Während sich viele Zeitungen im wirtschaftlichen Strudel der vergangenen Jahrzehnte gefangen sehen und in polarisierten Zeiten auf politische Empfehlungen verzichten, haben jüngst die Washington Post und die Los Angeles Times mit ihrer Entscheidung, keinen Präsidentschaftskandidaten zu wählen, Empörung ausgelöst. Der Verzicht auf klare Positionierung scheint vielen Lesern nicht weniger kontrovers als eine konkrete Empfehlung. Der finanzielle und personelle Aderlass bei der Washington Post setzt sich fort, nachdem Post-Inhaber Jeff Bezos öffentlich seine Entscheidung verteidigte und appellierte, dies nicht durch Kündigungen zu sanktionieren. Dennoch sollen mittlerweile über 200.000 Abonnenten die Zeitung abbestellt haben. Dies wäre ein herber Schlag für ein Medium, das mit seinen 2,5 Millionen Abonnenten bereits rote Zahlen schrieb und Personalabbau verzeichnete. Ähnlich sieht es bei der Los Angeles Times aus, die nach eigenen Angaben ebenfalls Tausende Abonnenten verlor. Beide Blätter hatten ursprünglich geplant, die Demokratin Kamala Harris zu unterstützen, verzichteten jedoch auf Initiative ihrer Inhaber auf eine Wahlempfehlung. Der Schritt wird teilweise als Versuch betrachtet, das republikanische Lager um Donald Trump nicht vor den Kopf zu stoßen, sollte dieser wiedergewählt werden. Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen. Der ehemalige Post-Redakteur Martin Baron kritisierte den Entschluss als Zeichen bedrückender Rückgratlosigkeit einer Institution, die einst für ihren Mut stand. Historisch gesehen haben Zeitungen traditionell parteiisch agiert, auch wenn im 20. Jahrhundert eine Tendenz zu objektiven Berichterstattungen entstand, die jedoch die Meinungsseiten nicht erfasste.
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Editorial Eklat: Zeitungen in Bedrängnis nach Verzicht auf Wahlempfehlungen