In New York regierte am Dienstag der nackte Wahnsinn. Kaum war die Nachricht raus, dass Anthropics KI-Agenten künftig Verträge prüfen, Recherchen führen und Standarddokumente in Anwaltsqualität erstellen können, riss es die Branchenriesen in die Tiefe. Thomson Reuters und Legalzoom verloren massiv – die Angst, dass Junior-Anwälte und spezialisierte Softwareanbieter durch generische KI-Modelle ersetzt werden, wurde zur Gewissheit für die Wall Street. Wenn eine KI die Hälfte aller Einstiegsjobs in Kanzleien übernehmen kann, bricht ein jahrzehntealtes Geschäftsmodell in sich zusammen.
Doch wer in diesen Tagen nach München oder Berlin blickt, sieht eine Branche, die gähnt. Während in den USA Milliarden verdampfen, herrscht bei den deutschen Legal-Techs eine fast schon unheimliche Ruhe. Es ist ein bizarrer Kontrast: Hier die technologische Disruption, dort der Verweis auf das „Besondere“ im deutschen Rechtsraum. Doch hinter der Gelassenheit steckt mehr als nur deutsches Phlegma – es ist die Wette auf eine digitale Festung, die durch Datenschutz, exklusive Fachdaten und eine fast schon schützende analoge Trägheit errichtet wurde.

Spezialisierung schlägt Generalisierung im deutschen Paragrafen-Dschungel
Die deutschen Anbieter setzen auf einen entscheidenden Vorteil: Präzision. Alisha Andert, Vorstandsvorsitzende des Legal Tech Verbands Deutschland, sieht in Anthropics Vorstoß keine Überraschung, sondern eine Bestätigung. „Wir haben eigentlich seit Jahren mit einem Angebot wie legal.google.com gerechnet“, gibt sie sich ungerührt. Der Kernpunkt sei, dass generische Modelle zwar „ordentliche Ergebnisse“ liefern, aber im detailverliebten deutschen Recht an Nuancen scheitern, die über Sieg oder Niederlage vor Gericht entscheiden.
Tim Kniepkamp, CEO der Schlichtungsplattform Suitcase, sieht sogar einen strategischen Fehler bei jenen, die jetzt in Panik geraten. Nur wer auf juristische Standardaufgaben ohne tiefere Integration gesetzt habe, habe „falsch gewettet“. Deutsche Legal-Techs verstehen sich heute oft als „LawyerTech“ – Werkzeuge, die den Anwalt schneller machen, statt ihn zu ersetzen. Die tiefe Einbettung in die komplexen Abläufe der hiesigen Rechtspflege dient dabei als wirksamer Schutzschild gegen Angreifer aus dem Silicon Valley.
Exklusive Datenräume und DSGVO als unbezwingbare Firewall
Ein weiterer Faktor ist das Vertrauen in die Quelle. In der „ernsthaften Juristenwelt“, so Thomas Gottlöber vom Nomos Verlag, kann es sich niemand leisten, Schriftsätze einzureichen, in denen eine KI „Rechtsnormen oder Expertenkommentare zusammenfabuliert hat“. Während Claude und GPT auf dem offenen Internet trainieren, setzen deutsche Player wie Beck-Noxtua auf den „Goldstandard“: Die Kombination von KI mit den geschlossenen, urheberrechtlich geschützten Datenbanken von beck-online.
Diese Souveränität ist ein Pfund, mit dem man wuchert. Die Daten bleiben in Europa, unter strikter Einhaltung der DSGVO, und die KI greift nur auf kuratierte, juristisch geprüfte Inhalte zu. Leif-Nissen Lundbæk von Noxtua betont, dass man ein komplettes System inklusive souveräner Infrastruktur biete. Dieser „walled garden“ aus verifizierten Fachdaten ist für die US-Konkurrenz kaum zu knacken, da ihnen schlicht der Zugriff auf die exklusiven Inhalte der großen Fachverlage fehlt.

Die analoge Trägheit als letzter Rettungsanker der Juristerei
Doch der vielleicht mächtigste Verbündete der deutschen Kanzleien gegen die KI-Revolution ist so banal wie frustrierend: der mangelnde Digitalisierungsgrad der Justiz. Feyza Türkön, Juristin beim Pionier Flightright, dämpft den Hype massiv. Sie berichtet von „abstrusen Ergebnissen“ bei KI-Versuchen und verweist auf die harten Realitäten im deutschen Gerichtswalltag. Solange die E-Akte nicht flächendeckend funktioniere und Gerichte digitale Schriftsätze zum Bearbeiten erst einmal ausdrucken müssten, bleibe jede noch so brillante KI wirkungslos.
Es ist ein paradoxes Schutzschild: Die technologische Rückständigkeit deutscher Behörden verhindert derzeit, dass hocheffiziente KI-Agenten ihre volle Wirkung entfalten können. Wo kein digitaler Workflow existiert, kann auch nichts automatisiert werden. So prallt der „Juristen-Modus“ aus Kalifornien derzeit noch an Aktendeckeln aus Papier und staubigen Archivregalen ab.
Das Ende der Unschuld für Software-Investoren auch in Europa
Trotz aller Gelassenheit zeigt der Fall des Datendienstleisters Wolters Kluwer, dass auch europäische Titel nicht immun sind. Nach der Claude-Ankündigung verlor die Aktie über 16 Prozent ihres Wertes. Die Investoren beginnen zu zweifeln, ob „kuratierte Inhalte“ auf Dauer gegen die schiere Rechenpower und die rasanten Lernkurven der großen Sprachmodelle bestehen können.
Die Branche steht an einem Wendepunkt: Entweder gelingt es den heimischen Anbietern, ihre exklusiven Daten so geschickt mit KI zu verknüpfen, dass sie unverzichtbar bleiben, oder die „analoge Trägheit“ wird irgendwann von einer digitalen Welle weggespült, die keine Rücksicht auf Papierakten nimmt. Wer heute nur auf den Aktendeckel vertraut, könnte morgen feststellen, dass die KI ihn längst von innen ausgehöhlt hat.
Der Schutzwall aus Papier bekommt Risse – und die Wall Street hat das bereits begriffen.



