19. Januar, 2026

Unternehmen

Endspiel in den USA: Bayer holt zum vernichtenden Schlag aus

Jahrelang wurde der Konzern von Klägern gejagt. Jetzt greift der Supreme Court ein. Ein Grundsatzurteil könnte die gesamte Klagewelle mit einem Mal vernichten.

Endspiel in den USA: Bayer holt zum vernichtenden Schlag aus
Der Supreme Court nimmt den Glyphosat-Fall an. Für Bayer geht es um Milliarden und das Ende der Klagewelle. Die Analyse.

Der juristische Würgegriff, der den Leverkusener Konzern seit fast einem Jahrzehnt die Luft abschnürt, hat sich über Nacht gelockert. Der Oberste Gerichtshof der USA hat dem Drängen von Bayer nachgegeben und den Berufungsantrag zur Glyphosat-Haftung angenommen.

Dies ist nicht nur eine weitere Verfahrensrunde. Es ist die Chance auf eine Tabula rasa in einem Desaster, das Milliarden an Börsenwert vernichtet hat. Die Entscheidung der Richter in Washington markiert einen potenziellen Wendepunkt, der die Machtverhältnisse zwischen der US-Klageindustrie und dem deutschen Agrarchemie-Riesen fundamental verschieben könnte.

Ein Urteil im Juni könnte die existenzbedrohende Klagewelle sofort stoppen

Bayer-Chef Bill Anderson nennt es diplomatisch eine „gute Nachricht für die US-Landwirte“. In den Vorstandsetagen dürfte die Wortwahl weniger zurückhaltend ausfallen. Denn die Annahme des Falls durch den Supreme Court signalisiert, dass die höchste Instanz der USA bereit ist, das bisherige juristische Chaos zu ordnen.

Ein Urteil wird für Juni erwartet. Sollten die Richter der Argumentation des Konzerns folgen, würde dies den Großteil der noch anhängigen Verfahren die Geschäftsgrundlage entziehen. Bayer wäre auf einen Schlag von einer Altlast befreit, die seit der Monsanto-Übernahme wie Blei in der Bilanz liegt.

Der Konzern hatte den Fall des Klägers John Durnell strategisch ausgewählt. Durnell waren ursprünglich 1,25 Millionen Dollar zugesprochen worden, weil Bayer angeblich Warnhinweise unterlassen hatte. Genau dieser Punkt wird nun zum Hebel für das Grundsatzurteil.

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Das Bundesrecht muss die Willkür einzelner Bundesstaaten brechen

Der Kern des Streits ist eine juristische Grundsatzfrage: Darf ein Unternehmen nach dem Recht einzelner Bundesstaaten verurteilt werden, wenn es sich strikt an Bundesgesetze hält? Die US-Umweltbehörde EPA stuft Glyphosat als sicher ein und schreibt keine Warnhinweise vor. Dennoch verurteilen Geschworenengerichte in Staaten wie Kalifornien oder Missouri den Konzern genau wegen des Fehlens dieser Warnungen.

Bayer argumentiert mit der sogenannten „Preemption“: Bundesrecht bricht Landesrecht. Wenn die EPA sagt, das Produkt ist sicher und braucht kein Warnschild, dürfen lokale Gerichte keine gegenteiligen Urteile fällen. Würde sich diese Sichtweise durchsetzen, wären Vorwürfe wegen fehlender Warnhinweise – die Basis fast aller Klagen – juristisch nichtig.

Rückenwind erhält Bayer dabei überraschend vom Generalanwalt der US-Regierung. Dieser hatte dem Gericht empfohlen, den Fall anzunehmen, da widersprüchliche Urteile in den Bundesstaaten die wissenschaftliche Autorität der Bundesbehörden untergraben. Dies ist eine bemerkenswerte Kehrtwende gegenüber der Haltung unter der früheren Biden-Administration.

Die finanziellen Dimensionen der Monsanto Übernahme bleiben toxisch

Die Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit dieses Befreiungsschlags. Seit der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme von Monsanto im Jahr 2018 hat sich Bayer rund 180.000 Ansprüche ins Haus geholt. Zehn Milliarden Dollar flossen bereits in Vergleiche.

Für die verbleibenden rund 65.000 offenen Verfahren hat der Konzern Rückstellungen von knapp sieben Milliarden Euro gebildet. Diese Summen lähmen die Investitionskraft und drücken den Aktienkurs. Ein Sieg vor dem Supreme Court würde diese Rückstellungen freisetzen und dem Kapitalmarkt das Vertrauen zurückgeben, dass Bayer wieder operativ handlungsfähig ist.

Bisherige Versuche, vor den Supreme Court zu ziehen, waren 2022 gescheitert. Dass die Richter nun eine Anhörung ansetzen, deutet auf eine veränderte Risikobewertung in Washington hin.

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Bayer nutzt seine Marktposition gnadenlos als politisches Druckmittel

Der juristische Erfolg ist kein Zufall, sondern Teil einer aggressiven „mehrgleisigen Strategie“. Bill Anderson reiste persönlich nach Washington, um Lobbyarbeit zu betreiben. Dabei wurde auch die Drohkulisse aufgebaut, die Glyphosat-Produktion in den USA einzustellen.

Das Argument verfängt: Bayer ist der einzige relevante Produzent in den USA. Ein Wegfall würde die US-Landwirtschaft massiv treffen und Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Zudem positioniert sich Bayer als unverzichtbarer Akteur für die nationale Sicherheit.

Der Konzern fördert in Idaho Phosphat, ein Mineral, das die US-Regierung kürzlich als essenziell für die Wirtschaft und Sicherheit eingestuft hat. Diese Verflechtung von Agrarchemie, Bergbau und geopolitischer Versorgungssicherheit macht es der US-Justiz zunehmend schwerer, Bayer fallen zu lassen.

Die Karten sind neu gemischt, und zum ersten Mal seit der verhängnisvollen Monsanto-Übernahme hält Bayer die Trümpfe in der Hand.