Der Ort der Vereidigung war kein Zufall
Nicht im prunkvollen Saal des Rathauses, nicht vor Parteigranden, sondern tief unter der Erde: eine stillgelegte U-Bahn-Station unter dem Rathaus. Die Kulisse wirkt roh, funktional, fast spröde. Genau so soll sie gelesen werden.
Nach Angaben seines Büros wollte Mamdani damit seine Nähe zur arbeitenden Bevölkerung demonstrieren. In einer Stadt, in der steigende Mieten, marode Infrastruktur und soziale Ungleichheit den Alltag bestimmen, ist das ein bewusstes Bild: Macht soll hier unten verankert sein, nicht oben.
Symbolpolitik? Ja. Aber Symbolpolitik mit Zielgruppe.
Der Koran als politisches Statement
Der Amtseid auf den Koran ist in den USA rechtlich unproblematisch. Verfassungsrechtlich zählt allein der Eid, nicht das Buch darunter. Politisch ist der Schritt alles andere als neutral.
Mamdani ist der erste muslimische Bürgermeister der größten Stadt des Landes. In einem politischen Klima, in dem Religion zunehmend als Marker im Kulturkampf dient, wird diese Geste zwangsläufig gelesen – von Anhängern wie von Gegnern.
Der 34-Jährige weiß das. Und er nimmt es in Kauf. Vielleicht mehr noch: Er kalkuliert es ein.

Der linksgerichtete Kurs ist Programm, nicht Pose
Mamdani kommt aus dem linken Flügel der Demokraten. Seine politischen Positionen sind bekannt: Mietenregulierung, massive Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr, höhere Steuern für Vermögende, harte Kritik an Konzernmacht und Polizeipraxis.
Dass die große, öffentliche Amtseinführung vor dem Rathaus ausgerechnet von Bernie Sanders geleitet wird, unterstreicht die ideologische Linie. Sanders steht wie kaum ein anderer für den sozialdemokratischen Gegenentwurf zum amerikanischen Mainstream.
Zehntausende werden erwartet. Die Bühne ist groß. Die Botschaft eindeutig.
New York als Gegenentwurf zu Washington
Mamdani positioniert sich nicht nur als Bürgermeister, sondern als politisches Gegenmodell. New York, so sein unausgesprochener Anspruch, soll zeigen, dass Amerika auch anders regiert werden kann: urban, progressiv, multikulturell, konfrontativ.
Das richtet sich direkt gegen den politischen Stil Trumps – und gegen jene Teile des Landes, die kulturelle Homogenität und nationale Abschottung propagieren.
Schon bei seinem Besuch im Weißen Haus im vergangenen Herbst wirkte Mamdani öffentlich moderater als sein Ruf. Der Amtsantritt zeigt nun die andere Seite: Hier geht es um klare Linien, nicht um Annäherung.
Die Erwartungen sind hoch, die Fallhöhe ebenso
Symbolik ersetzt keine Regierungsarbeit. New Yorks Probleme sind konkret: Haushaltsdefizite, Wohnungsnot, Sicherheitsfragen, ein öffentlicher Verkehr am Limit. Der neue Bürgermeister übernimmt kein ideologisches Experimentierfeld, sondern eine hochkomplexe Metropole.
Mamdani hat mit seinem Amtsantritt die Latte selbst hochgelegt. Wer so sichtbar Zeichen setzt, wird an Ergebnissen gemessen. Nicht nur von politischen Gegnern, sondern auch von jenen, die ihn gewählt haben.
Der Amtseid auf den Koran war ein Moment. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt jetzt – ohne Kulisse, ohne Symbol, im Tagesgeschäft einer Stadt, die wenig Geduld kennt.


