Ein Scheck für alle – und zwar wirklich für alle. 3000 Yuan, umgerechnet rund 380 Euro, für jeden der 1,4 Milliarden Chinesen. Keine Bedürftigkeitsprüfung, keine komplizierten Anträge, keine regionalen Einschränkungen. Einfach Geld aufs Handy. Was nach populistischer Fantasie klingt, wird in China inzwischen offen diskutiert – als möglicher Ausweg aus einer festgefahrenen Wirtschaftslage.
Chinas Konjunktur leidet nicht an Exporten, sondern an Kaufzurückhaltung
Deflatorische Tendenzen, schwacher Konsum, ein Immobilienmarkt im Rückwärtsgang: Die Bremsklötze der chinesischen Wirtschaft sind bekannt, ihre Wirkung hält an. Zwar hat die Regierung 2025 ein Maßnahmenpaket vorgelegt, das Einkommen erhöhen, Immobilien stabilisieren und Mindestlöhne anpassen soll. Doch die Dynamik bleibt überschaubar. Vor allem die Binnennachfrage zieht nicht an.

Für Zhu Tian, Ökonom an der China Europe International Business School, liegt das Problem weniger im Instrumentenkasten als in der Dimension. Lokale Gutscheine und sektorale Subventionen erzeugten Aufmerksamkeit, aber keinen gesamtwirtschaftlichen Impuls. Wer Konsum bewegen wolle, müsse in einer Größenordnung denken, die im Alltag der Haushalte spürbar ist.
Ein pauschaler Geldtransfer soll den Knoten lösen
Zhus Vorschlag ist so einfach wie provokant: eine einmalige Zahlung von 3000 Yuan an jeden Bürger, finanziert über Staatsanleihen, zeitlich befristet auf ein Jahr. In Summe würden rund 2,1 Billionen Yuan zusätzlich in Umlauf gebracht. Wenn die Haushalte davon nur die Hälfte ausgeben, könnte das Bruttoinlandsprodukt um etwa 1,5 Prozent wachsen.
Der Mechanismus setzt auf Tempo und Breite. Das Geld soll im Einzelhandel, in der Gastronomie und bei Dienstleistungen einsetzbar sein, kaum eingeschränkt, bewusst niedrigschwellig. Ausgezahlt würde digital über WeChat Pay oder Alipay – Kanäle, die praktisch jeden erreichen. Der Impuls käme unmittelbar, ohne Umwege über Verwaltungen oder Förderprogramme.
Warum frühere Gutscheine verpufften
China hat Konsumstimuli bereits getestet. Shanghai verteilte Mittel für Kulturangebote, Guangzhou subventionierte Restaurantbesuche, Zhejiang koppelte Sportevents an Rabatte für Tourismus und Gastronomie. Der Makroeffekt blieb gering. Zu selektiv, zu lokal, zu kleinteilig.

Zhu sieht darin den entscheidenden Unterschied zu seinem Ansatz. Bisherige Programme stimulierten bestimmte Käufe, nicht aber die Konsumneigung insgesamt. Sein Modell zielt auf das Gefühl von zusätzlichem Einkommen – und damit auf Entscheidungen, die Haushalte ohnehin treffen: essen gehen, Dienstleistungen nutzen, kleinere Anschaffungen vorziehen.
Kritik kommt aus dem eigenen ökonomischen Lager
Der Vorschlag ist umstritten. Ökonomen wie Ting Lu von der Investmentbank Nomura warnen, pauschale Transfers wirkten nur in akuten Krisen. Chinas Probleme seien struktureller Natur: ein schwacher Immobilienmarkt, hohe Sparquoten, Unsicherheit über Jobs und Einkommen. Einmalzahlungen könnten verpuffen oder auf Sparkonten landen.
Bemerkenswert ist jedoch, dass diese Debatte öffentlich geführt wird. Dass Zhus Argumente überhaupt Gehör finden, zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist. Auch der Internationale Währungsfonds mahnt seit Längerem, den Konsum stärker zu stützen und das Wachstumsmodell umzubauen.
Der Immobilienmarkt bleibt der Elefant im Raum
Zhu selbst präsentiert den Geldtransfer nicht als Allheilmittel. Parallel fordert er einen entschlossenen Eingriff in den Immobiliensektor. Unfertige Projekte sollen von einer staatlichen Abwicklungsfirma übernommen, fertiggestellt oder in öffentlich geförderten Wohnraum umgewandelt werden. Überbestände sollen abgebaut, Vermögensverluste begrenzt werden.
Der Zusammenhang ist zentral. Solange Immobilienpreise fallen und Haushalte sich ärmer fühlen, bleibt die Konsumneigung gedämpft. Erst stabile Vermögenseffekte schaffen die Voraussetzung dafür, dass zusätzliches Geld auch ausgegeben wird – und nicht als Sicherheitsreserve liegen bleibt.
Demografie verschärft den Gegenwind
Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das kurzfristige Konjunkturprogramme nur begrenzt beeinflussen können. China altert rapide. Die Fertilitätsrate liegt bei rund 1,1 Kindern pro Frau. Hohe Kosten für Kinder, lange Arbeitszeiten und eine schwache soziale Absicherung bremsen Konsum und Zukunftsoptimismus.
Regionale Maßnahmen – von Zuschüssen für Kinderbetreuung bis zu Unterstützungen bei künstlicher Befruchtung – sollen gegensteuern. Sie wirken langfristig, nicht konjunkturell. Der demografische Trend verstärkt damit den Druck auf die Politik, kurzfristige Nachfrageimpulse zu setzen.
Europas Blick richtet sich auf Chinas Kassenbons
Für Deutschland und andere europäische Handelspartner ist die Debatte alles andere als theoretisch. Chinas Konsum bestimmt die Nachfrage nach Maschinen, Autos und Luxusgütern. Jeder zusätzliche Yuan im Portemonnaie chinesischer Haushalte wirkt entlang globaler Lieferketten.
Im kommenden Fünfjahresplan dürfte der Konsum eine größere Rolle spielen als bisher. Ob daraus ein groß angelegter Geldtransfer wird, ist offen. Politisch bleibt das Modell heikel: Es widerspricht der bisherigen Zurückhaltung Pekings gegenüber direkten Transfers an Haushalte.
Zhu Tian bringt es nüchtern auf den Punkt: China hat die finanziellen Mittel, um Konsum, Immobilien und Dienstleistungen zu stabilisieren. Was fehlt, ist der entschlossene Schritt. 3000 Yuan für jeden wären genau das – ein Experiment mit offenem Ausgang, aber klarer Botschaft.

