Der Mythos Volkswagen bekommt Risse, die sich durch das gesamte Fundament des deutschen Industriestolz ziehen. Was sich über Monate in düsteren Prognosen abzeichnete, ist nun bittere Gewissheit: Der Gewinn des Wolfsburger Weltkonzerns ist im vergangenen Jahr um fast die Hälfte eingebrochen. Mit einem Ergebnis nach Steuern von lediglich 6,9 Milliarden Euro liefert VW die schlechteste Bilanz seit dem verheerenden Dieselskandal von 2016 ab.
Es ist eine Bilanz des Schreckens, die weit über nackte Zahlen hinausgeht. Hinter der Fassade der Umsatzstabilität – der Erlös sank nur marginal auf 322 Milliarden Euro – verbirgt sich eine dramatische Erosion der Ertragskraft. Die einst stolze Cash-Maschine aus Niedersachsen stottert gefährlich, während globale Verwerfungen und hausgemachte Fehlplanungen den Konzern in die Zange nehmen.
Die goldene Ära der Beschäftigungsgarantie weicht einer Ära der Angst
Die Konsequenz aus diesem finanziellen Desaster ist ein personeller Aderlass, den die Bundesrepublik in dieser Größenordnung selten erlebt hat. Bis zum Jahr 2030 will Volkswagen insgesamt 50.000 Stellen in Deutschland streichen. Was Konzernchef Oliver Blume in einem Brief an die Aktionäre als „konsequente Kostensenkung“ umschreibt, ist für die betroffene Belegschaft ein Beben der Stärke zehn.

Dabei ist der Abbau kein plötzliches Ereignis, sondern die Summe einer schleichenden Kapitulation vor der neuen Marktrealität. Die Zahl setzt sich aus verschiedenen Sparpaketen zusammen: 35.000 Stellen bei der Kernmarke VW, flankiert von massiven Einschnitten bei der Software-Tochter Cariad und der Luxusmarke Porsche. Es ist der Versuch, einen Tanker zu wenden, der zu lange auf falschem Kurs dampfte.
„Insgesamt sollen bis 2030 rund 50.000 Stellen im gesamten Volkswagen-Konzern in Deutschland abgebaut werden“, so Konzernvorstand Oliver Blume klipp und klar.
Es ist das Ende der Gemütlichkeit in den Werkhallen von Emden bis Zwickau. Wer glaubte, die Transformation zur Elektromobilität ließe sich ohne soziale Härten bewältigen, wird nun eines Besseren belehrt.
Donald Trump und die China-Falle bringen den Weltkonzern ins Wanken
Die Ursachen für den Absturz sind vielfältig und wirken wie ein „Perfect Storm“ gegen die deutsche Ingenieurskunst. Zum einen schlagen die Handelsbarrieren der USA voll ins Kontor. Die Zölle unter US-Präsident Donald Trump haben das Amerikageschäft empfindlich verteuert und die Margen weggefressen. Volkswagen ist hier zum Spielball einer geopolitischen Konfrontation geworden, auf die man in Wolfsburg keine Antwort fand.
Gleichzeitig erweist sich der einstige Hoffnungsträger China zunehmend als Mühlstein. Während chinesische Hersteller mit aggressiver Preispolitik und digitaler Überlegenheit den heimischen Markt dominieren, verliert VW dort massiv an Boden. Die Zeiten, in denen Peking die Gewinne für Wolfsburg garantierte, sind unwiederbringlich vorbei.

Finanzchef Arno Antlitz findet dafür deutliche Worte. Das Jahr sei von geopolitischen Spannungen, Zöllen und einer extremen Wettbewerbsintensität geprägt gewesen. Er warnt: „Das aktuelle Ergebnisniveau von bereinigt 4,6 Prozent vor Restrukturierung reicht aber langfristig nicht aus.“ Für einen Konzern dieser Größe ist eine solche Rendite kaum mehr als ein Überlebenskampf auf Sparflamme.
Das Porsche-Debakel entlarvt die Arroganz der Elektro-Strategie
Besonders schmerzhaft trifft den Konzern die Krise bei der Tochter Porsche. Die Stuttgarter Sportwagenschmiede, jahrelang die unangefochtene Gewinnperle und Renditestütze des Imperiums, ist förmlich implodiert. Das operative Ergebnis stürzte von 5,3 Milliarden Euro auf lächerliche 90 Millionen Euro ab. Das ist kein Knick in der Kurve, das ist ein freier Fall.
Porsche leidet unter einer massiven Fehleinschätzung des Marktes. Man glaubte, die treue Kundschaft im Rekordtempo zur Elektromobilität zwingen zu können, während die Fans der Marke weiterhin nach dem Röhren des Verbrennungsmotors lechzen. Nun erfolgt der hektische Strategie-Schwenk zurück zur alten Welt – eine Korrektur, die Milliarden kostet und das Image der Unfehlbarkeit beschädigt hat.
Die Quittung für dieses Management-Versagen spüren die Bosse nun auch im eigenen Portemonnaie, wenn auch auf hohem Niveau. Oliver Blumes Vergütung sank von über zehn Millionen auf rund 7,4 Millionen Euro. „Alle Vorstandsmitglieder hatten im Zusammenhang mit dem milliardenschweren Sparprogramm auf Gehalt verzichtet“, heißt es aus dem Konzern. Doch während Blume auf eine halbe Million verzichtet, bangen 50.000 Menschen um ihre nackte Existenz.
Zynisches Detail am Rande: Der bestbezahlte Mann im Volkswagen-Kosmos ist derzeit jemand, der gar nicht mehr dort arbeitet. Ex-Chef Herbert Diess kassierte für das abgelaufene Jahr dank seines laufenden Vertrages noch über neun Millionen Euro. Es ist die finale Pointe in einem Drama um Fehlplanungen, bei dem die Zeche wie so oft die Basis zahlt, während die Architekten des Niedergangs weich fallen.


