In der hitzigen Debatte um Geopolitik und Handelszölle wurde ein entscheidender Faktor lange übersehen: Die Finanzmärkte fungieren als Europas effektivster Hebel gegen das Weiße Haus. George Saravelos, Devisenstratege der Deutschen Bank, brachte diese Realität kürzlich auf den Punkt.
Mit dem Satz „Europe owns Greenland, it also owns a lot of Treasuries“ konterte er Donald Trumps Ambitionen auf die dänische Arktisinsel. Diese Aussage ist weit mehr als rhetorische Finesse; sie markiert eine völkerrechtliche und finanzökonomische Realität, die das Machtgefüge verschiebt.
Saravelos erinnert damit mokant daran, dass das US-Defizit – und damit der amerikanische Wohlstand – massiv von externen Geldgebern abhängt. Die Reaktion der Märkte und das anschließende Einlenken Trumps bei militärischen Plänen und Strafzöllen belegen die Brisanz dieser Analyse.
Die US-Schuldenabhängigkeit offenbart eine geostrategische Schwäche.
Die Ereignisse der letzten Woche zeigen, dass Washingtons Machtprojektion an finanzielle Grenzen stößt. Nachdem die EU Zölle suspendierte und gleichzeitig das „Anti-Coercion-Instrument“ mit potenziellen Gegenzöllen von 93 Milliarden Euro ins Spiel brachte, ruderte die US-Administration zurück.
US-Finanzminister Scott Bessent reagierte alarmiert auf die Analyse der Deutschen Bank und warf ihr „falsche Narrative“ vor. Diese Nervosität im US-Finanzministerium bestätigt, dass die Botschaft angekommen ist: Die USA haben eine entscheidende Schwäche bei der Finanzierung ihrer Außenhandelsdefizite.
Zwar distanzierte sich Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing offiziell, doch die Fakten bleiben bestehen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz erkannte, dass europäische Geschlossenheit in Kombination mit wirtschaftlichen Druckmitteln Wirkung zeigt.

Peking macht vor, wie der Abverkauf von US-Anleihen wirkt
Ein Blick nach Asien verdeutlicht das Potenzial dieser Strategie. China hat seine Bestände an US-Staatsanleihen im letzten Jahrzehnt auf knapp 700 Milliarden Dollar fast halbiert. Peking finanziert den US-Konsum nicht mehr bedingungslos.
Die Folge ist ein ökonomischer Druck auf die USA, die nun versuchen, über Zölle ihre eigene Produktionsbasis gegen den Yuan zu stärken. Europa hingegen hält US-Anleihen im Wert von rund 8000 Milliarden Dollar – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt.
Dies positioniert Europa als den dominierenden Gläubiger der Vereinigten Staaten. Würde dieser Kapitalfluss ins Stocken geraten, geriete das amerikanische Modell der schuldenfinanzierten Hegemonie ins Wanken.
Gläubigermacht ist der Schlüssel zur politischen Souveränität
Natürlich liegen diese Anleihen nicht zentral bei der EZB, sondern größtenteils in privaten Händen. Dennoch können koordinierte Marktbewegungen oder Signale großer institutioneller Anleger Kaskadeneffekte auslösen.
Erste Pensionsfonds aus Dänemark und Schweden haben bereits angekündigt, US-Bestände aus Sorge um die US-Haushaltslage abzustoßen. Dies ist ein Warnschuss: Das Vertrauen in den „Safe Haven“ USA bröckelt.
Die Lehre für die europäische Politik ist klar. Statt den US-Finanzmarktliberalismus blind zu subventionieren, sollte europäisches Kapital strategisch zur Stärkung der eigenen Industrie und Verteidigungsfähigkeit umgeleitet werden. Wer die Schulden des Hegemons hält, bestimmt den Preis der Kooperation.


