Eine Branche, die sich noch nicht erholt hat, bekommt den nächsten Schlag
Zwei Jahre in Folge Umsatzrückgang – das ist die Ausgangslage der deutschen Modeindustrie, bevor der Iran-Krieg die Lieferketten in Unordnung brachte. 2025 sank der Gesamtumsatz im deutschen Bekleidungsgewerbe um 1,4 Prozent auf rund 6,1 Milliarden Euro. German-Fashion-Präsident Justus Lebek fasst das Jahr mit einem einzigen Wort zusammen: „wenig berauschend."
Was folgt, ist schlechter. Der Iran-Krieg hat eine Folgekrise ausgelöst, die in der öffentlichen Debatte kaum Aufmerksamkeit bekommt – aber in den Kalkulationsabteilungen der Modehersteller bereits für Panik sorgt.
Der Grund ist so simpel wie folgenreich: Der Großteil der deutschen Mode wird in Asien produziert. Sie muss nach Europa. Und dieser Weg ist plötzlich dramatisch teurer – oder schlicht blockiert.
Container kosten das Doppelte, Dubai fliegt nicht mehr zuverlässig
Seefrachtcontainer sind wegen Risikozuschlägen heute fast doppelt so teuer wie vor dem Iran-Krieg, sagt Lebek gegenüber dem Handelsblatt. Er habe schon von Preisen bis zu 10.000 US-Dollar pro Container gehört. Noch vor wenigen Jahren ließen sich stabile Preise für sechs oder zwölf Monate vereinbaren. Heute plane man tage- oder wochenweise.
Der Ausweichweg über die Luft funktioniert nicht mehr zuverlässig. Rund 20 Prozent der Mode werden nach Europa eingeflogen – oft über die Drehkreuze Dubai und Abu Dhabi. Beide sind seit Kriegsbeginn massiv gestört.
Bleibt der Landweg über Russland. Den nimmt kaum noch jemand. Für Warentransporte durch Russland bekomme man in der Regel keine Versicherung mehr, sagt Lebek. „Das muss man dann auf eigenes unternehmerisches Risiko machen." Eine Option, die für mittelständische Unternehmen mit begrenzten Puffern kaum tragbar ist.

Konsumenten sparen, Marken verlieren, Insolvenzen häufen sich
Die Logistikkrise trifft eine Branche, die ohnehin unter schwerem Konsumklimaschock leidet. Lebek zählt auf: steigende Lebenshaltungskosten, geopolitische Spannungen, Angst um Arbeitsplätze. Die Sparneigung der Deutschen liegt laut Statistischem Bundesamt so hoch wie zuletzt in der Finanzkrise 2008. „Mode wird zurückhaltender gekauft", sagt Lebek.
Die Unternehmenslandschaft spiegelt das wider. Puma, mit 7,3 Milliarden Euro Umsatz das größte German-Fashion-Mitglied, erlebte 2025 einen steilen Absturz: minus 13 Prozent beim Umsatz, operativer Verlust von 357 Millionen Euro. Die Hamburger Edelmarke Closed meldete im August 2025 Insolvenz an und wurde im Herbst von der Marc-O'Polo-Eigentümerfamilie Böck übernommen.
Am gestrigen Montag verkündete Olymp-Chef Mark Bezner, die Markenrechte am insolventen Wettbewerber Eterna aus Passau zu kaufen. Konsolidierung als Überlebensstrategie – ein Signal, das die Stimmung in der Branche präzise beschreibt.
Tom Tailor und S.Oliver arbeiten weiterhin an ihrem Turnaround: Umsatz leicht rückläufig, Ergebnis aber verbessert. Das ist das Beste, was die Mittelpreissegmente gerade berichten können.
Zwei Segmente wachsen – und verraten etwas über die Zeit
Inmitten der Misere gibt es zwei Ausnahmen. Strumpfwaren wuchsen 2025 um vier Prozent, Arbeits- und Berufsbekleidung um 3,3 Prozent. Workwear boomt seit Jahren, angeführt von Strauss, dem früheren Engelbert Strauss, dem nun auch Schöffel und Uvex in den Markt folgen.
Diese Zahlen sind nicht zufällig. Sie zeigen, was Konsumenten kaufen, wenn das Geld knapper wird: das Notwendige. Funktionale Kleidung für den Beruf, Basics für den Alltag. Alles andere – Modetrends, Premiummarken, Saisonkollektionen – wird verschoben oder gestrichen.

Der Export bricht ein, der Import steigt – wegen Shein und Temu
Das Außenhandelsungleichgewicht der deutschen Modeindustrie verschlechtert sich weiter. Der Modeexport sank 2025 zum zweiten Mal in Folge, diesmal um rund drei Prozent. Die Importe dagegen stiegen um neun Prozent.
Ein erheblicher Teil davon kommt aus China, dem wichtigsten Beschaffungsland der deutschen Modeindustrie: 2025 wurden über 17 Prozent mehr Kleidungsstücke aus China importiert. Darin enthalten sind allerdings auch Fast-Fashion-Produkte, die über Plattformen wie Shein und Temu direkt an deutsche Konsumenten verkauft werden – und damit deutschen Marken direkte Konkurrenz machen.
Das ist das strukturelle Dilemma der deutschen Modeindustrie in komprimierter Form: Sie produziert in Asien, transportiert teuer nach Europa und konkurriert dabei mit asiatischen Anbietern, die auf dem gleichen Kontinent produzieren und direkt versenden.
Ägypten wird zur strategischen Antwort auf den Logistik-Albtraum
Während die Krise die Lieferketten von Asien nach Europa zerstört, entsteht an einem anderen Ort eine Alternative. Ägypten verzeichnete 2025 einen Importzuwachs von 41,8 Prozent – mit Abstand der größte prozentuale Zuwachs aller Beschaffungsländer.
Der Grund ist das sogenannte Nearshoring: kürzere Transportwege, schnellere Reaktion auf Modetrends, geringeres Lieferkettenrisiko. Hugo Boss baut seine Kooperation mit dem Unido Egyptian Cotton Project aus und sichert sich Zugang zu nachhaltiger ägyptischer Baumwolle. Marc O'Polo produziert bereits dort.
Im September 2025 reisten Vertreter von 18 deutschen Textilmaschinenbauern nach Kairo und Alexandria. Mit dabei: Marktführer wie Karl Mayer Stoll, Groz-Beckert, Lindauer DORNIER und Trützschler. Denn im ägyptischen El-Mahalla entsteht derzeit die größte Spinnerei der Welt unter einem Dach – 182.000 Spindeln, täglich rund 30 Tonnen Garn. Trützschler aus Mönchengladbach lieferte die Putzerei- und Kardieranlagen, Lindauer DORNIER die Weberei-Maschinen.
Der Hongkonger Hersteller Crystal Martin Group, der für Nike und Adidas produziert, kündigte im Juli 2025 den Bau einer 1,5 Millionen Quadratmeter großen Fabrik nahe Kairo an. Fertigstellung: Mitte 2027.
Deutsche Modeindustrie sucht den Ausweg – und findet ihn nicht sofort
German Fashion registriere nach wie vor eine deutliche Kaufzurückhaltung, sagt Lebek. Von den Konjunkturpaketen der Großen Koalition gehe „keine spürbare Veränderung" aus. Die Branche fordert wiederholt gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer und beklagt die zunehmende regulatorische Belastung.
Die Verlagerung nach Ägypten ist ein strukturell richtiger Schritt. Aber Spinnereien und Fabriken brauchen Jahre. Bis Mitte 2027 der Crystal-Martin-Komplex fertig ist, müssen deutsche Modehersteller weiter mit doppelt teuren Containern kalkulieren, mit gestörten Luftfrachtzentren planen und auf eigenes Risiko durch Russland liefern lassen.
Die deutsche Modeindustrie hat den Rettungsanker bereits geworfen. Ob das Seil lang genug ist, zeigt der Sommer 2026.



