Der Chef von Goldman Sachs erwartet, dass die Finanzmärkte noch deutlich stärker auf die Eskalation im Nahen Osten reagieren könnten. David Solomon sagte auf einem Wirtschaftsgipfel in Sydney, er sei überrascht, wie ruhig die Märkte bislang auf den Konflikt reagiert hätten.
„Die Marktreaktion war überraschend harmlos“, erklärte der Banker.
Angesichts der geopolitischen Dimension hätte er eigentlich größere Turbulenzen erwartet. Nach seiner Einschätzung könnte es mehrere Wochen dauern, bis Investoren die wirtschaftlichen Auswirkungen vollständig bewerten.

Märkte reagieren auf Geopolitik meist verzögert
Solomon verwies darauf, dass geopolitische Ereignisse an den Finanzmärkten häufig zunächst nur begrenzte Bewegungen auslösen. Erst wenn sich konkrete wirtschaftliche Folgen abzeichnen, reagierten Investoren stärker.
Bislang sei ein solcher kumulativer Effekt noch nicht sichtbar. Zwar haben die globalen Aktienmärkte zuletzt nachgegeben und Anleger sind teilweise in sichere Anlagen ausgewichen. Doch der Rückgang an der Wall Street fällt bislang vergleichsweise moderat aus.
Der S&P 500 liegt in dieser Woche weniger als ein Prozent im Minus, nachdem die Verluste im Tagesverlauf mehrfach wieder reduziert wurden. Gleichzeitig gewann der US-Dollar an Stärke, während risikoreichere Anlagen unter Druck gerieten.
Ölpreise erhöhen den Inflationsdruck
Ein zentraler Risikofaktor bleibt der Energiemarkt. Die Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten hat die Ölpreise deutlich nach oben getrieben und damit neue Inflationssorgen ausgelöst.
Steigende Energiepreise wirken in vielen Volkswirtschaften wie ein zusätzlicher Kostenschock. Unternehmen sehen sich mit höheren Produktionskosten konfrontiert, während Verbraucher einen größeren Teil ihres Einkommens für Energie aufwenden müssen.

Für die Geldpolitik ist das eine heikle Entwicklung. Höhere Inflation könnte Notenbanken dazu zwingen, eine restriktivere Zinspolitik länger beizubehalten.
Die US-Wirtschaft zeigt weiterhin Stärke
Trotz der geopolitischen Risiken sieht Solomon die US-Wirtschaft weiterhin in einer robusten Verfassung. Mehrere Faktoren würden derzeit gleichzeitig für Wachstum sorgen, darunter eine lockerer werdende Geldpolitik und eine teilweise Entspannung bei regulatorischen Vorgaben.
Diese Kombination könne dazu führen, dass die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr sogar stärker wächst als erwartet. Der Goldman-Chef hält es für durchaus möglich, dass die Konjunktur „ein wenig heiß läuft“.
In diesem Szenario könnte auch die Inflation etwas höher ausfallen als derzeit von vielen Ökonomen prognostiziert.
Private Kreditmärkte entwickeln sich stabil
Auch im Bereich der privaten Kreditmärkte sieht Solomon derzeit keine akuten Probleme. Die Portfolios vieler Investoren hätten sich bislang stabil entwickelt.
Langfristig beobachtet der Banker jedoch eine Entwicklung mit wachsender Skepsis. In einem langen Kreditzyklus steige der Wettbewerb unter Investoren, Kapital zu vergeben. Dadurch könnten die Kreditstandards allmählich sinken.
Solche Entwicklungen würden meist erst sichtbar, wenn sich die Konjunktur abschwächt. Sollte es zu einer Rezession kommen, könnten Schwächen im Kreditmarkt deutlich stärker zutage treten.
Künstliche Intelligenz verändert die Bankenwelt
Neben geopolitischen Risiken und Konjunkturfragen beschäftigt auch der technologische Wandel die Branche. Solomon erwartet, dass künstliche Intelligenz die Arbeitswelt in Banken spürbar verändern wird.
Besonders betroffen seien klassische Büro- und Wissensjobs. Automatisierung und KI-Systeme könnten viele Prozesse effizienter machen und damit den Bedarf an bestimmten Tätigkeiten reduzieren.
Goldman Sachs arbeitet bereits an entsprechenden Anwendungen. Erst kürzlich hat die Bank eine Kooperation mit dem KI-Unternehmen Anthropic geschlossen, um automatisierte Systeme für Aufgaben wie Kunden-Onboarding zu entwickeln.
Produktivität statt Stellenabbau
Trotz dieser technologischen Umbrüche rechnet Solomon nicht mit einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen. Vielmehr gehe es darum, die Produktivität zu erhöhen und Mitarbeiter stärker in andere Aufgabenbereiche zu verlagern.
Die Gesamtzahl der Beschäftigten müsse sich deshalb nicht zwangsläufig stark verändern. Entscheidend sei vielmehr, dass Mitarbeiter mithilfe neuer Technologien effizienter arbeiten können.
Während sich die Bankenbranche also auf den technologischen Wandel vorbereitet, bleibt der Blick der Märkte weiterhin auf die geopolitische Lage gerichtet.
Die Reaktion der Investoren mag bislang erstaunlich ruhig sein – doch nach Einschätzung eines der einflussreichsten Banker der Wall Street könnte sich das noch ändern.



