Ein Brief zur richtigen Zeit
Larry Fink schreibt jedes Jahr einen Brief an die Investoren von BlackRock. Selten war der Zeitpunkt so heikel wie heute. Der S&P 500 hat seit Ausbruch des Iran-Kriegs über sechs Prozent verloren, der DAX sogar rund 13 Prozent. Staatsanleihen in den USA, der EU und Großbritannien fallen gleichzeitig, weil die Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende schwindet.
In diesem Umfeld sendet der Chef des weltgrößten Vermögensverwalters – 14 Billionen Dollar verwaltet BlackRock – eine unmissverständliche Botschaft: Wer jetzt verkauft, macht den teuersten Fehler seines Anlegerlebens.
„Wir erleben eine Zeit, in der Ereignisse, die einst ein Jahrzehnt geprägt hätten, zur Routine geworden sind: Kriege mit globalen Auswirkungen, Unternehmen, die Bewertungen von Billionen von Dollar erreichen, eine grundlegende Neuordnung des internationalen Handels und das Aufkommen der bedeutendsten Technologie seit mindestens dem Computer", schreibt Fink. Aber zu oft würden diese Ereignisse durch eine „kurzfristige Linse" gefiltert.

Zehn Handelstage entscheiden über alles
Finks stärkstes Argument ist eines, das sich rechnerisch belegen lässt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich jeder in den S&P 500 investierte Dollar mehr als verachtfacht. Wer jedoch nur die zehn besten Handelstage verpasst hätte, hätte weniger als die Hälfte verdient.
Zehn Tage in zwanzig Jahren. Das ist der Unterschied zwischen Vermögensaufbau und Mittelmäßigkeit.
Das Perfide daran: Einige der stärksten Markttage gab es mitten in den größten Krisen – nach dem Lehman-Kollaps, im Corona-Crash von März 2020, nach dem Ukraine-Schock. Wer in der Panik verkauft, verpasst genau die Erholungstage, die den Großteil der langfristigen Rendite ausmachen.
„Manchmal kann es sich wie ein Dopamin-getriebenes Umfeld anfühlen, in dem ständiger Input kurzfristige Impulse belohnt", schreibt Fink. „Aber Geschwindigkeit kann die Perspektive verzerren und langfristiges Denken verdrängen."
BlackRock setzt trotz Turbulenzen auf Private Credit
Während Fink seine Anleger zur Ruhe mahnt, zeigt BlackRocks eigene Strategie, wohin das Unternehmen seinen Wachstumskurs lenkt. Bis 2030 sollen die Einnahmen von derzeit 24 Milliarden Dollar auf 35 Milliarden Dollar steigen. Dreißig Prozent oder mehr davon sollen aus privaten Märkten und Technologie kommen.
Das ist ein klares Bekenntnis zum Private-Credit-Markt – ausgerechnet in dem Moment, in dem dieser Markt unter erheblichem Druck steht. BlackRock plant, bis 2030 insgesamt 400 Milliarden Dollar bei Investoren für private Märkte einzusammeln.
Der Private-Credit-Markt ist in den vergangenen Jahren auf rund 1,8 Billionen Dollar gewachsen. Seit einigen Monaten wächst jedoch das Misstrauen. Besonders private Kredite an Technologie- und Softwarefirmen stehen unter Druck – KI-Disruption gefährdet die Kreditprofile ganzer Sektoren.

El-Erian sieht beträchtliches Risiko für das Finanzsystem
Der prominente Ökonom Mohamed El-Erian stuft die Turbulenzen im Private-Credit-Markt als „beträchtliches Risiko" für das gesamte Finanzsystem ein. Das ist keine marginale Einschätzung. El-Erian war CEO des weltgrößten Anleihefonds PIMCO und gilt als einer der schärfsten Beobachter der globalen Kapitalmärkte.
Viele Anleger ziehen bereits Geld aus Private-Credit-Fonds ab. BlackRocks eigene Aktie hat seit Jahresbeginn zehn Prozent verloren – selbst der weltgrößte Vermögensverwalter ist nicht immun gegen das Misstrauen, das er bei seinen Kunden zu bekämpfen versucht.
Fink warnt – und verkauft gleichzeitig
Es gibt eine Spannung im Brief von Larry Fink, die er nicht ausspricht. Er warnt Anleger vor kurzfristigen Panikreaktionen und wirbt gleichzeitig für den weiteren Ausbau des Private-Credit-Geschäfts – eines Marktes, in dem genau die kurzfristigen Vertrauensverluste gerade sichtbar werden, die er bei Aktieninvestoren kritisiert.
Das ändert nichts an der Validität seiner historischen Argumente. Die Zehn-Tage-Rechnung stimmt. Die Gedulds-These hat Jahrzehnte empirischer Unterstützung hinter sich.
Aber es zeigt, dass auch der weltgrößte Vermögensverwalter in einer Zeit navigiert, die er selbst als beispiellos beschreibt. Finks Rat ist richtig. Dass er ihn ausgerechnet jetzt gibt, während BlackRocks eigene Aktie fällt und sein Private-Credit-Geschäft unter Druck steht, macht ihn menschlicher – und glaubwürdiger.



