Der Iran ist besser als bisher angenommen in der Lage, mit seinen ballistischen Raketen hochpräzise Ziele in anderen Golfstaaten zu treffen. Das hat unter anderem eine Analyse von Satellitenbildern der LNG-Anlagen in der Industriestadt Ras Laffan in Katar gezeigt. Die iranischen Flugkörper trafen in beiden attackierten Produktionslinien der Gasverflüssigungsanlage exakt jene Wärmeübertragungstürme, die das Herz der Produktion darstellen. Sie sind es, die das Gas verflüssigen – ihre Reparatur ist schwieriger als die aller anderen Teile.
Dennoch könnten diese beiden Treffer noch ein ziemlich unwahrscheinlicher Zufall sein. Wäre da nicht die ballistische Rakete des Iran, die kurz darauf eines der wenigen fliegenden Radare der US-Streitkräfte auf der Prince-Sultan-Air-Base im saudischen Riad punktgenau traf. Der Boeing-Flieger wurde präzise an jener Stelle zerstört, an der die Radareinheit auf dem Rumpf verbaut ist. Das ist kein Zufall mehr. Das ist Präzision.
Das wirft die Frage auf: Wie schafft es der Iran, solche Treffer zu landen? Schließlich galten Präzisionsschläge bisher vor allem als Markenzeichen westlicher Streitkräfte und ihrer lasergelenkten Waffen. Ein Luftverteidigungsexperte aus der deutschen Industrie zeigt sich zwar nicht überrascht, räumt aber ein: „Man hat die Iraner im Westen immer etwas unterschätzt, sowohl was die Anzahl ballistischer Flugkörper angeht, als auch ihre technologischen Fähigkeiten."
Das Regime prahlte – der Westen hörte nicht zu
Und das, obwohl das Regime in Teheran seine Raketen wie die siebeneinhalb Meter lange „Fateh 450" selbst immer als Hochpräzisionswaffen angepriesen hatte – zuletzt bei einer Übung namens „Der Große Prophet 19". Das International Institute for Strategic Studies (IISS), eine geopolitische Denkfabrik in London, hatte bereits 2021 darauf hingewiesen, dass es eine Priorität des Iran sei, die Präzision seiner Raketen zu verbessern.
Der Westen ignorierte die Warnungen. Man hielt die iranischen Raketen für ungenau, für Propagandawaffen, für technologisch rückständig. Ein fataler Fehler. Die Satellitenbilder aus Katar und Saudi-Arabien beweisen: Die Mullahs können treffen. Präzise. Tödlich. Und das ohne GPS.
Trägheitsnavigation, Sternensensoren, Radarsuche – so funktioniert die Präzision
Als zentrale Navigationseinheit dient bei solchen Flugkörpern grundsätzlich die sogenannte Trägheitsnavigation. Dabei handelt es sich um eine Technik, die Quer-, Längs-, Höhen- und Drehbeschleunigungen misst. Als die ersten Interkontinentalraketen aufkamen, wurde dazu zunächst noch die Beschleunigung echter Massen mechanisch registriert. Heutzutage macht man das mithilfe von Lasern. Wird ein Lichtstrahl beschleunigt, ändert er seine Frequenz. So lassen sich allerfeinste Bewegungen erkennen. Bei einer Interkontinentalrakete erreicht man allein damit heute eine Treffergenauigkeit von weniger als 100 Metern. Und je geringer die Reichweite der Rakete, desto genauer wird sie.
Die Technik dafür ist heute allgemein verfügbar. In modernen Autos etwa stecken diverse Beschleunigungssensoren, die man auch für Raketen nutzen kann. Die Iraner können diese Technik beispielsweise in China kaufen. Zur Programmierung der Signalverarbeitung sind die Waffenbauer des Landes Sicherheitsexperten zufolge selbst in der Lage.
Der nächste Schritt der Kursoptimierung findet während des Flugs statt. Weil sich kleine Abweichungen kurz nach dem Abschuss potenzieren, wird die Bahn dann noch einmal korrigiert. Das kann per Satellitennavigation passieren, oder aber mit sogenannten Sternensensoren. Die nutzen außerhalb der Atmosphäre den Sternenhimmel zur Orientierung. Diese Kurskorrektur passiert ungefähr auf dem Höhepunkt der ballistischen Flugkurve. Auch das sei inzwischen frei verfügbare Technik, an die auch die Iraner über Umwege herankommen dürften, so der Experte. Bei kürzeren Strecken bis 1000 Kilometer sei sie aber nicht unbedingt notwendig.
Bewegliche Ruder im Endanflug – haargenau treffen
Einige Eintrittskörper der Mullahs können zudem offenbar im Endanflug noch manövrieren, haben dafür bewegliche Ruder. „Das ist eine Technik, die ich denen heute mal unterstellen würde", so der deutsche Experte. Die Einschläge am Golf deuten darauf hin: Erst diese Ruder nämlich ermöglichen es, wirklich haargenau zu treffen. Dem IISS zufolge verfügt etwa eine modifizierte Version der iranischen Qiam-1-Rakete mit 800 Kilometern Reichweite über diese Fähigkeit.
Um das Ziel auch ohne Satellitennavigation zu orten, verfügen die Raketen vermutlich zudem über einen Radarsuchkopf. Der funktioniert auch dann, wenn der Flugkörper durch atmosphärische Reibung beim Wiedereintritt heiß wird – zumindest bei Raketen bis 1000 Kilometer Reichweite.
Neu ist diese Technologie nicht, die amerikanische Pershing 2 verwendete sie schon in den 1980er Jahren. Und doch hat moderne Radar- und Rechentechnik sie sehr viel besser gemacht. Durch minimale Kursveränderungen kann der Suchkopf ein dreidimensionales Radarbild des Untergrunds erstellen.
Dreidimensionale Radarbilder erkennen Ziele zentimetergenau
Auf dem dreidimensionalen Radarbild erkennt das System Strukturen wie einen Wärmeübertragungsturm einer LNG-Anlage oder Treibstofftanks sehr genau. Mit im Bordcomputer hinterlegten digitalen Kartendaten abgeglichen, kann die Rakete so ihre Flugbahn zum Schluss noch einmal korrigieren, um hochpräzise zu treffen. „Da reichen zwei winzige Manöver, um eine sehr hohe Präzision zu erreichen", so der Spezialist. Das alles mache der Flugkörper vollkommen autonom. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Iraner das Verfahren können und verwenden", sagt er weiter.
Das bedeutet: Die iranischen Raketen fliegen nicht blind ins Ziel. Sie sehen, erkennen, justieren nach. Sie sind smart, präzise, tödlich. Und das ohne westliche Satellitennavigation, ohne GPS, ohne amerikanische Technik.
Nordkorea und China als Technologiequellen
Doch wo hat das Regime dieses Wissen her? Tatsächlich hat die Raketenindustrie des Iran eine lange Geschichte. Im ersten Golfkrieg Anfang der 1980er Jahre hatte der Iran den sowjetischen Raketen des irakischen Gegners noch nichts entgegenzusetzen. In der Folge entwickelte sich eine Partnerschaft des Irans mit Nordkorea, heute gibt es eine tiefe Kooperation zwischen beiden Ländern. Sie ist offenbar sehr viel tiefer als jene, die das Land seit dem Ukrainekrieg mit Russland oder mit China hat.
Auch jene Raketen namens Khorramshahr, die der Iran kürzlich auf den rund 4000 Kilometer entfernten britischen Luftwaffenstützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean abgefeuert hat, entstammen offenbar dieser Zusammenarbeit. Sie sind zwar vom Iran gebaut, die Blaupausen dafür stammen aber offenbar aus Nordkorea – von einer Rakete namens Musudan (BM-25).
China liefert die Sensoren, Nordkorea die Blaupausen, der Iran produziert und perfektioniert. Es ist eine Achse der Raketentechnologie, die der Westen unterschätzt hat. Und die nun ihre tödliche Wirkung entfaltet.
Seit 10 bis 15 Jahren einsatzbereit – nur jetzt zeigt es sich
Neu ist das aber alles nicht. „Das haben die seit 10 bis 15 Jahren", sagt der Experte. Erst jetzt aber zeigt sich, dass diese Waffen nicht nur in Tests, sondern auch in der Realität des Kriegs gegen den mächtigsten Gegner des Planeten bestehen können.
Der Westen unterschätzte den Iran. Man hielt die Mullahs für technologisch rückständig, für unfähig, für harmlos. Die Satellitenbilder aus Katar und Saudi-Arabien beweisen das Gegenteil. Irans Raketen treffen. Präzise. Tödlich. Ohne westliche Hilfe. Und das ist das eigentliche Problem.

