Es ist eine Nachricht mit Schockwellen-Potenzial für die deutsche Fondsbranche. Hendrik Leber, der Grand Seigneur des Value-Investings und Gründer von Acatis, bricht mit einem jahrzehntelangen Dogma. Wo man früher die Nase rümpfte, herrscht nun Goldgräberstimmung: Acatis steigt ins ETF-Geschäft ein.
Die Frankfurter Gesellschaft plant, bereits im zweiten Quartal 2026 ergänzende ETF-Anteilsklassen für ihre Erfolgsstrategien aufzulegen. Darunter findet sich kein Geringerer als der Schwergewicht-Fonds „Acatis Aktien Global“. Es ist der Versuch, eine „Nachzüglerbranche“ – den aktiven Fondsvertrieb – mit der gnadenlosen Effizienz der Börse zu retten.
Der Neobroker-Effekt erzwingt das Umdenken
Der Grund für den Kurswechsel ist so simpel wie brutal: Die Kunden sind weg. Während klassische Banken und ihre Berater immer mehr an Bedeutung verlieren, tummeln sich junge, zahlungskräftige Anleger auf Plattformen wie Trade Republic oder Scalable Capital. Dort jedoch herrscht für viele klassische Fonds technische Funkstille.
Hendrik Leber gibt unumwunden zu, dass technische Hürden den Zugang zu dieser neuen Welt bisher versperrt haben. „Es gibt Kunden, die das Produkt gerne hätten, aber es nicht bekommen, weil es nicht gelistet ist“, so Leber. Die ETF-Hülle dient nun als trojanisches Pferd, um in die Depots der Smartphone-Generation einzuziehen. Es geht um Reichweite, die über klassische Abwicklungswege nicht mehr zu generieren ist.
Aktiv im Geist, passiv in der Hülle
Wer nun glaubt, Acatis würde zum bloßen Index-Folger mutieren, irrt gewaltig. Die Frankfurter setzen auf einen Zwitter: den aktiven ETF. „Inhaltlich bleiben die Fonds aktiv“, stellt Leber klar. Es wird keine sture Replikation eines Index geben, sondern die bewährte, selektive Aktienauswahl – nur eben börsennotiert und zu stündlich aktualisierten Preisen.
Um dies zu ermöglichen, rüstet Acatis technologisch massiv auf. Um Market Makern das Stellen präziser Börsenkurse zu erlauben, muss die Gesellschaft ihre Fondsinhalte nahezu in Echtzeit transparent machen. Dies ist ein gewaltiger Schritt weg von der traditionellen Geheimniskrämerei aktiver Manager, die ihre Portfolios oft nur zeitverzögert offenlegen.

Die Gebühren-Falle schnappt zu
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der neuen Anteilsklassen dürfte die Kostenstruktur sein. Leber selbst räumt ein, dass die Gebühren in der ETF-Variante niedriger ausfallen dürften. Für Anleger ist das eine Win-Win-Situation: Sie erhalten das Know-how eines Top-Managers zum Discount-Tarif der ETF-Welt.
Für die etablierten Konkurrenten ist dieser Schritt ein Albtraum. Wenn renommierte Häuser wie Acatis ihre Strategien in die ETF-Hülle packen, gerät das gesamte Provisionsmodell der klassischen Fondsbranche weiter unter Beschuss. Der Markt entscheidet sich zunehmend gegen den Berater und für den direkten, günstigen Zugriff.
Acatis folgt damit einem globalen Trend, der in den USA bereits Billionen von Dollar bewegt hat. In Europa steckte der Markt für aktive ETFs bisher in den Kinderschuhen. Wenn der „Value-Papst“ nun die Seiten wechselt, könnte dies der Dammbruch sein, auf den viele Anleger gewartet haben. Die Botschaft aus Frankfurt ist deutlich: Wer überleben will, muss dort sein, wo die Kunden klicken.


