Deutschland verfügt über eines der dichtesten Supermarktnetze der Welt – ein Umstand, der den Online-Handel mit Lebensmitteln jahrelang im Keim erstickte. Doch die „letzte Bastion“ des stationären Handels, wie Experten sie nennen, zeigt nun tiefe Risse.
Im Jahr 2025 kletterte der Nettoumsatz mit E-Food erstmals auf über sechs Milliarden Euro. Mit einem Zuwachs von mehr als zehn Prozent wächst die Sparte doppelt so schnell wie der restliche E-Commerce.
Der Grund für den plötzlichen Erfolg ist ein strategischer Shift: Während Giganten wie Amazon Fresh an den komplexen deutschen Strukturen scheiterten, greifen spezialisierte Anbieter wie Picnic und Knuspr mit enormem Kapital und logistischer Ausdauer an. Sie treffen den Nerv einer Gesellschaft, die Bequemlichkeit über das haptische Erlebnis im Laden stellt.

Picnic überholt den Branchenprimus Rewe
An der Spitze des Marktes tobt ein erbitterter Zweikampf. Bisher thronte Rewe unangefochten auf dem ersten Platz, profitiert jedoch stark von seinem „Click & Collect“-Modell, bei dem Kunden die Ware selbst in der Filiale abholen. Betrachtet man jedoch ausschließlich die reine Haustür-Zustellung, hat der Herausforderer Picnic den Marktführer inzwischen überholt.
Das Unternehmen, an dem Edeka maßgeblich beteiligt ist, konnte seinen Umsatz im vergangenen Jahr um mehr als 30 Prozent steigern. Mit über einer Million Kunden in 250 Städten hat Picnic das Prinzip des „Supermarkts auf Rädern“ massentauglich gemacht. Rewe hält mit Lieferungen in 91 Städten dagegen, hüllt sich jedoch bei konkreten Umsatzzahlen in Schweigen – ein Zeichen für den wachsenden Druck durch den agilen Konkurrenten.
Die Legende vom teuren Liefer-Luxus stirbt
Lange hielt sich das Vorurteil, der Online-Einkauf sei ein teures Vergnügen für die urbane Elite. Aktuelle Preisvergleiche strafen diese Annahme lügen. Ein Test-Warenkorb der WDR-Servicezeit ergab eine Preisdifferenz von lediglich zehn Cent zwischen dem stationären Handel und den Online-Angeboten von Picnic und Rewe.

Zwar fallen oft Liefergebühren an, doch diese werden durch sinkende Mindestbestellwerte oder kostenlose Liefertage zunehmend neutralisiert. Für viele Kunden ist die Ersparnis bei den Mobilitätskosten – etwa der Verzicht auf das eigene Auto – das schlagende Argument. Insbesondere für die ältere Generation und körperlich eingeschränkte Menschen wandelt sich der Dienst vom Luxusgut zur notwendigen Alltagshilfe.
Ein digitales Stadt-Land-Gefälle bleibt bestehen
Trotz des Wachstums ist der Marktanteil von Lebensmitteln im Internet mit knapp drei Prozent noch immer gering – im Vergleich zu fast 20 Prozent im Non-Food-Bereich. Das Potenzial ist also gewaltig, wird aber durch logistische Grenzen gebremst. Während Großstädte zwischen Flaschenpost, Flink und Knuspr wählen können, bleiben ländliche Regionen oft weiße Flecken auf der Lieferkarte.
Die Anbieter fokussieren sich auf dicht besiedelte Gebiete, um die „letzte Meile“ profitabel zu gestalten. Für den stationären Handel bedeutet das: Auf dem Land bleibt er (noch) konkurrenzlos, in den Metropolen hingegen beginnt der Verdrängungswettbewerb. Die Transformation hat gerade erst begonnen, doch die Richtung ist klar: Der klassische Einkaufswagen bekommt einen digitalen Motor.

