Evonik auf Einkaufstour
Evonik ist nicht nur Übernahmeziel, sondern prüft selbst einen großen Zukauf. Nach Informationen des Handelsblatts sondiert der Essener Spezialchemiekonzern seit Längerem größere Übernahmen außerhalb Europas. Besonders intensiv befasst er sich mit dem US-Konzern Ashland. Die Prüfung begann demnach deutlich vor dem BASF-Vorstoß Ende September.
Evonik hat laut Insidern die Investmentbanken Perella Weinberg Partners und JP Morgan beauftragt, den Markt nach geeigneten Zielen zu sondieren. Ein Sprecher wollte Marktgerüchte nicht kommentieren. Der Prozess steht noch am Anfang, ob es zu einem Abschluss kommt, ist ungewiss.
Die Börse reagiert gegensätzlich
Die Evonik-Aktie baute nach Veröffentlichung des Berichts ihre Verluste aus und lag zeitweise bis zu 3,5 Prozent im Minus. Die Ashland-Aktie notierte vorbörslich knapp vier Prozent im Plus. Sie hat seit Jahresbeginn bereits mehr als 20 Prozent zugelegt.

Warum Ashland passt
Evonik will ein altes Problem lösen: die Abhängigkeit von Europa. 2025 entfielen 48 Prozent des Umsatzes auf Europa, den Nahen Osten und Afrika, 29 Prozent auf Amerika. Langfristig soll sich das Geschäft zu je etwa einem Drittel auf Europa, Amerika und Asien verteilen. Ein größerer Kauf in den USA würde diese Verschiebung beschleunigen.
Die Portfolios ergänzen sich: Beide Unternehmen sind bei Inhaltsstoffen für Kosmetik und Körperpflege und bei Spezialadditiven aktiv. Ashland liefert zudem Pharmaprodukte und hochwertige Beschichtungen, Felder, in denen Evonik wachsen will. Beide sind in den USA präsent, Ashland sitzt in Wilmington in Delaware, wo auch Evonik vertreten ist. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Ashland einen Umsatz von 1,84 bis 1,87 Milliarden Dollar und ein bereinigtes EBITDA von 385 bis 400 Millionen Dollar.
Ashland sucht einen Eigentümer
Ashland steht ohnehin zum Verkauf. Im Frühjahr hatte der aktivistische Investor Ancora Druck gemacht und einen Verkauf gefordert. Im Sommer einigte sich Ashland mit ihm auf Änderungen im Verwaltungsrat, im August wurde bekannt, dass der Konzern nach eingegangenem Interesse einen Verkauf prüft. Citi und Lazard beraten. Evonik ist nicht allein: Nach Bloomberg-Informationen hatten Advent, Apollo und Carlyle Kontakt zu Ashland, auch strategische Käufer sind aktiv.
Das Problem: Der Preis
Gerade der Wettbewerb macht Ashland für Evonik teuer. Vor einem Jahr kostete die Aktie 50,65 Dollar, am Mittwoch zeitweise knapp 72 Dollar, rund 42 Prozent mehr. Die Marktkapitalisierung liegt bei etwa 3,3 Milliarden Dollar, der Unternehmenswert inklusive Schulden bei rund 4,3 Milliarden Dollar. Bei einer Übernahme müsste ein Käufer einen Aufschlag zahlen. In Kreisen rechnet man mit etwa 30 Prozent. Damit läge der Preis für das Eigenkapital bei mehr als vier Milliarden Dollar, mit Schulden darüber.
Der Kursanstieg gilt als wesentliches Risiko. Ein Zukauf dieser Größenordnung sei für Evonik machbar, heißt es, entscheidend sei, ob er sich bei dem höheren Preis noch rechne. Evonik wolle keinen Preis zahlen, der die Vorteile aufzehrt. Die strategische Logik bleibt, die Bewertung ist der Unsicherheitsfaktor. Evonik steht deshalb nicht unmittelbar vor einem Abschluss und beobachtet den Verkaufsprozess weiter.

Was das für BASF bedeutet
BASF hatte Ende September bestätigt, eine Übernahme von Evonik zu prüfen. Nach Handelsblatt-Informationen lag das erste Angebot bei 22,15 Euro je Aktie, was Evonik mit rund 10,3 Milliarden Euro bewertet. Evonik hält das für zu niedrig. Konkrete Gespräche gibt es nicht, BASF macht einen höheren Preis davon abhängig, tiefer in die Bücher zu schauen.
Ein Ashland-Kauf würde Struktur und Bilanz von Evonik verändern und könnte damit die Voraussetzungen für einen BASF-Deal verschieben. Im Konzernumfeld wird das entschieden bestritten: Die Suche habe lange vor dem BASF-Vorstoß begonnen, „Giftpillen machen wir nicht“. Dazu passt, dass Evonik am 22. September seine Wachstumsstrategie bis 2030 konkretisiert hat, mit Investitionen vor allem in Amerika und Asien. Gleichzeitig will der Konzern zwischen 2027 und 2029 weitere 3.200 Stellen streichen, davon rund 2.150 in Deutschland.
Die finanzielle Basis
Evonik erzielte 2025 einen Umsatz von 14,1 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA von 1,9 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr erwartet der Konzern nach einer Anhebung zwei bis 2,2 Milliarden Euro. Ein Zukauf im einstelligen Milliardenbereich traut er sich zu. Schon 2017 hatte er das Spezialchemiegeschäft von Air Products für 3,8 Milliarden Dollar gekauft, ein Zusammenschluss mit DSM war zuvor gescheitert.

Einordnung für Anleger
Der Bericht zeigt, dass Evonik nicht passiv auf BASF wartet. Das ist für die Aktionäre doppelt relevant. Ein teurer Ashland-Kauf könnte die Bilanz belasten und die Verhandlungsposition gegenüber BASF verändern, was die Kursreaktion von minus 3,5 Prozent erklärt. Zugleich könnte ein eigener Wachstumskurs ein Argument sein, BASFs Angebot als zu niedrig zurückzuweisen.
Offen sind der Preis, der Bieterwettbewerb mit Finanzinvestoren und die Frage, ob BASF nachlegt. Wer investiert ist, sollte beobachten, ob Evonik ein Gebot für Ashland abgibt, wie BASF reagiert und ob es zu Gesprächen kommt. Dies ist keine Anlageberatung.


