Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hat in einer differenzierten Analyse die derzeitige wirtschaftliche Lage in Deutschland als äußerst angespannt beschrieben. Fratzscher warnt, dass ohne weitreichende Reformen seitens der Bundesregierung die wirtschaftliche Dynamik aufgrund demografischer Herausforderungen erheblich beeinträchtigt werden könnte. Die fehlende Verfügbarkeit von Arbeitskräften wird als zentraler Hemmschuh für die Erzielung von Wachstumsraten wie in vergangenen Jahrzehnten identifiziert. Diese Situation zwingt Deutschland zu fiskalischen Maßnahmen, die Steuererhöhungen und den Abbau von Subventionen einschließen könnten.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, schlägt Fratzscher ein Bündel von Reformen vor, darunter die Abschaffung von sogenannten Minijobs und die Einführung einer höheren Grundsteuer. Zusätzlich befürwortet er die Reduzierung von ökologisch schädlichen Subventionen wie das Dieselprivileg, die Steuerbefreiung von Kerosin und die Pendlerpauschale, die dem Staat bisher jährlich 60 Milliarden Euro kosten. Ein weiteres Anliegen Fratzschers ist die Reform des Ehegattensplittings, das mit 22 Milliarden Euro eine erhebliche Belastung für den Staat darstellt und ebenfalls abgeschafft werden sollte.
Allerdings skizziert Fratzscher eine wenig optimistische Realität: Seiner Ansicht nach wird die derzeitige Regierungskoalition eher auf eine scheinbar einfachere Lösung zurückgreifen – die Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent. Diese Maßnahme könnte zusätzliche Einnahmen von rund 30 Milliarden Euro generieren. Dennoch warnt Fratzscher, dass eine solche Steuerpolitik zwar politisch bequem, jedoch sozial verheerend wäre.
In dieser politischen Pattsituation festigen beide Regierungsparteien ihre Standpunkte: Die Union spricht sich entschieden gegen jegliche Art von Steuererhöhungen aus, während die SPD Kürzungen im Sozialstaat strikt ablehnt. Beide Parteien zeigen wenig Bereitschaft, bestehende Subventionen zu überdenken oder einzuschränken. Angesichts dieser Umstände erscheint die Erhöhung der Mehrwertsteuer als die einzige kurzfristig realisierbare Option, wenngleich umfassendere Reformen sowohl wirtschaftlich als auch politisch dringend notwendig wären.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Regierung Anfang Januar eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Restaurant- und Schnellimbiss-Essen von 19 auf 7 Prozent eingeführt hat, was die Komplexität und Dringlichkeit der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen zusätzlich unterstreicht. Diese Maßnahmen verdeutlichen die Spannungen zwischen kurzfristigen politischen Entscheidungen und langfristig notwendigen wirtschaftlichen Reformen, um das wirtschaftliche Fundament Deutschlands zukunftsfähig zu machen.