Die Ruhe im Supermarkt ist trügerisch
Die Regale sind voll, die Preisschilder noch stabil. Doch hinter den Kulissen der deutschen Lebensmittelindustrie herrscht wachsende Nervosität. Die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran hat eine Kostenwelle ausgelöst, die sich durch die gesamte Lieferkette frisst – von der Düngerfabrik bis zum Kühlregal.
„Wir rechnen mit Auswirkungen auf die globalen Lieferketten und erwarten entsprechende Kostensteigerungen", sagt Frosta-Chef Felix Ahlers. Wie stark diese ausfallen, lasse sich noch schwer abschätzen.
Konsumgüterexperte Christoph Treiber, Partner der Beratung OC&C, setzt den zeitlichen Rahmen: Ab Sommer könnte sich die Lage im Supermarkt verändern. Bis dahin halten Lagerbestände und laufende Verträge die Preise noch künstlich stabil.
Durch Hormus fließt ein Fünftel des globalen Öls
Wer verstehen will, warum ein Krieg am Persischen Golf deutsche Tiefkühlpizzen teurer macht, muss die Geographie der globalen Lieferketten kennen. Durch die Straße von Hormus werden ein Fünftel der weltweiten Rohölmenge und ein Drittel aller Düngemittel transportiert.
Ist diese Passage gestört, steigen Energiepreise weltweit – und mit ihnen die Kosten für nahezu alles, was mit Nahrungsmitteln zu tun hat. Die deutschen Ernährungsindustrie benötigt jährlich bis zu 216 Petajoule, vor allem Erdgas. Das entspricht 6,4 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der deutschen Industrie. Pasteurisieren, Trocknen, Backen, Kühlen – jeder Schritt in der Produktion frisst Energie.
Die Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie warnt vor einem „Kosten-Tsunami", sollte die Schiffspassage länger unpassierbar bleiben. Das ist keine Übertreibung. Es ist Arithmetik.

Dünger, Diesel, Container – drei Kostentreiber gleichzeitig
Der Krieg wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Seit Kriegsbeginn sind die Preise für Stickstoff-, Harnstoff- und Schwefeldünger in Europa um bis zu 45 Prozent gestiegen. Kunstdünger hängt von Erdgas als Rohstoff ab – steigt der Gaspreis, steigt der Düngerpreis.
Für Landwirt Gernot Lindemann-Berk aus Frechen kommt das zur Unzeit: „Die Preissprünge bei Dünger treffen uns hart." Er hat seine Vorräte bereits aufgebraucht, braucht aber bis in den Sommer weitere Tranchen. Wird zu wenig gedüngt, entwickelt Weizen zu wenig Eiweiß – und taugt nicht mehr für Brot. Das ist keine abstrakte Drohung, sondern ein agronomisches Faktum.
Parallel dazu haben die Dieselpreise angezogen. Bauernpräsident Joachim Rukwied spricht von „schmerzhaften" Preissteigerungen gerade zur Frühjahrsbestellung. Viele Lkw-Speditionen geben steigende Spritkosten über Dieselgleitklauseln automatisch weiter. Die BVE fordert bereits die Aussetzung der Lkw-Maut für Lebensmitteltransporte.
Dazu kommen gestiegene Containerkosten und höhere Versicherungsprämien. Viele Frachtschiffe aus Asien meiden seit den Huthi-Angriffen von 2024 den Suezkanal und fahren den Umweg über Südafrika – das verlängert Lieferzeiten um rund zwei Wochen und verteuert den Transport erheblich.
Aluminium, Plastik, Pistazien – auch Verpackungen werden teurer
Der Kostendruck erfasst selbst die Verpackung. Die Golfregion ist der wichtigste Exporteur von Rohaluminium weltweit. Die weltgrößte Aluhütte Alba in Bahrain hat seit Kriegsbeginn ihre Produktion heruntergefahren. Aluminiumpreise haben ein Vier-Jahres-Hoch erreicht.
Kunststoffverpackungen hängen am Ölpreis, Glasflaschen brauchen zum Schmelzen Unmengen Energie. Wo Energie teurer wird, werden auch Flaschen, Dosen und Folien teurer.
Hinzu kommt ein nahrungsmittelspezifisches Problem: Der Iran hat sämtliche Agrarexporte verboten. Laut US-Landwirtschaftsministerium stammen 18 Prozent der weltweiten Pistazienernte aus dem Iran. Auch Datteln und andere Trockenfrüchte fehlen dem Weltmarkt. Sojaöl- und Palmöl-Terminpreise stiegen seit Kriegsbeginn um mehr als zehn Prozent – beide Rohstoffe stecken in Backwaren, Fertiggerichten und Margarine.

Verbraucher zahlen schon heute 37 Prozent mehr als 2020
Der Kontext macht die Lage besonders brisant. Laut Statistischem Bundesamt sind die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke seit 2020 um mehr als 37 Prozent gestiegen – gepusht zunächst durch die Pandemie, dann durch den Ukrainekrieg und die explodierten Gaspreise.
Linken-Chef Jan van Aken fordert eine sofortige Mehrwertsteuersenkung: von 19 auf 7 Prozent für alle Lebensmittel, null Prozent für Grundnahrungsmittel. Zugleich warnt er: „Milliardenschwere Konzerne wittern nun die Chance, den Krieg als Grund vorzuschieben, um uns erneut tief in die Tasche zu greifen."
Branchenexperte Treiber teilt diese Sorge nicht. Im Gegenteil: „Für Hersteller dürfte es sehr schwierig sein, nach der Teuerungswelle durch den Ukrainekrieg schon wieder höhere Preise im Handel durchzusetzen." Konsumenten lassen teure Produkte liegen. Der Handel weiß das. Mittelgroße Hersteller mit ohnehin niedrigeren Margen geraten dabei besonders unter Druck – sie haben wenig Verhandlungsmacht gegenüber den vier großen deutschen Handelsketten.
Die Industrie investiert in Unabhängigkeit – aber das braucht Zeit
Einzelne Unternehmen reagieren mit langfristigen Investitionen. Frosta deckt am Stammsitz Bremerhaven bereits ein Zehntel des Energiebedarfs mit einem eigenen Windrad. Im sächsischen Lommatzsch entsteht ein Solarpark, der ab Herbst die gesamte Energie des dortigen Werks liefern soll. Ahlers sagt: „Die aktuelle Krise bestärkt uns in unserer Entscheidung, massiv in die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern zu investieren."
Brauerei Veltins hat 2024 eine Photovoltaikanlage in Betrieb genommen und will langfristig vollständig auf erneuerbare Energien umsteigen. Der Jahresenergiebedarf des Unternehmens entspricht dem Stromverbrauch einer Stadt mit 70.000 Einwohnern.
Doch die wenigsten Betriebe sind so weit. Molkereien, Fleischverarbeiter, Bäckereien – sie alle hängen noch tief im fossilen System. Und die Politik reagiert bisher zögerlich. Der Ernährungsverband fordert die Rückkehr der Gaspreisbremse und niedrigere Netzentgelte.
Bauernpräsident Rukwied stellt die nüchternste Rechnung auf: Landwirte bräuchten Preissteigerungen von 25 bis 30 Prozent für ihre Produkte, um wieder kostendeckend wirtschaften zu können.
Ob der Handel das durchreicht oder schluckt, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Die Stille im Supermarkt hat ein Ablaufdatum.



