Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte die Leitzinsen frühestens im Juni erhöhen. Es gehe darum, die Folgen hoher Öl- und Gaspreise für die Wirtschaft genauer zu bewerten, sagte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in Washington. „Aber zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine entscheidenden Informationen."
Lanes Einschätzung ist aufschlussreich, weil er dem EZB-Rat vor jedem Zinsentscheid vorschlägt, was zu tun ist. Der nächste Beschluss des Gremiums steht am 30. April an. Investoren haben umgeschwenkt und erwarten nun, dass die EZB die Leitzinsen vorerst unverändert lässt.

Märkte schwenken um – Zinserhöhung im April unwahrscheinlich
Den Terminmärkten zufolge ist die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Zinserhöhung gering. Unter dem Eindruck des Irankriegs und des steilen Anstiegs der Energiepreise war sie im März auf mehr als 80 Prozent gestiegen. Für den weiteren Jahresverlauf sind jedoch zwei Zinsschritte eingepreist, am ehesten im Juni und September. Viele Ökonomen halten das für plausibel.
Das ist eine dramatische Wende. Noch vor wenigen Wochen rechneten die Märkte mit einer Zinserhöhung im April. Wahrscheinlichkeit über 80 Prozent. Jetzt liegt sie nahe null. Was ist passiert? Die Waffenruhe im Iran. Die Ölpreise stabilisierten sich, die Panik ließ nach, die EZB atmete auf.
Goldman Sachs und Morgan Stanley streichen Prognose
Nicht nur Zinshändler rechnen inzwischen damit, dass die EZB bis Juni wartet. Jari Stehn und Alexandre Stott von der US-Bank Goldman Sachs haben ihre Prognose einer Zinserhöhung in zwei Wochen aufgegeben. Angesichts neuer Informationen sei es „nicht mehr so dringlich", die Geldpolitik zu straffen.
Auch die Experten von Morgan Stanley betonen, die jüngsten Entwicklungen samt einem Waffenstillstand erlaubten es der EZB, vorerst stillzuhalten. „April wäre ein unwahrscheinlicher Moment für die EZB, die Leitzinsen anzuheben, egal in welchem Szenario."
Das ist bemerkenswert. Goldman Sachs und Morgan Stanley sind keine beliebigen Analysten. Sie haben Zugang zu den besten Daten, den klügsten Köpfen, den tiefsten Einblicken. Wenn sie ihre Prognose ändern, hat das Gewicht. Die EZB wird im April nicht erhöhen. Das ist fast sicher.
Inflation stieg von 1,9 auf 2,6 Prozent – doch EZB will warten
Die Inflation in der Euro-Zone ist im März von 1,9 auf 2,6 Prozent gesprungen. Das Statistikamt Eurostat hat seine Erstschätzung leicht nach oben revidiert. Höhere Inflationsraten sind absehbar, aber erst im Juni dürften die Notenbanker mehr über das Ausmaß des Preisschubs wissen. Die Waffenruhe im Iran gibt ihnen Zeit, die Lage einzuschätzen.
Die Weltmarktpreise für Öl und Gas liegen weiter deutlich über dem Niveau vor Kriegsausbruch. Der Preisanstieg hat sich jedoch abgeschwächt, seit die USA und Iran miteinander verhandeln.
Das ist das Dilemma. Die Inflation steigt – von 1,9 auf 2,6 Prozent, ein Sprung von 0,7 Prozentpunkten in einem Monat. Normalerweise würde die EZB sofort reagieren, die Zinsen erhöhen, die Inflation bekämpfen. Doch sie wartet. Warum? Weil sie nicht weiß, ob die Inflation temporär ist oder dauerhaft.
Schnabel warnt vor „unnötigen Kosten" durch vorzeitige Straffung
EZB-Direktorin Isabel Schnabel bekräftigte in Washington ihre Vorbehalte gegen schnelle Zinserhöhungen. Die EZB müsse vermeiden, der Wirtschaft durch eine vorzeitige Straffung der Geldpolitik „unnötige Kosten" aufzubürden. Zuvor hatte sie bereits gemahnt, es gebe „keinen Grund zur Eile".
Finnlands Notenbankchef Olli Rehn sagte, es sei „nicht selbstverständlich", dass die EZB die Zinsen erhöhe. Rehn, ein Verfechter einer eher lockeren Geldpolitik, nannte es unklar, wie der Irankrieg die Inflation mittelfristig beeinflussen werde. „Besonnenheit und Urteilsvermögen werden über Eile siegen, und keine Entscheidungen sind im Voraus festgelegt."
Das ist die Taube-Fraktion. Schnabel und Rehn wollen nicht erhöhen. Sie fürchten, dass vorzeitige Zinserhöhungen die Wirtschaft abwürgen. Die Konjunktur ist schwach, die Rezession droht, die Zinsen sind bereits bei zwei Prozent. Noch höher – und die Wirtschaft kippt.
Bundesbankchef Nagel fordert: „Alle Optionen offenhalten"
Dagegen forderte Bundesbankchef Joachim Nagel am Donnerstag, man müsse sich „alle Optionen offenhalten". Dazu gehöre auch die Möglichkeit einer schnellen Zinserhöhung. Er sei noch nicht bereit, sich schon jetzt auf eine Verlängerung der Zinspause um weitere anderthalb Monate festzulegen.
Der für Spar- und Kreditzinsen wichtige EZB-Einlagensatz liegt seit Mitte 2025 bei 2,0 Prozent. Beim vorangegangenen Zinsentscheid vor einem Monat signalisierten die Notenbanker Handlungsbereitschaft. Das am Donnerstag veröffentlichte Protokoll der Sitzung zeigt nach Einschätzung von ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski, dass die EZB wachsam, aber nicht in Eile sei.

Das ist die Falke-Fraktion. Nagel will erhöhen. Er fürchtet, dass zu langes Warten die Inflation verfestigt. Die Inflation ist bei 2,6 Prozent, über dem Ziel von zwei Prozent. Je länger die EZB wartet, desto schwerer wird es, sie wieder runterzubekommen.
Lagarde bleibt vage – aber sie bleibt im Amt
EZB-Präsidentin Christine Lagarde blieb in Washington wie üblich vage. Sie sagte, es gebe noch keine Vorentscheidung. Wer anderes behaupte, liege falsch. Klarer äußerte Lagarde sich beim Finanzsender Bloomberg zu ihrer eigenen Zukunft. Sie wies Spekulationen über einen vorzeitigen Rücktritt zurück. „Wenn dunkle Wolken am Horizont aufziehen, verlässt der Kapitän nicht das Schiff – und diese Kapitänin wird das Schiff nicht verlassen, denn ich sehe Wolken", sagte Lagarde.
Das ist klassische Lagarde. Vage zu den Zinsen, klar zur eigenen Zukunft. Sie bleibt. Und sie wartet. Die EZB wird im April nicht erhöhen. Im Juni vielleicht. Oder im September. Oder gar nicht. Niemand weiß es – auch Lagarde nicht.
Fazit – EZB wartet ab, Märkte atmen auf
Die EZB rückt von einer Zinserhöhung im April ab. Die Waffenruhe im Iran gibt Zeit, die Inflation zu beobachten, die Wirtschaft zu bewerten, die Daten zu sammeln. Zwei Zinsschritte bis Jahresende sind eingepreist – doch ob sie kommen, ist unsicher. Die Inflation steigt, die Wirtschaft schwächelt, die EZB ist gespalten. Willkommen im geldpolitischen Dilemma.
