02. Januar, 2026

Märkte

Lidl zieht Preise wieder an – warum der Preiskampf vor allem ein Signal ist

Vor einem halben Jahr versprach Lidl eine Zeitenwende an der Kasse. Eine exklusive Auswertung zeigt nun: Ein erheblicher Teil der „historischen“ Preissenkungen war nicht von Dauer. Der Kampf um die Preisführerschaft folgt eigenen Regeln.

Lidl zieht Preise wieder an – warum der Preiskampf vor allem ein Signal ist
Analyse zeigt: Über ein Viertel der von Lidl groß beworbenen Preissenkungen wurde wieder kassiert – der Preiskampf mit Aldi bleibt Show.

Der Preisschock sollte dauerhaft sein. So zumindest klang es, als Lidl Ende Mai mit großem Getöse eine massive Preissenkung ankündigte. Rund 500 Produkte sollten langfristig günstiger werden – ein Angriff auf Aldi, inszeniert als Befreiungsschlag für die Verbraucher. Heute, sechs Monate später, zeigt sich ein anderes Bild: Bei mehr als einem Viertel dieser Produkte liegt der Preis wieder über dem Niveau der Aktion.

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Der Befund ist klarer als die Kommunikation

Die Analyse basiert auf mehr als 100.000 Kassenbons, ausgewertet vom Preisvergleichsunternehmen Smhaggle. Das Ergebnis ist eindeutig: Rund 24,5 Prozent der untersuchten Artikel sind inzwischen teurer als zum Start der Aktion am 25. Mai. Im Durchschnitt beträgt der Preisanstieg 3,9 Prozent. Nur bei einem kleineren Teil sind die Preise weiter gesunken, bei einigen blieb der Preis gleich – teils allerdings bei reduzierter Packungsgröße.

Lidl selbst widerspricht nicht direkt, sondern verschiebt den Rahmen. Der Discounter spricht inzwischen von 900 dauerhaft gesenkten Produkten, legt aber keine Liste vor. Aus Wettbewerbsgründen, wie es heißt. Über konkrete Preisverläufe will das Unternehmen ebenfalls keine Angaben machen.

Preisführerschaft ist kein Messwert, sondern ein Narrativ

Der Kern des Konflikts liegt weniger in einzelnen Produkten als im Begriff der Preisführerschaft. Für Discounter wie Lidl und Aldi ist sie kein objektiver Zustand, sondern ein strategisches Signal.

„Preisführerschaft bedeutet nicht, dauerhaft der Billigste zu sein“, sagt der Handelsexperte Marc Houppermans.

Entscheidend sei, als Taktgeber wahrgenommen zu werden. Wer den ersten Schritt macht, setzt das Preissignal – auch wenn die Konkurrenz binnen Stunden nachzieht und das Niveau sich wieder angleicht.

Genau das war im Mai zu beobachten. Lidl verkündete die Preissenkung an einem Samstagmorgen, keine 24 Stunden später reagierte Aldi. Kurz darauf folgten Rewe, Edeka und Co. Das Resultat: flächendeckend identische Preise, wie so oft im deutschen Lebensmitteleinzelhandel.

Dauerhaft billig ist systemisch kaum möglich

Ein echter Preiskrieg wäre für beide Marktführer riskant. Die Margen im Discountgeschäft sind ohnehin dünn, die Kosten für Energie, Personal und Logistik hoch. Ein dauerhaftes Unterbieten würde zwar Aufmerksamkeit erzeugen, aber kaum Marktanteile verschieben – dafür jedoch Milliarden kosten.

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Milliarden-Rückkäufe und volle Auftragsbücher stützen die Aktie. Doch nach dem Kursrausch sendet der Markt erste Warnsignale.

Deshalb folgen Preissenkungen einem vertrauten Muster: punktuell, medial wirksam, emotional aufgeladen. Butter, Kaffee, Schokolade – Produkte mit hoher Symbolkraft. Dass solche Aktionen den durchschnittlichen Einkauf kaum beeinflussen, zeigen die Daten.

Laut Smhaggle ist in nur jedem 90. Einkaufskorb ein Paket Markenbutter enthalten, das Gegenstand einer öffentlichen Preisschlacht war. Auf die Gesamtausgaben gerechnet ist der Effekt marginal.

Die Preise sind trotzdem hoch geblieben

Der größere Kontext ist für Verbraucher ernüchternd. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts liegen die Lebensmittelpreise heute im Schnitt mehr als ein Drittel über dem Niveau von 2020. Gründe sind gestiegene Rohstoffpreise, höhere Energiekosten, Löhne – und wetterbedingte Ernteausfälle.

In diesem Umfeld wirken kurzfristige Preissignale wie kosmetische Eingriffe. Dass Lidl den Schritt dennoch ging, hatte einen klaren Zweck: das eigene Image neu zu positionieren.

In der Umfrage „Deutschlands Preisfavoriten 2025“ landete Lidl erstmals vor Aldi. Für die Wahrnehmung vieler Kunden war die Aktion also erfolgreich – selbst dann, wenn die Preise später wieder anzogen.

Marketing wirkt länger als Preise

Genau hier liegt der strategische Hebel. Preisänderungen bei Grundnahrungsmitteln prägen sich ein. Selbst wenn sie zurückgenommen werden, bleibt der Eindruck bestehen, der Händler habe „etwas getan“. Für viele Kunden ist das ausreichend.

Dass der durchschnittliche Einkauf bei Lidl 2025 laut Smhaggle sogar von 28,72 auf 29,34 Euro gestiegen ist, passt nicht zu der Erzählung der spürbaren Entlastung. Bei Aldi Süd sank der Betrag im selben Zeitraum leicht. Trotzdem bleibt Lidl im öffentlichen Diskurs der aggressive Preisführer.

„Dauerhaft“ heißt im Handel etwas anderes

Ein weiterer Punkt sorgt für Missverständnisse: der Begriff „dauerhaft“. Im Sprachgebrauch des Handels bedeutet er oft lediglich „nicht auf eine Aktionswoche begrenzt“. Dass Preise nach einigen Monaten wieder angepasst werden, gilt intern nicht als Bruch eines Versprechens.

So erklärt sich auch, warum Lidl bei der Zählung der gesenkten Preise großzügig vorgeht. Einzelne Geschmacksrichtungen, Packungsgrößen oder regionale Anpassungen werden separat gezählt. Auch die jüngst eingeführte bundesweite Preisvereinheitlichung fließt ein – selbst wenn Preise nur regional gesenkt wurden.

Markt mit erstaunlicher Preisdisziplin

Bemerkenswert bleibt die hohe Synchronität im deutschen Lebensmittelhandel. Frühere Studien zeigen, dass Regalpreise bei den meisten Produkten bis auf wenige Cent identisch sind – selbst nach Preisanpassungen. Abweichungen gleichen sich meist binnen Stunden aus.

Für Verbraucher bedeutet das: Wer dauerhaft sparen will, gewinnt wenig durch Händlerwechsel. Die Unterschiede liegen eher im Sortiment, in Eigenmarken oder in individuellen Einkaufsgewohnheiten.

Der Preiskampf ist vor allem Selbstvergewisserung

Am Ende geht es Lidl und Aldi weniger um reale Entlastung als um strategische Selbstvergewisserung. Preisführerschaft ist Teil der Identität, ein psychologischer Anker für Kundenbindung und Marktanteile.

Dass Lidl einen Teil der Preissenkungen wieder zurücknimmt, ist kein Scheitern der Strategie – sondern ihre logische Fortsetzung. Der Effekt wurde erzielt, das Signal gesendet, der Wettbewerb neutralisiert.

Für Verbraucher bleibt eine nüchterne Erkenntnis: Große Ankündigungen an der Kasse verändern selten den Alltag. Der wahre Preis wird nicht im Prospekt entschieden, sondern im langfristigen Zusammenspiel von Kosten, Marktstruktur und Wettbewerb.

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AlleAktien positioniert sich als Research-Plattform für Langfristinvestoren: datengetriebene Analysen, klarer Bewertungsrahmen und ergänzende Ausbildung von Gründer Michael C. Jakob. Der Ansatz: Qualität vor Hype – mit Fokus auf Renditequellen statt Kursrauschen.