Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Debatte um die telefonische Krankschreibung im Vorfeld der bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg erneut angefacht. Angesichts eines durchschnittlichen Krankenstandes von 14,5 Tagen pro Jahr in Deutschland hinterfragt der CDU-Chef die Notwendigkeit dieser Regelung. Die Flexibilität der telefonischen Krankmeldung, eingeführt im Jahr 2021, stand besonders im Fokus während der Pandemie; Merz zweifelt jedoch an ihrer fortwährenden Relevanz in der aktuellen Zeit.
Der Vorstoß von Merz stößt auf scharfe Kritik von Seiten der politischen Opposition und Gewerkschaften. Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linken, argumentiert, dass der hohe Krankenstand eher mit Überlastung und unzureichenden Arbeitsbedingungen zusammenhängt. Er fordert bessere Präventionsmaßnahmen und höhere Löhne, um die Gesundheit der Arbeitnehmer zu stärken. Auch Fabio De Masi, der Vorsitzende des BSW, äußert seine Bedenken und weist darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft mehr unter strukturellen Mängeln und hohen Energiepreisen leidet als unter einem vermeintlich hohen Krankenstand.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Statistischen Bundesamts zeigt einen Anstieg der krankheitsbedingten Abwesenheitstage im Vergleich zu 2021. Dieser Anstieg wird teilweise der Einführung der elektronischen Krankschreibung zugeschrieben. Ebenso besagt eine Erhebung der AOK, dass die Mehrheit der Befragten die telefonische Krankschreibung als sinnvoll erachtet. Sie biete die Möglichkeit, auf flexible, den Umständen angepasste Weise auf ärztliche Behandlungen zu verzichten.
Trotz dieser Bedenken sprechen sich sowohl Union als auch Arbeitgeberverbände für Einschränkungen der Krankschreibungsregelungen aus und fordern Maßnahmen, um Missbrauch zu verhindern. Im aktuellen Koalitionsvertrag mit der SPD haben sich CDU und CSU darauf verständigt, Änderungen vorzunehmen, um insbesondere über Online-Plattformen Missbrauch zu vermeiden. In diesem Zusammenhang werden Vorschläge wie Karenztage und verminderte Lohnfortzahlung erneut diskutiert.
Die anhaltende Diskussion um die telefonische Krankschreibung verdeutlicht die vielschichtigen Herausforderungen, mit denen die deutsche Arbeitswelt konfrontiert ist. Während einige die Flexibilität und den Schutz der Arbeitnehmer betonen, warnen andere vor möglichen Missbräuchen und wirtschaftlichen Folgen. Der Dialog über die richtige Balance zwischen Arbeitnehmerrechten und effizienter Nutzung von Ressourcen bleibt weiterhin notwendig.