Die Verbandschefin und ein Thinktank im politischen Gegenwind
Marie-Christine Ostermann steht an der Spitze eines der einflussreichsten Wirtschaftsverbände Deutschlands. Jetzt gerät sie in eine Auseinandersetzung, die über die Grenzen des Mittelstands hinausreicht.
Auslöser ist ihr Engagement beim konservativen Thinktank Republik21. Dessen Leiter Andreas Rödder sieht die politische „Brandmauer“ zur AfD ähnlich skeptisch wie Ostermann. Dass die Organisation ab 2026 jährlich 500.000 Euro staatliche Förderung aus dem Kanzleretat erhält – doppelt so viel wie bisher –, macht die Angelegenheit politisch brisant.

Für die Grünen-Bundestagsfraktion ist das ein klarer Zielkonflikt. Die stellvertretenden Vorsitzenden Konstantin von Notz und Andreas Audretsch werfen Ostermann vor, über den Verband hinaus eine politische Agenda zu verfolgen: Republik21 werde staatliche Mittel nutzen, um immer wieder an der Brandmauer zu rütteln.
Die AfD-Annäherung der Familienunternehmer eskaliert die Debatte
Ostermann hatte zuvor bestätigt, dass das langjährige Kontaktverbot des Verbands zur AfD aufgehoben wurde. Bei einem Parlamentarischen Abend waren erstmals AfD-Bundestagsabgeordnete eingeladen. Die Verbandschefin begründete den Kurswechsel mit dem Hinweis, die Distanzierung der vergangenen Jahre habe die Partei nicht geschwächt.
Dieser Ansatz stößt auf massiven Widerspruch – nicht nur bei den Grünen. Der Verfassungsschutz stuft die AfD seit 2024 als „gesichert rechtsextrem“ ein. Zudem gibt es immer neue Hinweise auf pro-russische Einflussnahme über die Partei. Für die Grünen ist deshalb klar: Wer Nähe zur AfD propagiert, stellt zentrale demokratische Grundsätze infrage.

Die Kritik bleibt nicht folgenlos. Rossmann, Vorwerk und jüngst die Deutsche Bank haben die Zusammenarbeit mit dem Verband beendet oder bestehende Vereinbarungen gekündigt. Innerhalb des Verbandes ist eine offene Diskussion über die neue Linie entbrannt – ein ungewohnter Vorgang in einem traditionell geschlossenen Umfeld.
Ein Thinktank, der die Union unter Zugzwang setzt
Die Debatte trifft auch die CDU, denn Republik21 gilt als unionsnah. Der Vorwurf der Grünen lautet: Die Union betone öffentlich die Unvereinbarkeit mit der AfD, fördere aber gleichzeitig eine Organisation, die den Diskurs in Richtung Normalisierung verschiebe.
Die Aussagekraft des Vorwurfs liegt weniger im Vorwurf der Doppelmoral selbst als in seiner politischen Wirkung. Der Hinweis auf öffentliche Gelder, die ein konservativer Thinktank erhält, während einzelne Unionspolitiker eine Lockerung der Brandmauer fordern, verschärft das Misstrauen innerhalb der politischen Mitte.
Vor allem ostdeutsche Landesverbände der CDU hatten in den vergangenen Monaten eine offenere Haltung gegenüber der AfD angedeutet. Hinzu kam die Intervention des früheren CDU-Generalsekretärs Peter Tauber, der eine Überprüfung der Brandmauer forderte.

Merz versucht die Linie zu klären – doch die Konflikte bleiben sichtbar
Kanzler Friedrich Merz nutzte den Arbeitgebertag in Berlin, um die CDU-Position erneut festzuzurren: rechter Populismus sei keine Antwort auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Er verwies auf historische Muster, die sich nicht wiederholen dürften.
Doch die interne Auseinandersetzung über die strategische Ausrichtung ist damit nicht beendet. Ostermanns Vorstoß zeigt, wie offen die Flanken inzwischen sind – und wie stark wirtschaftliche Verbände in die Grundsatzdebatten hineinwirken.
Ein Streit, der zur Grundsatzfrage wird
Die Kontroverse um Ostermann ist mehr als eine Personalie. Sie berührt den Kern deutscher Politik: die Frage, ob eine zunehmend fragmentierte Parteienlandschaft die klare Abgrenzung nach rechts außen noch trägt – oder ob wirtschaftliche Interessen und politische Strategien diese Grenze schleichend verschieben.
Die Reaktion aus dem Mittelstand macht deutlich, dass die größere Gefahr derzeit nicht im offenen Dammbruch liegt, sondern in der langsamen Normalisierung eines Akteurs, den viele Unternehmen und Institutionen als Risiko für Demokratie und Wirtschaftsstandort sehen.




