Eine Warnung, die die Corona-Erfahrung in Frage stellt
Das französische Institut Pasteur war einer der zentralen Akteure in der Frühphase der Corona-Pandemie. Nun warnt die Einrichtung vor einem Szenario, das sie selbst als schwerer einstuft als Covid-19. Marie-Anne Rameix-Welti, Leiterin des Zentrums für Atemwegsinfektionen, spricht von der „Wahrscheinlichkeit einer sehr schwerwiegenden Vogelgrippe-Pandemie“, sollte sich das Virus so verändern, dass es effektiv von Mensch zu Mensch übertragbar wird.
Der Zeitpunkt der Warnung ist kein Zufall. In mehreren Regionen wurden in diesem Jahr vermehrte Ausbrüche des H5-Virus bei Wildvögeln und Nutztieren registriert, dazu einzelne Übertragungen auf Säugetiere. Dass Influenzaviren mutieren und in neue Wirte überspringen können, ist bekannt – unklar bleibt, ob und wann eine solche Mutation tatsächlich zur Bedrohung für den Menschen wird.

Rameix-Welti betont einen Punkt, der in der wissenschaftlichen Debatte eine große Rolle spielt: Menschen verfügen über Antikörper gegen saisonale Grippen, aber kaum über Immunität gegenüber Vogelgrippeerregern. Anders als bei Covid-19 wären gesunde Personen nicht automatisch weniger gefährdet. Diese Kombination – fehlende Grundimmunität und eine potenziell hohe Sterblichkeit – treibt die Sorge vieler Virologen.
Zwischen Alarm und Entwarnung liegt ein wissenschaftlicher Graubereich
Während das Institut Pasteur ein hohes Risiko betont, widerspricht die Weltorganisation für Tiergesundheit. Deren Wissenschaftsdirektor Gregorio Torres stuft die Gefahr einer Pandemie beim Menschen derzeit als „gering“ ein. Die Welt sei heute besser vorbereitet, argumentiert er: Impfstoffkandidaten existieren bereits, antivirale Medikamente stehen zur Verfügung, und die Erfahrungen aus Covid-19 hätten die Überwachungssysteme verbessert.
Diese Einschätzung bringt die andere Seite der Debatte ins Spiel: Es gibt bislang keinen Hinweis, dass das Vogelgrippe-Virus dauerhaft menschliche Übertragungswege nutzen kann. Bisherige Fälle – nach WHO-Daten knapp tausend seit 2003 – blieben vereinzelt und meist im Umfeld enger Tierkontakte. Die Sterblichkeitsrate von rund 48 Prozent ist hoch, spiegelt jedoch vor allem schwere, identifizierte Fälle wider. Eine Dunkelziffer milder Verläufe ist möglich – und wissenschaftlich wahrscheinlich.
Ein Todesfall in den USA löst neue Diskussionen aus
Im US-Bundesstaat Washington soll sich Anfang November ein Mann mit dem H5N5-Stamm infiziert haben. Er starb – und verfügte über Vorerkrankungen. Die Meldung führte international zu Verunsicherung, weil es der erste dokumentierte Fall dieses Virustyps beim Menschen gewesen wäre. Die WHO widerspricht allerdings der Darstellung eines „Premierenfalls“: Menschliche Infektionen mit Vogelgrippe sind seit über zwei Jahrzehnten bekannt, auch wenn sie selten bleiben.
Der Fall zeigt dennoch, wie fragil die Informationslage ist. Viele Übertragungen werden erst spät erkannt, teils gar nicht. Der Übergang von vereinzelten Fällen zu einer systematischen Gefahr lässt sich deshalb nur schwer prognostizieren. Genau in diesem Zwischenraum entstehen Warnungen wie die des Institut Pasteur – und die Beschwichtigungen internationaler Behörden.
Die politische Dimension bleibt unausgesprochen
Die Vogelgrippe-Debatte fällt in eine Zeit, in der Pandemiewarnungen politisch sensibel geworden sind. Regierungen und Behörden stehen unter Druck, nicht vorschnell Alarm auszulösen – und gleichzeitig nicht erneut zu spät zu reagieren. Die gegensätzlichen Einschätzungen zeigen, wie schmal dieser Grat geworden ist.
Während das Institut Pasteur auf wissenschaftliche Risiken hinweist, zielen internationale Behörden stärker auf Stabilität und Krisenprävention. Ob sich aus diesen Spannungen ein konsistentes Lagebild entwickelt, hängt weniger von der politischen Kommunikation ab als vom Virus selbst.
Die Unsicherheit bleibt das einzige stabile Element – und die zentrale Frage, ob der nächste große Ausbruch ein hypothetisches Szenario bleibt oder bereits begonnen hat.

