Der Zeitpunkt könnte kaum prägnanter gewählt sein. Stefan Ermisch (60), das Schwergewicht der klassischen Bankenwelt, sucht eine neue Bühne – und die Berliner Digitalbank N26 sucht dringend nach erwachsener Kontrolle. Nach Informationen des manager magazins und des Handelsblatts steht der Einzug des ehemaligen HSH-Nordbank-Chefs in das Kontrollgremium von N26 unmittelbar bevor. Anfang März soll die offizielle Wahl erfolgen.
Ermisch ist kein Mann für das operative Kleinklein. Sein Name steht für die erste erfolgreiche Privatisierung einer deutschen Landesbank. Dass er sich nun einem Fintech zuwendet, markiert eine Zäsur: Die Berliner Neobank will weg vom Image des rebellischen Startups und hin zum seriösen europäischen Banken-Player. Ermischs Aufgabe ist klar: Er soll die Transformation vorantreiben, die Bilanz disziplinieren und das Vertrauen der Regulierer zementieren.
Der Privatisierer bringt Ordnung in das Berliner Chaos
Ermisch gilt als einer der versiertesten Kenner schwieriger Banken-Bilanzen. Bei der einst krisengebeutelten HSH Nordbank (heute Hamburg Commercial Bank) bewies er, dass er ein Institut radikal stutzen und für Private-Equity-Investoren attraktiv machen kann. Genau dieses Profil braucht N26 jetzt, wo die Investoren nach Jahren der Expansion endlich schwarze Zahlen und eine klare Exit-Strategie fordern.

Dass Ermisch offen für diese Aufgabe war, deutete er bereits Anfang 2026 in der Börsen-Zeitung an. Er wolle seine Erfahrung in der Transformation und Restrukturierung weitergeben. Bei N26 findet er ein Feld vor, das zwar technologisch glänzt, aber regulatorisch immer wieder unter Beschuss der BaFin geriet. Mit Ermisch holt sich die Bank einen Kontrolleur, der die Sprache der Aufsichtsbehörden perfekt beherrscht.
Ein neues Bollwerk im Machtkampf der Gründer
Der Einzug von Ermisch ist Teil einer tiefgreifenden personellen Erneuerung im Aufsichtsrat. Erst kürzlich wurden Schwergewichte wie der ehemalige Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret als Aufsichtsratschef nominiert. Zusammen mit Byron Haynes und Daniel Terberger bildet Ermisch nun ein Gremium, das den Gründern Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal deutlich paroli bieten kann – und muss.
Die Ernennung ist auch das Ergebnis eines monatelangen Konflikts zwischen den Gründern und internationalen Investoren. Valentin Stalf hat seinen Posten als Co-CEO bereits aufgegeben und bereitet seinen eigenen Wechsel in den Aufsichtsrat vor. Die Ära, in der die Gründer schalten und walten konnten, wie sie wollten, ist endgültig vorbei. Das neue Schwergewicht Ermisch wird sicherstellen, dass Governance und Risikomanagement keine hohlen Phrasen bleiben.

Profitabilität als ultimative Disziplin
Für N26 geht es um alles. Die Bank steht unter dem Druck eines Sonderbeauftragten der BaFin und kämpft mit den Altlasten im Bereich Geldwäscheprävention. Stefan Ermisch ist dafür bekannt, Prozesse konsequent auf Profitabilität zu trimmen und Fett abzuscheiden. Wenn er in den Aufsichtsrat einzieht, wird der Fokus noch stärker auf der Kostenseite liegen.
Sein Einstieg signalisiert den Märkten: N26 wird erwachsen. Der „Bankenmarkt dümpelt vor sich hin“, wie Ermisch es selbst formulierte. Er will Bewegung sehen. Dass er nun ausgerechnet eine Digitalbank als Hebel wählt, zeigt, dass er an das Modell glaubt – solange die regulatorische Basis stimmt. Die Neobank bekommt mit ihm einen Aufpasser, der genau weiß, wie man aus einem „rollenden Patienten“ ein stabiles Finanzschwergewicht macht.

