„Wir leben in einem sicheren Land.“ Mit diesem Satz setzt Bundeskanzler Friedrich Merz den Ton für seine erste Neujahrsansprache. Es ist ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zu einer Weltlage, die von Krieg, geopolitischer Verschiebung und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt ist. Merz wählt nicht die Sprache der Warnung, sondern die der Zuversicht – verbunden mit einer klaren Erwartung an die Bevölkerung: Geduld.
„Wir leben in einem sicheren Land.“
Sicherheit als politische Kernbotschaft
Merz stellt die Sicherheitsfrage ins Zentrum seiner Rede. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, Sabotage, Spionage und Cyberangriffe – all das verschweigt er nicht. Im Gegenteil. Er spricht von täglichen Angriffen auch auf Deutschland und ordnet den russischen Angriff als Teil eines größeren Plans ein, der sich gegen ganz Europa richte.
Gerade deshalb betont er staatliche Handlungsfähigkeit. Deutschland sei kein Spielball externer Mächte. Sicherheit sei gestaltbar, Abschreckung notwendig. Die Botschaft ist doppeldeutig: beruhigend nach innen, abschreckend nach außen. Merz macht klar, dass die Bundesregierung bereit ist, militärisch und sicherheitspolitisch mehr Verantwortung zu übernehmen.

Europa muss eigenständiger werden
Deutlich wird der Kanzler auch beim transatlantischen Verhältnis. Die Partnerschaft mit den USA sei im Wandel, sagt Merz – ein Hinweis auf die Politik von Donald Trump. Für Europa bedeute das, eigene Interessen stärker aus eigener Kraft zu vertreten.
Damit knüpft Merz an eine Linie an, die in der EU seit Jahren diskutiert wird, nun aber schärfer formuliert ist. Europäische Sicherheit, europäische Wettbewerbsfähigkeit, europäische Eigenständigkeit. Die Bundesregierung habe auf EU-Ebene einen Politikwechsel eingeleitet, Bürokratieabbau zur Priorität gemacht und die Wettbewerbsfähigkeit nach oben gezogen.
Reformen brauchen Zeit – und Vertrauen
Der Kanzler weiß, dass viele Bürger bisher wenig von den angekündigten Reformen spüren. Er räumt das offen ein. Ja, es sei noch zu wenig angekommen. Ja, es dauere. Doch er ist überzeugt, dass Deutschland den Ertrag dieser Reformen ernten werde.
Gemeint sind Maßnahmen zur Stärkung des Wachstums, zur Entlastung der Wirtschaft und zur Neuordnung des Sozialstaats. Merz spricht von grundlegenden Reformen, die 2026 beschlossen werden müssten, um Renten- und Sozialsysteme langfristig finanzierbar zu halten. Die demografische Realität – eine alternde Gesellschaft, geburtenstarke Jahrgänge im Ruhestand – lasse keinen Spielraum für politische Bequemlichkeit.

Sozialstaat unter Anpassungsdruck
Besonders deutlich wird Merz bei der Zukunft der sozialen Sicherung. Die Abschaffung des Bürgergeldes, die Einführung einer neuen Grundsicherung und Rentenbeschlüsse seien nur erste Schritte. Das System müsse generationengerecht neu austariert werden.
Hier zeigt sich der politische Kern der Rede. Merz wirbt nicht um kurzfristige Zustimmung, sondern um Akzeptanz für Einschnitte. Er spricht nicht von Verzicht, aber von Notwendigkeit. Das ist riskant, aber konsequent. Der Kanzler setzt darauf, dass Ehrlichkeit langfristig Vertrauen schafft.
Wirtschaft zwischen Protektionismus und Reformstau
Merz verknüpft die Reformagenda eng mit der internationalen Lage. Die Rückkehr zum Protektionismus, strategische Abhängigkeiten bei Rohstoffen und geopolitische Spannungen träfen Deutschland als Exportnation besonders hart.
Doch der Kanzler macht die Probleme nicht nur extern fest. Ein hausgemachter Reformstau lähme die Potenziale der Unternehmen. Bürokratie, Regulierung, langsame Verfahren – all das erschwere es, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Kreativität und Schaffenskraft seien vorhanden, müssten aber freigesetzt werden.
Migration als Ordnungsthema
Auch die Migrationspolitik nimmt Raum ein. Merz verteidigt die Entscheidungen zur Reduzierung irregulärer Migration und betont staatliche Steuerungsfähigkeit. Deutschland entscheide wieder selbst, wer ins Land komme und wer es verlassen müsse. Gleichzeitig seien neue Wege für legale Migration geöffnet worden.
Humanität und Ordnung stellt Merz nicht als Gegensatz dar, sondern als Einheit. Das ist eine bewusste Verschiebung im Ton gegenüber früheren Jahren – weniger moralisch, stärker ordnungspolitisch.
Optimismus gegen den Zeitgeist
Auffällig ist, wogegen sich Merz explizit wendet: gegen Angstmacher und Schwarzmaler. Er fordert Vertrauen in die eigene Stärke, Mut und Tatkraft. 2026 könne ein Jahr des Aufbruchs werden, ein Moment, in dem Deutschland und Europa wieder an Jahrzehnte von Frieden, Freiheit und Wohlstand anknüpfen.
Das ist kein Zufall. Merz setzt auf einen Gegenentwurf zum verbreiteten Krisendiskurs. Nicht Leugnung der Probleme, sondern der Anspruch, sie aus eigener Kraft zu bewältigen.
Eine Ansprache mit politischem Risiko
Die Rede ist weniger feierlich als programmatisch. Merz verteilt keine Versprechen, sondern Aufgaben. Er bittet um Geduld, fordert Unterstützung und warnt vor Vereinfachungen. Das ist politisch anspruchsvoll – und riskant.
Denn Zuversicht allein trägt nur, wenn Reformen tatsächlich greifen. Der Kanzler hat die Erwartungshaltung hoch gesetzt. Sicherheit, Wachstum, sozialer Ausgleich und europäische Stärke – alles zugleich.
Die Neujahrsansprache markiert damit keinen Abschluss, sondern einen Auftakt. Merz hat den Anspruch formuliert. 2026 wird zeigen, ob daraus mehr wird als ein Appell.




