Es sollte der große Befreiungsschlag für die marode deutsche Infrastruktur sein. Als Bundeskanzler Friedrich Merz im März 2025 die Verfassungsänderung für ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen durchpeitschte, war die Rhetorik staatstragend. Von einer „Investitionsoffensive“ war die Rede, von der Rettung des Standorts vor der Deindustrialisierung. Doch kaum ist das Geld in den Kassen der Bundesländer gelandet, zeigt sich ein Bild der politischen Beliebigkeit, das jeden Steuerzahler fassungslos zurücklässt.
Ein sattes Fünftel dieser gewaltigen Summe – stolze 100 Milliarden Euro – wurde den Ministerpräsidenten als Preis für ihre Zustimmung überlassen. Das Fatale: Im Gegensatz zum Bund müssen die Länder keine Bedingungen erfüllen.
Es gibt keine Kontrolle, keine Pflicht zur „Zusätzlichkeit“. Was als Turbo für die Wirtschaft gedacht war, wird nun zur willkommenen Resterampe für lokale Prestigeprojekte und löchrige Haushalte. Die 100 Milliarden Euro fließen bis 2036 tranchenweise an die Landesfürsten, die das Geld weitgehend nach eigenem Gutdünken verpulvern dürfen.

Von Schlangen und Schlägern: Die kreative Zweckentfremdung
Die Liste der geförderten Projekte liest sich stellenweise wie eine Realsatire auf den Wirtschaftsstandort. In Bayern fließen fast 15 Millionen Euro in den Neubau einer Reptilienauffangstation in Neufahrn. Was zweifellos ein Herz für Schlangen und Echsen beweist, lässt Ökonomen ratlos zurück.
„Es ist zweifelhaft, dass Länder und Gemeinden mit den Mitteln auch in relevantem Umfang zusätzliche Investitionen finanzieren“, urteilt die Bundesbank trocken.
Doch es kommt noch bunter: Ebenfalls im bayerischen Haushalt finden sich zehn Millionen Euro für die Sanierung der Tennisanlagen des MTTC Iphitos – einem Nobelclub am Englischen Garten.
Während Brücken bröckeln und die Bahn im Chaos versinkt, wird mit Bundesschulden der Sandplatz für die Münchener High Society aufbereitet. Es ist eine „große Verarsche“, wie es ein erfahrener Haushälter im Bundestag drastisch formuliert.
Die Länder nutzen die Milliarden nicht, um neue Kräfte freizusetzen, sondern um Investitionen, die sie ohnehin hätten tätigen müssen, einfach umzubuchen. So wird aus einer Investitionsoffensive eine gigantische Entlastung für die Kernhaushalte, während der versprochene Wachstumsimpuls schlichtweg ausbleibt.
Berlin pflanzt Bäume auf Pump statt Schulen zu sanieren
Auch in der Hauptstadt regiert die kreative Buchführung. Berlin erhält rund fünf Milliarden Euro aus dem Sondertopf. Angesichts schimmelnder Schulen und einer kollabierenden S-Bahn-Infrastruktur gäbe es genug zu tun. Doch die Berliner Prioritäten liegen anders: Eine Milliarde Euro – ein Fünftel des gesamten Anteils – soll in die Pflanzung von 500.000 Bäumen fließen.
Was ökologisch wertvoll klingen mag, ist ökonomisch ein Offenbarungseid. Hier werden Schulden des Bundes genutzt, um Verpflichtungen aus einem lokalen Bürgerentscheid zu bedienen. Das hat mit „standortfördernder Infrastruktur“ nichts zu tun.
Noch bizarrer wird es beim „Queeren Archivzentrum“, das jährlich fast eine Million Euro aus dem Sondervermögen erhält. Bei allem Respekt für die Vielfalt: In einem Topf, der laut Kanzler Merz die „Verteidigungsfähigkeit und Modernisierung“ Deutschlands sichern sollte, haben solche konsumtiven Ausgaben nichts verloren.
Der Bundesrechnungshof warnt bereits vor der Gefahr, dass die Mittel schlicht dazu benutzt werden, um bestehende Löcher zu stopfen. Es findet ein Etikettenschwindel statt, bei dem normale Verwaltungsausgaben plötzlich als „Zukunftsinvestitionen“ getarnt werden.

Der Bund als schlechtes Vorbild beim Verschleiern
Doch die Länder sind nicht die einzigen Sünder. Auch die schwarz-rote Bundesregierung steht unter Verdacht, das Geld zweckentfremdet zu haben. Die Grünen-Bundestagsfraktion wirft der Koalition vor, Milliarden, die für Klimaschutz und Schiene gedacht waren, in den Konsum umzuleiten.
„Milliarden landen in der fossilen Vergangenheit und bei Wahlversprechen wie der Mütterrente“, kritisiert Andreas Audretsch von den Grünen. Die Bundesregierung scheint das Prinzip der „Zusätzlichkeit“ selbst nur als lästige Empfehlung zu betrachten.
Experten wie Tobias Hentze vom IW Köln belegen die Misere mit Zahlen: Allein in Bayern steigen die geplanten Investitionen 2026 deutlich weniger stark an, als Mittel aus dem Sondervermögen hineinfließen. Das bedeutet im Klartext: Das frische Geld ersetzt lediglich altes Geld, das nun für andere Dinge ausgegeben werden kann.
Es ist ein klassisches Versickern von Steuergeldern in einem System, das keine wirksamen Kontrollmechanismen gegen den kommunalen und regionalen Egoismus besitzt.
Die Pointe dieses 500-Milliarden-Pokers ist so nüchtern wie deprimierend: Während die Industrie abwandert und 10.000 Jobs pro Monat verloren gehen, feiert man in der Provinz die Sanierung von Tierheimen und Tennisplätzen auf Kosten künftiger Generationen. Friedrich Merz hatte recht, als er sagte: „Geld allein löst keine Probleme.“ Er vergaß jedoch hinzuzufügen, dass ein Plan ohne Kontrolle nur neue Schuldenberge ohne Gegenwert schafft. Deutschland leistet sich den teuersten Stillstand aller Zeiten.

