In der Bundesrepublik zeigt sich eine kontinuierliche Besorgnis um die Armuts- und Ausgrenzungsgefahr: Laut ersten Ergebnissen einer Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen aus dem Hause des Statistischen Bundesamtes sind rund 17,7 Millionen Menschen davon betroffen. Dies entspricht 21,2 Prozent der Bevölkerung, ein Wert, der im Vergleich zum Vorjahr nahezu stagnierte. Doch ist dies kein Anlass zur Beruhigung, wie der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge deutlich macht. Er beklagt eine zunehmende Armut, die weit über die offiziellen Statistiken hinausreiche und auch die Mittelschicht erfasse.
Der Kriterienkatalog, nach dem in der EU Armut und soziale Ausgrenzung bemessen werden, basiert unter anderem auf der Einkommensschwelle. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, gilt als armutsgefährdet. In Zahlen ausgedrückt waren dies im Jahr 2023, knapp zwölf Millionen Menschen oder 14,3 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr mit 14,8 Prozent eine geringfügige Verbesserung. In Deutschland betrug diese Grenze für Alleinlebende netto 1310 Euro pro Monat, für eine vierköpfige Familie 2751 Euro.
Zudem wurden 6,9 Prozent der Gesellschaft mit gravierenden materiellen und sozialen Entbehrungen konfrontiert – ein leichter Anstieg im Vergleich zu den 6,2 Prozent des Vorjahres. Das bedeutet konkret etwa Schwierigkeiten bei der Mietzahlung oder der Finanzierung einer einwöchigen Urlaubsreise. Auch lebten 9,8 Prozent der unter 65-Jährigen in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsaktivität, ein Anteil, der sich gegenüber 2022 nicht veränderte.
Die angeführten Statistiken seien allerdings mit Vorsicht zu genießen, warnen Experten. Butterwegge etwa betrachtet die Einkommensarmut als aussagekräftigstes Kriterium und verweist auf die durch die Inflation gestiegenen Preise. Irene Becker, Fachfrau für empirische Verteilungsforschung, unterstützt diese Ansicht und macht darauf aufmerksam, dass die realen Belastungen von Familien in den Zahlen nicht sichtbar würden – vor allem Kinder seien hier die Leidtragenden.
Beide Wissenschaftler bemängeln das ausbleibende politische Eingreifen, insbesondere in Bezug auf Kinderarmut. Während Butterwegge die Einführung einer Kindergrundsicherung als zentralen Lösungsansatz sieht, kritisiert Irene Becker die zu breit gestreuten politischen Ausgleichsmaßnahmen und plädiert für gezieltere finanzielle Unterstützung bedürftiger Personen.