Die Inszenierung im Potsdamer Hasso-Plattner-Institut hätte schöner kaum sein können. Man feiert die Unabhängigkeit, die technologische Emanzipation von der Supermacht USA. In Brandenburg sollen gigantische Datenspeicher entstehen, betrieben von Europäern, kontrolliert von Europäern, sicher vor dem Zugriff aus Washington.
Es klingt nach einem Befreiungsschlag in politisch unsicheren Zeiten. Doch wer hinter die Kulissen blickt, erkennt sofort den elementaren Webfehler dieser Strategie. Der Retter in der Not, der uns die Souveränität bringen soll, ist ironischerweise genau jener Akteur, vor dem wir uns schützen wollen.
Die "European Sovereign Cloud" wird nicht von einem europäischen Konsortium gebaut, sondern von AWS – Amazon Web Services. Wir versuchen, uns von der US-Dominanz zu lösen, indem wir uns tiefer in die Arme einer US-Tochter begeben. Das ist keine Strategie, das ist Kapitulation in neuem Gewand.

Eine Abschaltung der Cloud-Dienste würde die deutsche Wirtschaft sofort in die Knie zwingen
Die Nervosität in Berlin und Brüssel ist greifbar. Spätestens seit Donald Trump im Weißen Haus residiert, ist das blinde Vertrauen in die transatlantische Partnerschaft erodiert. Daten sind die Währung des 21. Jahrhunderts, und Clouds sind der Tresor.
Ohne Cloud-Computing läuft in mittleren und großen Unternehmen nichts mehr. Es geht nicht nur um E-Mails oder Urlaubsfotos. Produktionsstraßen, Logistikketten und Kundenmanagement hängen am digitalen Tropf.
Sollte Washington entscheiden, den digitalen Hahn zuzudrehen oder US-Anbieter als geopolitisches Druckmittel einzusetzen, drohen massive wirtschaftliche Verluste bis hin zum totalen Stillstand. Die Cloud ist längst kritische Infrastruktur. Der Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) nennt das Projekt in Brandenburg daher das "Rückgrat der modernen Wirtschaft". Doch dieses Rückgrat besteht aus amerikanischem Stahl.
Ausgerechnet eine Amazon-Tochter verkauft uns jetzt die angebliche Unabhängigkeit
Die Argumentation der Befürworter gleicht einem juristischen Eiertanz. Mustafa Isik, bei AWS zuständig für "Digitale Souveränität", betont gebetsmühlenartig die vertraglichen Konstrukte. Die Server stehen in Europa. Das Personal sei europäisch. Eine Einflussnahme oder Spionage seitens der USA sei ausgeschlossen.
Isiks Aussage, es gäbe "keine kritischen Abhängigkeiten" zu Dingen oder Personal außerhalb der EU, mag auf dem Papier stimmen. Doch sie ignoriert die Machtverhältnisse im Konzerngeflecht. AWS bleibt eine Tochter des US-Technologiegiganten Amazon.

Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass US-Gesetze im Zweifel auch Zugriff auf Tochterunternehmen im Ausland erzwingen können, wenn es die nationale Sicherheit der USA erfordert. Wir kaufen uns hier ein Gefühl von Sicherheit, keine tatsächliche Garantie.
Wir haben den technologischen Anschluss vor zwanzig Jahren verloren und können ihn nicht mehr aufholen
Warum bauen wir keine eigene, rein europäische Cloud? Die Antwort ist schmerzhaft simpel: Wir können es nicht. Zumindest nicht auf diesem Niveau. Dennis-Kenji Kipker vom Cyber Intelligence Institute in Frankfurt am Main zerstört jegliche Illusionen einer echten Autonomie.
Eine hundertprozentige digitale Souveränität ist für die EU schlicht nicht realistisch. Der Markt ist unter den Tech-Giganten aus den USA und Fernost aufgeteilt. Europa spielt in der Champions League der Digitalisierung nicht einmal mehr auf der Ersatzbank.
"Das haben wir eben 20 Jahre lang bislang verschlafen", bilanziert Kipker nüchtern. Der technologische Vorsprung der US-Konzerne ist so gewaltig, dass er kurz- und mittelfristig uneinholbar ist. Wer jetzt nach Autonomie ruft, hätte vor zwei Jahrzehnten investieren müssen.
Die nackten Zahlen offenbaren die vernichtende Unterlegenheit des Standorts Deutschland
Bernhard Rohleder vom Digitalverband Bitkom versucht, dem Projekt positive Seiten abzugewinnen. Er spricht von einem "Mehr an Sicherheit" und einem "Mehr an Datenschutz". Das ist pragmatischer Realismus. Die deutsche Wirtschaft ist auf nicht-deutsche IT angewiesen.
Ein einziger Vergleich von Rohleder zeigt das ganze Ausmaß des Desasters: Die zehn größten Rechenzentren der USA verfügen über eine Rechenleistung, die der aller 40.000 deutschen Rechenzentren zusammen entspricht. Das ist kein Wettbewerb, das ist ein Klassenunterschied.
Natürlich sind die geplanten 7,8 Milliarden Euro, die AWS in den Standort investieren will, wirtschaftlich willkommen. Es entstehen Jobs, es entsteht Infrastruktur. Aber man darf dem Wähler und den Unternehmen keinen Sand in die Augen streuen.
Die "European Sovereign Cloud" ist ein Etikettenschwindel. Wir mieten uns in einem amerikanischen Haus ein und hoffen, dass der Vermieter den Schlüssel nicht benutzt, den er immer noch in der Tasche hat.



