Die Stabilität der Lieferkette ist für die US-Autoindustrie wieder zur existenziellen Frage geworden. Nach Informationen der Financial Times führen die beiden größten Hersteller des Landes, Ford Motor Company und General Motors, Gespräche mit dem insolventen Zulieferer First Brands Group über ein Rettungspaket, das den laufenden Betrieb während des Chapter-11-Verfahrens sichern soll.
Im Kern geht es um eine Zwischenfinanzierung, bei der Autohersteller Teile im Voraus bezahlen würden, die sie erst in den kommenden Monaten benötigen. Die Gespräche sollen laut mehreren mit der Angelegenheit vertrauten Personen weit fortgeschritten sein. Ein Abschluss gilt als möglich, ist aber nicht garantiert.
Die Lieferkette wird zum finanziellen Risiko
First Brands ist kein Nischenanbieter. Das Unternehmen aus Ohio liefert zentrale Komponenten an mehrere Hersteller, darunter Scheibenwischerteile für den Ford F-150, eines der margenstärksten Fahrzeuge im US-Markt. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit, vor allem für Ford. In den Gesprächen gilt der Konzern als der am stärksten exponierte Partner.
Die Verhandlungen zeigen, wie fragil die industrielle Basis geworden ist. Statt klassischer Banken oder Investoren springen nun Kunden ein, um einen Lieferanten über Wasser zu halten. Für Ford und GM geht es weniger um Rendite als um Produktionssicherheit.
Insolvenz mit milliardenschwerem Loch
First Brands hatte Ende September Insolvenzschutz beantragt. In den Gerichtsunterlagen bezifferte das Unternehmen seine Verbindlichkeiten auf 10 bis 50 Milliarden Dollar, während die Vermögenswerte auf 1 bis 10 Milliarden Dollar geschätzt wurden. Damit zählt der Fall zu den größten Zuliefererpleiten der vergangenen Jahre.

In dieser Woche kündigte First Brands an, Teile des Nordamerikageschäfts herunterzufahren. Betroffen sind unter anderem die Sparten Brake Parts, Cardone und Autolite. Andere Bereiche sollen vorerst weiterlaufen, um den Wert für einen Verkauf zu erhalten.
Verkauf oder Zerschlagung als realistisches Szenario
Parallel zur operativen Sicherung treibt First Brands den Verkaufsprozess voran. Bereits Anfang Januar startete das Unternehmen ein formelles Verfahren, um Käufer für den Konzern oder einzelne Geschäftsbereiche zu finden. Die Gespräche mit Ford und GM sind damit eng verknüpft: Ohne kurzfristige Liquidität drohen weitere Stilllegungen, was den Verkauf erschweren würde.
Für die Autohersteller ist das ein heikler Balanceakt. Einerseits wollen sie den Lieferanten stabilisieren, andererseits vermeiden sie, dauerhaft in eine finanzielle Abhängigkeit zu geraten. Vorabzahlungen für Teile sind ein Instrument, das kurzfristig hilft, langfristig aber die Bilanzen belastet.
Die Autoindustrie greift immer häufiger selbst ein
Der Fall First Brands ist kein Einzelfall. Seit der Pandemie haben sich die Machtverhältnisse in der Lieferkette verschoben. Zulieferer kämpfen mit hohen Finanzierungskosten, schwankender Nachfrage und Altlasten aus Zeiten aggressiver Übernahmen. Hersteller wiederum haben gelernt, dass selbst große, scheinbar stabile Partner ausfallen können.
Dass Ford und GM nun direkt über Rettungsfinanzierungen verhandeln, zeigt, wie wenig Vertrauen in klassische Restrukturierungsmechanismen besteht. Chapter 11 soll eigentlich Zeit verschaffen. In der Praxis reicht das oft nicht aus, wenn Kunden auf kontinuierliche Lieferung angewiesen sind.
Hoher Einsatz, ungewisser Ausgang
Ob die Gespräche zu einem Abschluss führen, ist offen. Selbst Insider sprechen von einer Einigung nahe der Ziellinie, schließen ein Scheitern aber ausdrücklich nicht aus. Für Ford und GM wäre ein Ausfall von First Brands kurzfristig kaum zu kompensieren, langfristig aber möglicherweise günstiger als eine fortgesetzte Stützung.
Die Verhandlungen markieren einen weiteren Punkt, an dem sich zeigt, wie eng Industrie, Finanzierung und operative Risiken inzwischen miteinander verflochten sind. Die Autohersteller werden zu Krisenmanagern ihrer eigenen Lieferanten – nicht aus strategischem Kalkül, sondern aus Notwendigkeit.


