04. Februar, 2026

Unternehmen

Die 99-Cent-Falle: Wie Aldi und Lidl sich im Schoko-Krieg gegenseitig zerfleischen

Der ewige Kampf um die Preishoheit im deutschen Einzelhandel erreicht eine neue Eskalationsstufe. Nachdem Butter und Milch zum strategischen Bauernopfer wurden, brennt nun die Hütte im Süßwarenregal. Während die Discounter-Riesen Marktanteile kaufen, bangt der Mittelstand um seine Existenz.

Die 99-Cent-Falle: Wie Aldi und Lidl sich im Schoko-Krieg gegenseitig zerfleischen
Schokoladenpreise im freien Fall: Discounter nutzen sinkende Kakaopreise für aggressive Rabatte. Was das für Marken wie Ritter Sport bedeutet.

Der erste Schlag kam aus Essen, die Antwort folgte prompt aus Neckarsulm, und das Ergebnis lässt sich in Cent-Beträgen auf den Kassenbons der Republik ablesen. Aldi hat die Taktzahl im neuen Jahr massiv erhöht und peitscht eine Preissenkungswelle nach der nächsten durch die Filialen. Sieben Mal in nur sechs Wochen wurden die Rotstifte angesetzt.

Doch was oberflächlich wie ein Geschenk an die inflationsgeplagten Kunden wirkt, ist in Wahrheit eine brutale Revierverteidigung. Aldi, der Urvater des Discounts, spürt den heißen Atem von Lidl im Nacken. Der Herausforderer aus der Schwarz-Gruppe hat nicht nur beim digitalen Absatz längst die Nase vorn, sondern rüttelt mit einem Nettoerlös von über 30 Milliarden Euro gefährlich am Thron des Marktführers.

Die Preisführerschaft ist zur reinen Psychologie verkommen

Es geht längst nicht mehr nur um die günstigste Kalkulation, sondern um das Image der Unschlagbarkeit. Wer die sogenannten Eckpreisartikel kontrolliert, kontrolliert den Kundenstrom. Waren es im vergangenen Jahr noch Milchprodukte, die teils unter Einstandspreis verramscht wurden, ist nun die Schokolade an der Reihe.

Die Logik dahinter ist simpel wie effektiv: Produkte, deren Preise die Verbraucher im Kopf haben, dienen als Lockvogel. Wenn die 100-Gramm-Tafel der Eigenmarke plötzlich drastisch im Preis sinkt, suggeriert das dem Käufer eine allgemeine Billig-Strategie im gesamten Sortiment.

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Dass dieser Effekt durch eine Mischkalkulation bei weniger transparenten Randsortimenten querfinanziert wird, merkt der Kunde beim hastigen Griff ins Regal meist nicht. Hier wird mit harten Bandagen um die psychologische Hoheit gekämpft.

Der Kakaomarkt liefert die Munition für das neue Duell

Dass ausgerechnet Schokolade zum Schlachtfeld wird, ist kein Zufall. Seit 2020 hat sich die klassische Tafel im Schnitt um 70 Prozent verteuert, getrieben durch explodierende Rohstoffkosten. Die Tonne Kakao wurde zeitweise wie Gold gehandelt, Spekulanten trieben die Preise auf bis zu 12.000 Dollar.

Doch der Wind hat sich gedreht. Am Weltmarkt sind die Notierungen deutlich abgekühlt, was Aldi und Lidl nun nutzen, um ihre Eigenmarken wie Choceur oder Fin Carré mit aggressiven Rabatten in die Schaufenster zu stellen. Wer hier zuerst senkt, gewinnt die Deutungshoheit über die Preisgestaltung im gesamten Markt.

Lidl behauptet stolz, allein innerhalb einer Woche vier Mal die Preise angepasst zu haben – ein Wettrüsten, das keinen Raum für Fehler lässt. Die Discounter nutzen die Gunst der Stunde, um den Frust der Verbraucher über die Teuerung in Loyalität umzumünzen.

Markenhersteller geraten zwischen die Fronten der Giganten

Während die Discounter ihr Spiel spielen, wächst bei den etablierten Markenherstellern die nackte Existenzangst. Für Unternehmen wie Ritter Sport oder Lambertz ist die Situation paradox. Trotz steigender Umsätze schmelzen die Gewinne dahin oder schlagen in herbe Verluste um.

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Andreas Ronken, Chef von Ritter Sport, bringt das Dilemma auf den Punkt: Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Die massiven Mehrkosten für Energie, Logistik und Verpackung lassen sich im harten Verhandlungspoker mit den Handelsriesen kaum durchsetzen.

Wenn nun Aldi und Lidl die Preise für ihre Eigenmarken aggressiv senken, entsteht ein enormer Druck auf die Markenartikel. Der Verbraucher gewöhnt sich an das niedrige Niveau und verweigert den Aufpreis für das Markenlogo, was die Margen der Produzenten weiter aushöhlt.

Die Produktion in Deutschland wird zum unkalkulierbaren Risiko

Die Konsequenzen dieses Verdrängungswettbewerbs sind bereits in den Werkshallen spürbar. Wenn Schokolade zum Spielball eines Wettbewerbsgerangels wird, wie es Lambertz-Inhaber Hermann Bühlbecker formuliert, bleibt den Produzenten oft nur die Flucht.

Wer nicht durch geografisch geschützte Herkunftssiegel wie bei Aachener Printen an den Standort gebunden ist, denkt laut über Abwanderung nach. Polen lockt mit geringeren Kostenstrukturen für Produkte wie Keksmischungen oder Konfekt, die keinen Herkunftsschutz genießen.

Für traditionsreiche Familienunternehmen wird der Standort Deutschland zunehmend zur Last, da die Discounter-Schlacht keine Rücksicht auf lokale Wertschöpfungsketten oder steigende Lohnkosten nimmt. Der Preisdruck frisst die Substanz der mittelständischen Industrie auf.

Langfristige Verträge verhindern schnelle Entlastung für Produzenten

Ein Ende der Preisschlacht ist nicht in Sicht, da die psychologische Wirkung der Preisschwellen zu mächtig ist. Zwar sinken die Kakaopreise am Weltmarkt wieder, doch für viele Hersteller kommt diese Entlastung zu spät für das aktuelle Geschäft.

Wer sich bereits vor Monaten für die kommende Saison mit teuren Rohwaren eingedeckt hat, sitzt nun auf hohen Fixkosten, während die Discounter an der Ladenkasse bereits die nächste Rabattrunde einläuten. Diese zeitliche Verzögerung wirkt wie ein Gift für die Bilanzen.

In den anstehenden Verhandlungen für das kommende Weihnachtsgeschäft wird es für die Industrie um alles gehen. Doch die Discounter haben bereits klargestellt: In ihrem Kampf um die Krone ist kein Platz für Sentimentalitäten gegenüber dem Mittelstand.

Wer im Supermarktregal zur billigen Tafel greift, spart zwar ein paar Cent, unterschreibt aber gleichzeitig den Räumungsbescheid für den nächsten deutschen Produktionsstandort.

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