Ein Börsengang im Superzyklus – und trotzdem politisch heikel
Ende Juni könnte es so weit sein. Der Panzerbauer KNDS, Mutterkonzern des Münchner Traditionshauses Krauss-Maffei Wegmann und des französischen Rüstungskonzerns Nexter, strebt seine Erstnotiz an den Börsen Frankfurt und Paris an. Konzernchef Jean-Paul Alary gibt sich entspannt: „Wir sprechen mit Investoren, und wir sind mit unseren Vorbereitungen im Plan. Es gibt keine großen Hindernisse mehr."
Die Bewertung, die in Finanzkreisen kursiert: 20 bis 25 Milliarden Euro. Organisiert wird der IPO von einem Schwergewicht-Konsortium – Bank of America, Deutsche Bank, Goldman Sachs, Société Générale – mit dem US-Bankhaus Lazard in der Führungsrolle.

Das klingt nach einem reibungslosen Milliardengeschäft. Es ist keines. Hinter dem Börsengang verbirgt sich ein Konflikt, der so alt ist wie KNDS selbst: Wem gehört der Panzer – Deutschland oder Frankreich?
Auftragsbestand, Superzyklus, Bundeswehr-Milliarden
Die Geschäftslage ist glänzend. Ende 2024 lag der Auftragsbestand von KNDS bei 23,4 Milliarden Euro – bei einem Umsatz von 3,8 Milliarden. Die Bundeswehr will in den kommenden Jahren bis zu 3.000 neue Radpanzer vom Typ Boxer und bis zu 1.000 neue Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 bestellen. Deutschland wird damit seinen Bestand an Panzerfahrzeugen verdreifachen. Frankreich rüstet seine Landstreitkräfte ebenfalls neu aus. Die Ukraine braucht Nachschub.
Alary nennt es einen „Superzyklus für Rüstung". Das ist keine Übertreibung. Der börsennotierte Konkurrent Rheinmetall hat seinen Unternehmenswert in den vergangenen drei Jahren verzehnfacht. KNDS-Aktionäre wollen ebenfalls profitieren.
Um den Nachfrageboom zu bewältigen, investiert KNDS allein in Deutschland eine Milliarde Euro in die Produktionskapazität. Das ehemalige Alstom-Waggonwerk in Görlitz wird umgerüstet. Mindestens ein weiteres Werk soll folgen.
Die Eigentümerfamilien wollen raus – und Berlin will rein
Die eigentliche Triebkraft hinter dem Börsengang sind die deutschen Anteilseigner. Die Unternehmerfamilien Braunbehrens und Bode, gebündelt in der Wegmann Holding, wollen ihre Anteile zu Marktbedingungen verwerten. Frankreich hatte sich bis Ende 2025 gegen den IPO gestemmt. Die Deutschen setzten sich durch.
Berlin bringt sich nun in Position. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau soll nach dem Börsengang mindestens 25,1 Prozent halten – „jedenfalls nicht weniger als der Anteil der französischen Regierung", heißt es in Finanzkreisen. Das ist kein Investor-Statement. Das ist geopolitisches Territorialverhalten.
Wie viel die Wegmann-Familie am Ende behält und wie viel der deutsche Staat übernimmt, wird noch verhandelt. Der Streit darüber ist real.

Tom Enders soll richten, was Politiker nicht lösen können
Um das heikle Unterfangen zu navigieren, hat KNDS einen Mann geholt, der Unmögliches schon einmal möglich gemacht hat: Tom Enders. Der ehemalige Airbus-Chef ist seit Oktober 2025 Chef des Verwaltungsrats.
Seine Aufgabe kennt er aus eigener Erfahrung. Bei Airbus gelang es ihm 2012, den taumelnden deutsch-französischen Flugzeugbauer zu stabilisieren, als Großaktionäre ausstiegen und Staatseigentümer ihren Einfluss sichern wollten. Enders beschränkte den Staatseinfluss auf ein Minimum. Bis heute sitzt kein Regierungsvertreter im Airbus-Verwaltungsrat.
Bei KNDS ist die Ausgangslage schwieriger. Unterhalb der Konzernholding in Amsterdam installiert Enders ein neues Management für die operative Tochter KNDS Deutschland. Neuer Vorstandschef ist seit Januar der frühere Mercedes-Manager Florian Hohenwarter – sein Auftrag ist, den Panzerbau vom Manufakturbetrieb in die Serienfertigung zu überführen. Neuer Finanzchef ist Christian Schulz, der bereits den Rüstungszulieferer Renk 2024 erfolgreich an die Börse brachte.
Rheinmetall ist der ungebetene Gast, der trotzdem am Tisch sitzt
In diesem sensiblen Gefüge gibt es noch eine dritte Kraft: Rheinmetall. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern hat mehrfach versucht, bei KNDS einzusteigen. KNDS-Chef Alary hat jedes Mal abgelehnt. „Rheinmetall kann zur Strategie von KNDS nichts beitragen", sagt er. Ein Branchenmanager formuliert es drastischer: Ein Rheinmetall-Einstieg wäre ein „Albtraum" für Frankreich.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger schloss vergangene Woche seinerseits einen Einstieg aus. „Das Leben muss weitergehen. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass es zwei große Anbieter im Panzerbereich in Deutschland gibt", sagte er – und ergänzte, rund 70 Prozent aller Bundeswehr-Investitionen im Panzer- und Transportbereich landeten ohnehin bei Rheinmetall.
Das stimmt. Und es zeigt die strukturelle Spannung: KNDS baut den Leopard, aber Rheinmetall liefert die Kanone. Gemeinsam bauen beide den Schützenpanzer Puma und den Radpanzer Boxer. Trennung und Abhängigkeit gleichzeitig – ein Verhältnis, das weder Freundschaft noch Feindschaft ist, sondern industrielle Notwendigkeit.

Der historische Graben zwischen Paris und Berlin
Die politische Nervosität um KNDS hat tiefe historische Wurzeln. Frankreich hat traditionell leichtere, mobile Panzerfahrzeuge entwickelt – geeignet für koloniale Einsätze. Deutschland setzte im Kalten Krieg auf schwere Kampfpanzer, die einen Großangriff aus dem Osten an der innerdeutschen Grenze abfangen sollten. Entsprechend definieren Deutsche und Franzosen den Panzerbau als ihre jeweilige nationale Domäne.
Dass Frankreichs Staatschef Macron zuletzt den Streit um das Kampfflugzeugprogramm FCAS mit den Fortschritten beim gemeinsamen Landkampfsystem MGCS verknüpfte, zeigt: Rüstungskooperation ist in Europa immer auch Verhandlungsmasse für andere Interessen.
Der Leopard 3, den das Kartellamt im Dezember genehmigt hat, ist bezeichnend. Er soll elektronisch aufgerüstet werden und eine größere Kanone aus dem Hause Rheinmetall erhalten. Von französischer Beteiligung ist keine Rede.
Ein IPO mit offenem Ausgang
Der Börsengang von KNDS ist mehr als ein Kapitalmarktereignis. Er ist ein Test, ob ein deutsch-französisches Rüstungsunternehmen unter öffentlichem Kapitalmarktdruck seine Doppelstruktur überwinden kann – oder ob die nationalen Interessen das Projekt zerreiben.
Enders hat das bei Airbus einmal geschafft. Ob es ihm bei KNDS gelingt, ist offen. Diesmal müsste der operative Schwerpunkt nach Deutschland wandern – denn der deutsche Verteidigungshaushalt wird Ende des Jahrzehnts dreimal so hoch sein wie der französische. Das weiß auch Paris. Und Paris mag es nicht.
Ende Juni werden wir wissen, ob Investoren dem Konstrukt vertrauen. Oder ob der Herbst herhalten muss.




