Die aktuelle Datenlage des ifo Instituts suggeriert eine trügerische Ruhe in der deutschen Industrie. Zum Jahresende meldeten lediglich 5,6 Prozent der Automobilfirmen Engpässe bei der Materialbeschaffung – eine signifikante Entspannung gegenüber den 27,6 Prozent im November. Die Situation beim Chiphersteller Nexperia hat sich vorerst stabilisiert.
Doch diese Momentaufnahme verdeckt eine fundamentale Verschiebung im Halbleitermarkt. Analysten von Wells Fargo identifizieren den boomenden Sektor der Künstlichen Intelligenz als massiven Risikofaktor für die zukünftige Versorgungssicherheit der Fahrzeughersteller.
Der Fokus liegt hierbei auf dem dynamischen Direktzugriffsspeicher (DRAM). Diese Komponenten sind für moderne Infotainment- und Assistenzsysteme unverzichtbar, stehen jedoch nun im direkten Wettbewerb mit den gigantischen Kapazitätsanforderungen von KI-Rechenzentren.

Die Marktmacht verschiebt sich radikal zugunsten der KI-Giganten
Die Verhandlungsposition der Automobilindustrie erodiert zusehends. Laut der Analyse von Wells Fargo entfallen weniger als 10 Prozent des globalen DRAM-Marktes auf den Automobilsektor. Dies macht die Branche im Verteilungskampf verwundbar.
Halbleiterproduzenten priorisieren rational jene Kunden, die höhere Margen und Volumina versprechen: die Betreiber von Cloud-Infrastrukturen und KI-Plattformen. Die Automobilbauer geraten dadurch in eine strategische Abhängigkeit, die bei Engpässen sofortige Lieferunterbrechungen zur Folge haben kann.
Explodierende Spotpreise signalisieren ein massives Defizit für 2026
Die Preisindikatoren am Markt senden bereits deutliche Warnsignale. Wells Fargo verweist auf eine drastische Teuerung: Die Spotpreise für DDR5-Speicher liegen aktuell um das Achtfache über dem Durchschnittsniveau von 2024. Bei DDR4-Speichern ist sogar ein Anstieg um das Sechzehnfache zu verzeichnen.
Für das Jahr 2026 prognostizieren die Experten eine Verschärfung der Marktenge. Während die weltweite Nachfrage nach DRAM um 26 Prozent steigen soll, wird das Angebot voraussichtlich nur um 21 Prozent wachsen.
Diese Diskrepanz führt zu einer rechnerischen Unterversorgung von rund 14 Prozent. In einem Markt, der keine Lagerhaltung im großen Stil erlaubt, ist dies ein Rezept für extreme Volatilität.
Erste Anzeichen von Panikkäufen erinnern an die Krise von 2021
Die Analysten beobachten bereits Marktverhalten, das an die traumatische Chipkrise von 2021 erinnert. Es gibt Anzeichen für Panikkäufe, da Hersteller versuchen, sich Bestände zu sichern, bevor die Preise weiter eskalieren.
Die finanziellen Auswirkungen sind greifbar: Der DRAM-Anteil pro Fahrzeug liegt wertmäßig derzeit zwischen 50 und 110 US-Dollar. Angesichts der prognostizierten Preisentwicklung droht hier ein erheblicher Kostenschub, der die Margen der Hersteller belasten wird.
Besonders Premium-Fahrzeuge und Elektroautos, die über eine hohe Dichte an speicherintensiver Elektronik verfügen, stehen im Fokus dieses Kostenrisikos. Sollten die Autobauer die Preiserhöhungen nicht absorbieren können, drohen erneute Produktionsstopps.


