequenz 1: Informationsasymmetrie nimmt zu
Öffentliche Märkte basieren auf Transparenz. Berichtspflichten, Analystencoverage, regulatorische Offenlegung – all das schafft Informationsgleichheit.
Private Märkte funktionieren anders. Zugang ist selektiv. Daten sind begrenzt. Bewertungen entstehen durch Verhandlung, nicht durch Marktpreisbildung.
Für große Investoren ist das ein Vorteil. Sie erhalten exklusive Einblicke, Mitspracherechte und bevorzugten Zugang.
Für kleinere Investoren entsteht eine strukturelle Verschiebung:
Der Zugang zu wachstumsstarken Unternehmen erfolgt später – oft erst, wenn ein Großteil der Wertsteigerung bereits realisiert wurde.
Strategische Konsequenz 2: Machtkonzentration im Kapitalmarkt
Kapital ist Macht. Wer Kapital kontrolliert, bestimmt Allokation.
Private Märkte begünstigen große Akteure: Staatsfonds, globale Private-Equity-Häuser, Mega-Fonds mit zweistelligen Milliardenvolumina.
Diese Investoren strukturieren Deals, beeinflussen Governance, bestimmen strategische Richtungen.
Öffentliche Aktionäre sind fragmentiert. Private Kapitalgeber sind konzentriert.
Die Folge ist eine zunehmende Machtverschiebung von dezentralen Märkten zu institutionellen Kapitalpools.

Strategische Konsequenz 3: Bewertungskulturen divergieren
Öffentliche Märkte reagieren in Echtzeit. Bewertungen schwanken täglich. Liquidität erzeugt Preisfindung – aber auch Volatilität.
Private Märkte sind träger. Bewertungen werden periodisch angepasst. Illiquidität glättet Preisschwankungen.
Das erzeugt eine interessante Dynamik:
In Krisenzeiten erscheinen private Bewertungen stabiler – nicht zwingend, weil die Fundamentaldaten stabiler sind, sondern weil Marktpreise fehlen.
Diese Illusion von Stabilität kann systemische Risiken verdecken.
Strategische Konsequenz 4: Geopolitische Dimension
Kapitalmärkte sind geopolitische Instrumente.
In einer Welt zunehmender Blockbildung – USA, China, Europa – gewinnen private Kapitalstrukturen strategische Bedeutung. Staaten investieren direkt in Schlüsseltechnologien. Staatsfonds sichern sich Beteiligungen an kritischer Infrastruktur.
Private Börsen ermöglichen Kapitalbewegungen außerhalb klassischer öffentlicher Aufsicht.
Das kann Effizienz steigern – aber auch Transparenz reduzieren.
In geopolitisch sensiblen Sektoren wie Halbleitern, KI, Energie oder Verteidigung werden private Kapitalstrukturen zu strategischen Hebeln.

Beispiel: Technologieunternehmen im privaten Raum
Viele der innovativsten Technologieunternehmen der letzten Jahre blieben über lange Zeiträume privat. Sie sammelten Milliarden ein, erreichten enorme Bewertungen und entwickelten sich ohne öffentlichen Druck.
Das verschob die Wertschöpfung.
Früher profitierten öffentliche Investoren frühzeitig von Wachstumsphasen. Heute findet ein erheblicher Teil dieser Phase im privaten Raum statt.
Die öffentliche Notierung erfolgt oft erst bei reiferem Geschäftsmodell – mit geringerer Wachstumsdynamik.
Für langfristige Anleger bedeutet das:
Ein Teil der strukturellen Rendite verschiebt sich in geschlossene Kapitalzirkel.

Technologischer Treiber: Sekundärmärkte und Tokenisierung
Technologie selbst beschleunigt diese Entwicklung.
Digitale Plattformen ermöglichen den Handel mit privaten Anteilen. Sekundärmärkte entstehen für Mitarbeiterbeteiligungen und Frühinvestoren. In Zukunft könnten Blockchain-basierte Strukturen oder digitale Wertpapiere den Zugang weiter flexibilisieren.
Private Märkte werden liquider – ohne vollständig öffentlich zu werden.
Wir sehen eine Hybridisierung:
Nicht mehr strikt öffentlich oder privat, sondern graduelle Liquiditätsebenen.
Die systemische Frage: Was bedeutet das für öffentliche Börsen?
Öffentliche Börsen bleiben relevant – als Liquiditätsanker, als Benchmarking-Mechanismus, als Exit-Plattform.
Doch ihre Rolle verändert sich.
Sie werden stärker zu Reifestadien von Unternehmen – weniger zu Wachstumsinkubatoren.
Das könnte langfristig die Attraktivität öffentlicher Märkte für Privatanleger verändern.
Ausblick: Die nächsten 10–20 Jahre
Ich erwarte keine vollständige Verdrängung öffentlicher Märkte. Aber ich erwarte eine strukturelle Koexistenz zweier Kapitalwelten:
- Institutionelle, private Kapitalplattformen mit selektivem Zugang und hoher Machtkonzentration.
- Breite, öffentliche Märkte mit Liquidität, Transparenz und demokratischem Zugang.
Die entscheidende Entwicklung wird davon abhängen, ob private Märkte weiter skaliert und technologische Lösungen Liquiditätsbarrieren reduzieren.
Sollten private Plattformen effizienter, transparenter und regulatorisch akzeptierter werden, könnte ein signifikanter Anteil zukünftiger Wertschöpfung dauerhaft außerhalb klassischer Börsen stattfinden.
Die strategische Lektion für Investoren
Der rationale Investor muss verstehen, wo Wert entsteht – nicht nur, wo er sichtbar ist.
Wenn Kapitalströme sich in private Strukturen verlagern, verändern sich Renditeprofile, Informationszugang und Machtverhältnisse.
Das bedeutet nicht, dass öffentliche Märkte an Attraktivität verlieren. Es bedeutet, dass sie nicht mehr alleinige Bühne der Kapitalbildung sind.
In einer Welt wachsender Kapitalpools und geopolitischer Spannungen wird Kapitalallokation zunehmend strategisch – nicht nur ökonomisch.
Der Aufstieg der privaten Börsen ist kein kurzfristiger Trend.
Er ist Ausdruck einer tieferen Verschiebung: Kapital organisiert sich neu.
Und wer Vermögen aufbauen will, sollte diese Verschiebung nicht als Randnotiz betrachten – sondern als strukturelle Realität.
Denn Märkte sind nie statisch.
Sie spiegeln Macht, Technologie und Kapital – und diese Kräfte verändern sich kontinuierlich.





