Die politische Hängepartie um das Future Combat Air System geht in die nächste Runde. Entgegen früherer Zusagen ist auch zum Jahresende keine Entscheidung über den Fortgang des Projekts gefallen. Ein neuer Termin fehlt. Damit bleibt offen, ob und wie Europas ambitioniertestes Rüstungsprogramm überhaupt realisiert wird.
Politische Agenda verdrängt militärisches Großprojekt
Offiziell begründet die Bundesregierung die erneute Verschiebung mit einer überladenen deutsch-französischen Agenda in der Außen- und Sicherheitspolitik. Eine Befassung auf Ebene des Bundeskanzlers und des französischen Präsidenten sei bislang nicht möglich gewesen. Das Signal ist eindeutig: FCAS hat derzeit keine Priorität.
Dabei war der Zeitplan bereits mehrfach nach hinten geschoben worden. Ursprünglich sollte eine Entscheidung Ende August beim deutsch-französischen Ministerrat fallen, später wurde das Jahresende als neue Zielmarke ausgegeben. Selbst diese Frist wurde nun gerissen.
Milliardenprojekt ohne Richtung
FCAS gilt als größtes und teuerstes europäisches Rüstungsvorhaben. Die Gesamtkosten werden auf einen dreistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Geplant ist kein klassisches Kampfflugzeug, sondern ein vernetztes Luftkampfsystem aus bemanntem Jet, bewaffneten und unbewaffneten Drohnen sowie einer digitalen Gefechtsführung. Ab 2040 soll es Eurofighter und Rafale ersetzen.

Je länger die Entscheidung ausbleibt, desto größer werden jedoch Zweifel an der Realisierbarkeit in dieser Form. Planungssicherheit für Industrie, Zulieferer und Streitkräfte existiert faktisch nicht mehr.
Machtkampf zwischen den Industriekonzernen
Kern des Problems sind ungelöste Interessenkonflikte zwischen den beteiligten Unternehmen. Der französische Hersteller Dassault Aviation beansprucht eine dominante Rolle und strebt Berichten zufolge bis zu 80 Prozent der Wertschöpfung an. Deutschland pocht dagegen auf die ursprünglich vereinbarte gleichberechtigte Beteiligung.
Neben Dassault sind auf Industrieseite Airbus Defence and Space und der spanische Konzern Indra eingebunden. Der Konflikt ist längst nicht mehr technisch, sondern politisch aufgeladen. Ein tragfähiger Kompromiss ist nicht in Sicht.
Zwei Kampfjets als Notlösung
In Fachkreisen kursiert inzwischen ein Szenario, das das ursprüngliche Konzept fundamental verändern würde. Statt eines gemeinsamen Kampfflugzeugs könnten zwei nationale Jets weiterentwickelt werden, also Rafale und Eurofighter. Das Gemeinschaftsprojekt würde sich dann auf Drohnen und die sogenannte Combat Cloud beschränken.
Diese Lösung würde zwar Blockaden lösen, hätte aber ihren Preis. Zusätzliche Kosten, Exportkonflikte und ein Verlust des eigentlichen Integrationsgedankens wären die Folge. FCAS würde damit von einem Symbol europäischer Souveränität zu einem fragmentierten Zweckbündnis schrumpfen.
HENSOLDT bleibt in der Warteschleife
Für HENSOLDT ist die Situation heikel. Der Sensorspezialist gilt als möglicher Schlüsselzulieferer für Radar-, Aufklärungs- und Führungssysteme innerhalb der Combat Cloud. Gerade die Vernetzung von Plattformen und Datenströmen ist eines der Kernelemente des Projekts.
Doch ohne politische Entscheidung bleibt diese Perspektive theoretisch. Investitionen, Personalplanung und strategische Ausrichtung hängen in der Luft. Die Aktie reagiert entsprechend sensibel auf jede neue Verzögerung.
FCAS wird zum politischen Risiko
Ein Scheitern des Projekts hätte Folgen weit über die Rüstungsindustrie hinaus. FCAS ist auch ein Gradmesser für die deutsch-französische Zusammenarbeit insgesamt. Die wiederholte Vertagung beschädigt Vertrauen und verstärkt Zweifel an Europas Fähigkeit, strategische Großprojekte umzusetzen.
Parallel wächst die Spekulation, Deutschland könne sich dem britisch-japanisch-italienischen Konkurrenzprojekt GCAP zuwenden. Allein diese Debatte zeigt, wie brüchig die Basis von FCAS inzwischen ist.
Die Entscheidung ist erneut vertagt. Der Schaden wächst mit jedem Monat – politisch, industriell und strategisch.


