Wichtige Hürde genommen
Unicredit hat die wichtigste Hürde auf dem Weg zur Kontrolle über die Commerzbank genommen. Die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank hat dem Institut erlaubt, seinen Anteil über die Schwelle von 30 Prozent hinaus aufzustocken und ohne weitere Obergrenze zu erhöhen. Das teilte Unicredit am Donnerstagabend mit. Die Genehmigung gilt als wichtigste Voraussetzung einer Übernahme.

Unicredit hält aktuell knapp 30 Prozent der Commerzbank-Aktien. Durch ein Übernahmeangebot im Sommer hat sich die Bank zudem Zugriff auf weitere rund 20 Prozent gesichert. Zusammen wären das rund 50 Prozent. Die Italiener könnten nun weitere Aktien frei am Markt kaufen oder ein weiteres Angebot vorlegen. Das wäre wegen der üblichen Übernahmeprämie aber teuer.
In der Mitteilung spricht Unicredit von einem „wichtigen Meilenstein“, der die positive Einschätzung der EZB zur Transaktion unterstreiche. Vertreter der EZB hatten schon früher deutlich gemacht, dass sie grenzüberschreitende Bankenfusionen im Euroraum befürworten, um den EU-Binnenmarkt zu stärken.
Was noch fehlt
Noch benötigt Unicredit weitere Genehmigungen, darunter die der EU-Kommission. Das Institut geht davon aus, dass alle behördlichen Freigaben bis zum Jahresende vorliegen. Dann könne es „die Kontrolle über die Bank übernehmen“.

Der Fahrplan danach
Nach Angaben von mit dem Vorgang vertrauten Personen dürfte Unicredit-Chef Andrea Orcel zeitnah eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Dort würde er die zehn Aufsichtsratsmitglieder der Kapitalseite austauschen. Die zehn Arbeitnehmervertreter kann Unicredit nicht beeinflussen, bei Patt zählt jedoch die Stimme des Aufsichtsratsvorsitzenden doppelt. Eine solche Versammlung könnte schon im Januar oder Februar stattfinden.
Der Aufsichtsrat bestimmt wiederum den Vorstand. Es hat sich bereits mehrfach angedeutet, dass Orcel zumindest Vorstandschefin Bettina Orlopp ablösen wird. Sie selbst hat einen Abschied angedeutet. Als möglicher Nachfolger wird Michael Diederich gehandelt, Mitarbeiter der Deutschen Bank und früherer Chef der Hypovereinsbank.
Grenzen der Kontrolle
Durchregieren kann Unicredit trotzdem nicht. Für strukturelle Veränderungen wie eine Verschmelzung mit der Unicredit-Tochter Hypovereinsbank bräuchte die Bank eine Mehrheit von 75 Prozent auf der Hauptversammlung. Wegen des Anteils der Bundesregierung von gut zwölf Prozent reicht der aktuelle Aktienanteil dafür nicht. Um andere Aktionäre zwangsabzufinden, wären sogar mindestens 90 Prozent nötig.

Streitpunkte mit Berlin und der Belegschaft
Unicredit war vor rund zwei Jahren eingestiegen, als der Staat, der die Commerzbank in der Finanzkrise gerettet hatte, Aktien verkaufte. Die Bundesregierung kritisierte seitdem den wachsenden Einfluss. Erst vor wenigen Wochen gab sie ihren Widerstand auf und bemüht sich nun um Zusagen: keine betriebsbedingten Kündigungen, die in der Branche aber ohnehin unüblich sind, Börsennotierung der Commerzbank und Sitz in Frankfurt.
Orcel hat mehrfach erklärt, Hypovereinsbank und Commerzbank nicht sofort zusammenzulegen, sondern mindestens zwei Jahre getrennt zu führen. Für die Beschäftigten kündigte er an, allein in Deutschland 7.000 Vollzeitstellen streichen zu wollen. Zudem will er das Auslandsnetz der Commerzbank deutlich ausdünnen. Das ist ein Streitpunkt mit Orlopp und der Bundesregierung, die das Netz für wichtig halten, um deutsche Mittelständler im Ausland zu begleiten.
Einordnung für Anleger
Die Genehmigung räumt das größte regulatorische Risiko aus. Für Aktionäre der Commerzbank heißt das: Die Kontrolle wechselt wahrscheinlich bis Anfang 2027. Der Streubesitz, der nach dem Angebot übrig bleibt, wird klein, und ein Zwangsabfindungsrecht ist wegen der Schwelle von 90 Prozent in weiter Ferne. Ob Unicredit am Markt zukauft oder erneut bietet, ist offen. Beides würde den Kurs beeinflussen.
Auch für Unicredit bleiben Risiken. Der Umbau mit 7.000 Stellen und weniger Auslandsgeschäft stößt auf Widerstand von Betriebsrat und Politik, und die Kosten sind noch nicht beziffert. Wer investiert ist, sollte den Zeitplan der EU-Kommission, die Besetzung des Vorstands und Orcels Aussagen zur Integration beobachten. Die Vorlage dafür liefert die außerordentliche Hauptversammlung im Winter.


