In der Frankfurter Zentrale der DB Systel herrscht Alarmstufe Rot. Was der DB-Vorstand als „Schlankheitskur“ tarnt, bezeichnen Gewerkschafter als lebensgefährliches Experiment am offenen Herzen des Konzerns. Ursprünglich war von 1.900 Stellen die Rede, doch interne Planungen sollen mittlerweile den Abbau von 4.000 der insgesamt 7.200 Arbeitsplätze vorsehen. Ein Kahlschlag dieser Dimension bei der IT-Tochter, die vom DB-Navigator bis zum elektronischen Buchfahrplan alles am Laufen hält, könnte das System Bahn endgültig entgleisen lassen. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) warnt unmissverständlich: „Systel kaputt = Bahn kaputt“.

Der Zeitpunkt für diesen Geheim-Plan könnte kaum riskanter sein. Erst Mitte Februar 2026 legte eine massive DDoS-Attacke die Buchungssysteme lahm – über eine Milliarde Anfragen pro Minute prasselten auf die Server nieder. Nur die spezialisierte Cyber Security der DB Systel konnte Schlimmeres verhindern. Kritiker befürchten, dass die geplante Dezentralisierung der IT die Sicherheit in „Amateurhände“ legt. Ein Horrorszenario, das bereits 2017 Realität wurde, als dezentral gemanagte Rechner durch die Schadsoftware „Wannacry“ infiziert wurden, weil lebenswichtige Sicherheits-Updates fehlten.
Digitale Selbstverstümmelung als Sparprogramm
Die Logik des Vorstands wirft Fragen auf: Warum wird ausgerechnet dort gespart, wo die Bahn noch funktioniert? Während das Schienennetz marode ist, gilt die IT als eine der wenigen leistungsfähigen Säulen im Konzern. Die DB Systel managt nicht nur die Kunden-Schnittstellen, sondern auch den operativen Betrieb. Ohne den elektronischen Buchfahrplan auf dem Tablet der Lokführer verlässt heute kein Zug mehr den Bahnhof. „Die Deutsche Bahn hat eine Vielzahl gravierender Probleme, die IT gehört nicht dazu“, analysiert Burkhard Nobbe vom Betriebsrat scharf.
Hinter dem Abbau steckt der Versuch, den Konzern „schlanker und schneller“ zu machen, so die offizielle Sprachregelung der Bahn. Doch die Dezentralisierung der IT-Kompetenz könnte zum Bumerang werden. Experten warnen vor explodierenden Kosten und Parallelstrukturen, wenn jeder Geschäftsbereich künftig seine eigenen IT-Suppen kocht. Synergieeffekte beim Einkauf von Hardware oder Software-Lizenzen, die bisher zentral erzielt wurden, würden verpuffen. Statt Einsparungen droht ein teures Organisations-Chaos.
Moskau im Nacken und der Rotstift in der Hand
Besonders brisant ist die geopolitische Lage. IT-Sicherheitsexperten wie Jan Lemnitzer sehen die Bahn im Visier großangelegter Kampagnen aus Russland. In dieser Situation das IT-Personal zu halbieren, wirkt wie eine Einladung an Hacker. Die Gewerkschaft warnt davor, dass die IT deutlich schneller „kaputtgespart“ werden könne als das physische Schienennetz. Ein digitaler Ausfall bedeutet heute faktisch den Stillstand im gesamten Netz – eine Gefahr für die Versorgungssicherheit des Landes.
Die Bahn-Sprecherin versichert zwar, dass man nichts umsetzen werde, was die Betriebssicherheit gefährde, doch die Belegschaft schenkt diesen Worten kaum Glauben. In den Büros in Berlin, Erfurt und Frankfurt herrscht tiefe Verunsicherung. Die geplante Verkleinerung des „Hirns“ der Bahn wirkt wie eine Kapitulation vor der Komplexität der Digitalisierung. Wenn zwei von drei Stellen wegrationalisiert werden, bleibt von der Vision einer „starken Schiene“ digital wenig übrig.

Die Pointe dieses bizarren Sparkurses: Die Bahn setzt offiziell alles auf Digitalisierung, um pünktlicher und wirtschaftlicher zu werden. Doch man sägt gerade an dem Ast, auf dem diese Zukunftsvision sitzt. Ohne die Spezialisten der DB Systel dürfte der „Digitalen Schiene“ schon bald der Strom ausgehen. Wer an der IT spart, spart am Ende am Kunden – und an der Sicherheit.

