Japan hat in der Kryptowelt lange zugeschaut. Das ändert sich gerade mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Seit die Regierungspartei LDP im April 2024 ein Web3-Weißbuch mit elf konkreten Handlungsfeldern veröffentlichte, ist aus politischer Absicht institutionelle Bewegung geworden. Stablecoins, Steuerreform, Security Tokens – das Dokument liest sich wie ein Aufholprogramm gegenüber den USA, formuliert in bürokratischer Nüchternheit, aber mit strategischer Schärfe.
Seit dem Amtsantritt von Premierministerin Sanae Takaichi im Oktober 2025 hat diese Agenda an Fahrt gewonnen. Startale-Group-CEO Sota Watanabe erklärte gegenüber Cointelegraph, Takaichi werde in der Krypto-Branche als strategisch eng an die Trump-Administration angelehnt wahrgenommen, was die lokale Adoption beschleunige.
Das ist kein Zufall. Es ist Kalkül.

SBI und die drei Großbanken starten gleichzeitig
Die treibende Kraft hinter dem ersten konkreten Produkt ist der Finanzkonzern SBI Group unter Führung von Yoshitaka Kitao. Gemeinsam mit der Startale Group entwickelte SBI den Stablecoin JPYSC – nach eigenen Angaben das erste treuhänderisch besicherte Yen-Stablecoin-Projekt Japans. Herausgeber ist die Shinsei Trust & Banking, der Vertrieb läuft über SBI VC Trade. Der Start ist für das zweite Quartal 2026 geplant.
Parallel dazu bereiten Japans drei größte Banken einen eigenen Vorstoß vor. Mitsubishi UFJ Financial Group, Sumitomo Mitsui Financial Group und Mizuho Financial Group wollen gemeinsam eine an den Yen gekoppelte digitale Währung herausgeben. Laut einem Reuters-Bericht vom Oktober 2025, der sich auf die Wirtschaftszeitung Nikkei stützt, arbeiten die Institute an einer einheitlichen Infrastruktur, über die Firmenkunden Stablecoins untereinander transferieren können.
Zwei parallele Initiativen, beide mit schwerem institutionellem Rückhalt. Japan testet nicht – Japan baut.
Der Yen-Carry-Trade bekommt eine Blockchain-Version
Hinter dem technischen Projekt steckt eine ökonomische These mit globaler Reichweite. Der japanische Yen ist laut IWF-Daten mit einem Anteil von 5,82 Prozent an den weltweiten Devisenreserven die drittwichtigste Reservewährung der Welt. Ihre Bedeutung verdankt sie wesentlich dem Carry Trade: Investoren leihen sich günstig Yen, tauschen in höher verzinste Währungen und kassieren die Zinsdifferenz.
Dieses Prinzip soll mit JPYSC erstmals auf der Blockchain abgebildet werden. Watanabe beschreibt die Vision gegenüber Cointelegraph so: Globale Investoren und Institutionen könnten den Yen-Carry-Trade künftig rund um die Uhr in Echtzeit abwickeln, anstatt auf überlappende Handelszeiten zwischen Tokio und New York angewiesen zu sein.

Ein 24-Stunden-Yen-Markt auf der Blockchain – das wäre eine strukturelle Verschiebung im globalen Währungssystem.
Das Steuerproblem bremst die Privatanleger aus
So ambitioniert die institutionelle Seite, so ernüchternd die Realität für Privatanleger. Kryptogewinne werden in Japan als sonstige Einkünfte behandelt und können mit bis zu 55 Prozent besteuert werden. Das ist mehr als das Doppelte des deutschen Abgeltungssteuersatzes und fast dreimal so hoch wie in den USA.
Die japanische Finanzaufsicht FSA plant laut einem Reuters-Bericht vom November 2025 immerhin eine Reform: 105 Kryptowährungen, darunter Bitcoin und Ethereum, sollen als Finanzprodukte eingestuft werden. Der Steuersatz würde damit auf einen pauschalen Satz von 20 Prozent sinken – vergleichbar mit der Besteuerung von Aktiengewinnen.
Der entsprechende Gesetzentwurf soll im laufenden Parlamentsjahr 2026 eingebracht werden. Doch in der Branche wächst die Ungeduld. Watanabe kritisierte das Tempo deutlich: Angesichts der Beschleunigung der Onchain-Finanzierung in den USA sei eine Steuersenkung bereits 2027 notwendig, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Der Wettlauf hat begonnen – und Japan hängt noch hinterher
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Japan den digitalen Yen will. Die Frage ist, ob es schnell genug ist. Die USA haben unter Trump die regulatorische Bremse gelöst. Dollar-Stablecoins dominieren den globalen Markt bereits heute mit weitem Abstand. Tether und Circle verarbeiten täglich Volumina, die japanische Projekte noch nicht einmal anvisiert haben.
Japans Stärke ist die institutionelle Substanz: Großbanken mit Bilanzsummen im Billionenbereich, ein politischer Wille auf höchster Ebene und eine Währung mit echter globaler Funktion. Seine Schwäche ist das Tempo. Regulierung, Steuerrecht, parlamentarische Prozesse – in Japan dauert alles länger als in einem Markt, der gerade neu erfunden wird.
Der Yen-Stablecoin könnte eine der bedeutendsten Finanzinnovationen des Jahrzehnts werden. Oder er kommt zu spät.



