Die Unsicherheit rund um das Deutschlandticket nimmt zu: Nachdem der Landkreis Stendal beschlossen hatte, das Ticket nicht mehr anzuerkennen, könnte theoretisch auch in anderen Regionen ein Ausstieg aus dem einheitlichen Fahrschein erfolgen. Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab jedoch, dass die meisten Verkehrsministerien der Länder keine Bestrebungen in den Kommunen sehen, aus dem Deutschlandticket auszusteigen. Dennoch gibt es vielerorts keine tariflichen Anordnungen von den Landesregierungen, um das Ticket verbindlich zu machen.
Die meisten Länder setzen darauf, dass die Landkreise und Verkehrsunternehmen innerhalb der Verkehrsverbünde durch Beschlüsse an das Deutschlandticket gebunden werden. Es ist unwahrscheinlich, dass ein ganzer Verkehrsverbund das Ticket ablehnt. Je nach Größe des Verbunds ist ein Ausstieg jedoch nicht ausgeschlossen.
Im Landkreis Stendal wurde der Beschluss zur Anerkennung des Deutschlandtickets vom Kreistag nicht genehmigt. Ab dem 1. Januar gilt das Ticket dort in den Bussen nicht mehr. Der Landkreis hatte mit zusätzlichen Kosten von 40.000 Euro für die ersten vier Monate gerechnet. Kommende Woche soll ein Sonderkreistag darüber entscheiden, ob das Deutschlandticket wieder anerkannt wird. Zuvor hatte das Land den Kreisen weitere 10 Millionen Euro zur Finanzierung zugesichert.
In Hessen etwa gilt in allen Verkehrsverbünden ein sogenannter Verbundtarif, zu dem auch das Deutschlandticket gehört, erklärte das Verkehrsministerium in Wiesbaden. Ähnlich ist die Situation auch in Brandenburg und Schleswig-Holstein. Der Landkreis Stendal ist jedoch kein Teil eines Verkehrsverbunds und konnte sich daher leichter gegen das Deutschlandticket wenden.
Thüringen hat das Deutschlandticket als einziges Bundesland in seinem ÖPNV-Gesetz verankert. Als Ausgleich für etwaige Nachteile, die den Verkehrsunternehmen dadurch entstehen, schuldet der Freistaat Thüringen diesen eine Entschädigung, erklärte das Ministerium in Erfurt.
In Baden-Württemberg und Sachsen wird derzeit noch geprüft, ob eine tarifliche Anordnung für das Deutschlandticket erfolgt. In Baden-Württemberg gibt es rund 20 Verkehrsverbünde, einige von ihnen repräsentieren lediglich einen einzigen Landkreis. Die Hürden für einen Protest wie in Stendal wären daher geringer als beispielsweise in Brandenburg, wo der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg alle Landkreise umfasst.
Ein Sprecher des niedersächsischen Verkehrsministeriums erklärte, dass eine ähnliche Situation wie in Stendal theoretisch auch dort möglich wäre. Man sehe jedoch keine Gefahr dafür. In Nordrhein-Westfalen sind ähnliche Vorgänge wie in Stendal nicht bekannt, daher sieht man dort keine Notwendigkeit einer Anordnung. In Mecklenburg-Vorpommern wurden die Kommunen aufgefordert, die bestehenden Tarifanordnungen für das Deutschlandticket bis zum 30. April 2024 zu verlängern.
Hintergrund der Debatte ist die nicht bis ins Detail geregelte Finanzierung des Deutschlandtickets für das Jahr 2024. Bund und Länder sind sich zwar einig, dass es das Ticket auch im kommenden Jahr geben soll, aber nicht darüber, wie mögliche Mehrkosten finanziert werden sollen. Laut einer Prognose des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) belaufen sich die Verluste der Branche durch die Einführung des Deutschlandtickets in diesem Jahr auf 2,3 Milliarden Euro. Im vollen Jahr 2024 werden es voraussichtlich 4,1 Milliarden Euro sein.
Bund und Länder haben bisher zugesagt, für 2023 und 2024 insgesamt sechs Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Es besteht jedoch die Möglichkeit einer Finanzierungslücke von 400 Millionen Euro. Die Verkehrsminister der Länder wurden beauftragt, rechtzeitig vor dem 1. Mai 2024 ein Konzept für die weitere Finanzierung des Tickets vorzulegen. Dieses Konzept soll auch einen Mechanismus zur Anpassung des Ticketpreises enthalten, der eine Erhöhung beinhalten kann.
Die aktuellen Regelungen rund um das Deutschlandticket sind für Verkehrsunternehmen mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) fordert daher eine rechtliche Absicherung, während die Allianz Pro Schiene Finanzierungssicherheit für die Mehrkosten verlangt. Der Deutsche Landkreistag forderte, dass die Länder die Landkreise und Städte zur Anwendung des Deutschlandtickets verpflichten und die Finanzverantwortung übernehmen.